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31.1.2007 | Von:
Rolf Schieder

Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

Nehmen die Bindung an die Kirchen und ihr Einfluss stetig ab?

Wenn auch die Zahl von 61 744 Kircheneintritten im Jahr 2004 in die evangelische Kirche nicht wenig ist, so steht dem doch eine Zahl von 141 567 Kirchenaustritten gegenüber.[8] Die Mitgliederzahlen der Kirchen schrumpfen - damit stehen sie freilich nicht allein. Gewerkschaften, Sportvereine, vor allem aber politische Parteien haben Mitgliederverluste zu beklagen. Vergleicht man die Zahl der Konfessionslosen mit der der Parteilosen, dann ergibt sich folgendes Bild: In Deutschland gibt es knapp 30 Prozent Konfessionslose und 68 Prozent Mitglieder christlicher Kirchen. Dem stehen 97,82 Prozent Parteilose (bezogen auf die Parteieintrittsberechtigten) und nur 2,18 Prozent Parteimitglieder gegenüber.[9] Die Parteien halten das für keinen dramatischen, schon gar nicht öffentlich zu diskutierenden Sachverhalt, denn sie rechnen damit, dass die parteilosen Bürgerinnen und Bürger bei Wahlen ihrer Neigung zu der einen oder anderen Partei schon alle paar Jahre Ausdruck verleihen werden. Und deshalb nennen sich die Parteien trotz ihres verschwindend geringen Mitgliederbestandes weiter munter "Volksparteien".

Mit 27 Prozent Mitgliedschaft liegen die Kirchen im Osten der Republik weit vor den Parteimitgliedschaftszahlen. Bei den fast 70 Prozent Konfessionslosen kann die Kirche nicht nur auf Zustimmung bei Gelegenheit - z.B. an Weihnachten oder bei anlassbezogenen Gottesdiensten - rechnen, sondern auch auf die zunehmende Inanspruchnahme kirchlicher Kindergärten, Schulen und diakonischer Einrichtungen. Aktuelle statistische Daten aus der Berlin-Brandenburgischen Kirche zeigen, dass die Attraktivität von Kindertagesstätten in kirchlicher oder diakonischer Trägerschaft ungebrochen ist. Gab es im Jahr 2002 17 570 Plätze in 367 Einrichtungen, so stehen im Jahre 2006 20 864 Plätze in 411 Einrichtungen zur Verfügung, ein Zuwachs also um fast 20 Prozent. Bedenkt man ferner, dass mehr als 80 Prozent aller Kindergärten in Deutschland von den Kirchen und ihren diakonischen Einrichtungen betrieben werden und auch die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher größtenteils an Fachschulen in kirchlicher Trägerschaft geschieht, kann von einem schwindenden Einfluss der Kirchen eher nicht gesprochen werden.

Der Einfluss der Kirchen auf die Erziehung wird von vielen Konfessionslosen gutgeheißen. Am Religionsunterricht in Thüringen und Sachsen nehmen bis zu einem Drittel Kinder konfessionsloser Eltern teil. Schulen in kirchlicher Trägerschaft sind auch für konfessionslose Eltern höchst attraktiv. Ihre Zahl steigt stetig. In Brandenburg, wo der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach ist, sind Zuwachsraten zu verzeichnen. Obwohl sich die Schülerzahlen an öffentlichen Schulen im Land Brandenburg von 305 289 im Jahre 2001 um 68 920 auf 236 369 im Jahr 2005 verringert haben, ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, von 19 412 im Jahre 2001 auf 24 608 im Jahr 2005 gestiegen. Zu diesem Befund passt die Feststellung Wilhelm Heitmeyers in seiner Studie "Deutsche Zustände 4", dass sich 32 Prozent aller Konfessionslosen eine stärkere Berücksichtigung christlicher Werte in der Politik wünschen. Von den Protestanten tun dies 56 und von den Katholiken 63 Prozent.[10]

Der Begriff der "Konfessionslosen" suggeriert die Existenz einer Gruppe von Menschen, die in Analogie zu den Protestanten und den Katholiken gemeinsame Überzeugungen teilen. Das ist aber keineswegs der Fall. Bereits die Art und Weise, wie man konfessionslos geworden ist, weist große Unterschiede auf: Es gibt Konfessionslose von Geburt an und es gibt Konfessionslose, die aus finanziellen Gründen die Kirche verlassen haben. Es gibt Konfessionslose, die eine atheistische Weltanschauung besitzen und solche, welche die Tradition des Christentums für wichtig halten.

Auf ein konfessionsstatistisch hoch interessantes Phänomen hat Axel Noack, der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, bei der EKD-Synode in Leipzig im Jahre 2003 hingewiesen: "In unserem Gebiet gießen wir so viel Glocken wie wir in hundert Jahren nicht gegossen haben. Das macht man sich gar nicht klar. Die Leute geben Geld für Glocken, Orgeln und Uhren, schon weniger für die Notsicherung und schon gar nicht für das Gehalt des Pastors (...). Jetzt kommen im Förderverein Menschen auf uns zu. Sie haben keine Erfahrungen damit und können auch nur ganz schwer sagen, warum sie mitmachen. Beim Kaffeetrinken frage ich immer: Warum macht ihr das mit der Kirche? Da sagen die nicht: romanische Rundbogen, gotische Spitzfenster, sondern sie sagen: Das ist unsere Kirche. Ich sage: Wieso eure Kirche? Ihr geht dort doch gar nicht hinein. Die Entgegnung: Hinein gehen wir nicht, aber meine Großmutter ist hier getauft." Allerdings weist der Bischof auch auf die Spannungen hin: "Da sagt zum Beispiel der Bürgermeister: Herr Bischof, jetzt haben wir uns im ganzen Dorf krumm gelegt, alle Einwohner haben Geld für die Glocken gegeben, jetzt müssen die Glocken aber auch läuten, wenn einer stirbt, der nicht in der Kirche ist." [11]

In der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gibt es mittlerweile 202 Kirchbaufördervereine,[12] in der Kirchenprovinz Sachsen 150[13] und in Mecklenburg-Vorpommern 35.[14] In Thüringen gibt es dank der Initiative von 67 Vereinen und Interessengruppen[15] praktisch keine vom Verfall bedrohte Kirche mehr. Obwohl die exakte konfessionelle Zusammensetzung der Vereine noch nicht erhoben ist, deutet alles darauf hin, dass die Konfessionslosen in den Vereinen in der Mehrheit sind.

Von einem rapiden Verfall religionskultureller Bestände in Deutschland kann also keine Rede sein. Die wachsende Präsenz der Kirchen im Bildungsbereich lässt auch für die Zukunft erwarten, dass die grundsätzlich positive Einstellung zu Kirche und Christentum nicht nachlässt. Gegen diese Diagnose wird gerne das Argument ins Feld geführt, dass der Gottesdienstbesuch extrem niedrig sei. Das ist richtig. Da aber beispielsweise 75 Prozent aller Protestanten der Meinung sind, dass der Gottesdienstbesuch für den eigenen Glauben ohnehin unwichtig ist, 64 Prozent am Sonntag ausspannen wollen und 40 Prozent andere Verpflichtungen haben, sind die niedrigen Besucherzahlen nicht verwunderlich.[16] Vergleicht man freilich die Gottesdienstkultur in den USA mit der in Deutschland, dann erklärt sich der schwache Gottesdienstbesuch in Deutschland zwanglos daraus, dass zum einen das gottesdienstliche Angebot in Deutschland wenig besucherfreundlich ist und dass zum anderen in Deutschland kein ausgeprägtes Bewusstsein dafür herrscht, dass man für die Aufrechterhaltung des gemeindlichen Lebens selbst verantwortlich ist. Die Deutschen sind es auch auf dem religiösen Feld gewohnt, "versorgt" zu werden. Und so unterhält man zur Kirche ein Verhältnis wie zur Feuerwehr oder zum Arzt: Man nimmt sie nur in Anspruch, wenn es unbedingt notwendig ist.

Diese traditionelle Haltung des "believing without belonging", verbunden mit der Abneigung, die eigenen Glaubensüberzeugungen öffentlich zu machen, wird nun neuerdings mit der Tatsache konfrontiert, dass muslimische Gläubige auf die Sichtbarkeit ihrer Religion Wert legen. Wir werden Zeugen des Wandels von einer nur virtuellen zu einer realen Pluralität, und die Prognosen der Demographen lassen erwarten, dass das kein vorübergehendes Phänomen sein wird. Nicht nur die Fremdheit des Islam, sondern auch die ganz andere Art und Weise, ihn zu zeigen, irritiert und befördert die Bereitschaft, dem sichtbar Fremden mit einer Hermeneutik des Verdachtes zu begegnen. Deutsche Schüler geraten in die Defensive, wenn ihnen auf dem Schulhof die türkischen Schüler vorwerfen, sie hätten weder eine Religion noch ein ausgeprägtes National- und Ehrgefühl. Ausgewachsene deutsche Männer dagegen regen sich in privater Runde über junge, Kopftuch tragende muslimische Mädchen auf und vermuten, diese seien arrogant, eingebildet und hielten sich wahrscheinlich für etwas Besseres.

Selbst so verdienstvolle Studien wie die der Konrad-Adenauer-Stiftung über die Einstellungen von türkischen Kopftuchträgerinnen[17] sind vor schiefen Schlussfolgerungen nicht gefeit. Aus der Tatsache, dass zwar 77 Prozent der weniger gebildeten Kopftuchträgerinnen der Aussage zustimmen, dass "vor Gott alle Menschen gleich sind", dem aber nur 64 Prozent der Gebildeten - folglich auch theologisch Gebildeten - zustimmen, schließen die Forscher auf das Propagieren einer Überlegenheitsideologie, möglicherweise sogar auf einen Widerspruch zu den allgemeinen Menschenrechten.[18] Eine solche Folgerung wäre stimmig, wenn man die Frauen gefragt hätte, ob alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien, und sich dann ein Drittel verneinend geäußert hätte. Aber selbstverständlich sind auch nach biblischem Zeugnis nicht alle Menschen vor Gott gleich. Zwar sind alle Menschen Gottes Geschöpfe, und insofern gibt es durchaus Analogien zwischen der politischen Annahme der unveräußerlichen Menschenwürde und der biblischen Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Aber auch das Christentum hat eine Lehre vom Jüngsten Gericht, in dem durchaus Unterschiede gemacht werden. Dass also gerade die Gebildeten unter den Kopftuchträgerinnen dieser Aussage nicht zustimmen konnten, mag schlicht an der theologischen Unterkomplexität der Frage gelegen haben.

Fußnoten

8.
Die Statistik der EKD findet sich unter http://www.ekd.de/statistik.
9.
Errechnet auf der Grundlage der Daten von Oskar Niedermayer, Parteimitglieder seit 1990: Version 2006, Arbeitshefte des Otto-Stammer-Zentrums Nr. 10, Berlin 2006.
10.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 4, Frankfurt/M. 2006, S. 181.
11.
Die Äußerungen von Bischof Noack finden sich im Synodenprotokoll der 1. Tagung der 10. Synode der EKD, Leipzig, 22. - 25. 5. 2003.
12.
Diese Zahl teilt der Förderkreis Alte Kirchen mit. Die Vereine sind im Einzelnen auf der Homepage desFörderkreises verzeichnet: www.alte-kirchen.de/Adressen.htm (30. 12. 2006).
13.
Eine Karte der Kirchenprovinz Sachsen mit den Fördervereinen dieser Landeskirche findet sich auf der Homepage des "Forschungsprojektes Kirchenbaufördervereine" an der Theologischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg. http://www.theologie. uni-halle.de (30. 12. 2006).
14.
Der Verein "Dorfkirchen in Not in Mecklenburg-Vorpommern e.V." nennt auf seiner Homepage http://www.dorfkirchen.de die Adressen der Vereine (30. 12. 2006).
15.
Stand Ende 2004, nach Angaben des Kirchenamts der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen.
16.
Vgl. Wolfgang Huber/Johannes Friedrich/Peter Steinacker (Hrsg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die 4. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006, S. 455.
17.
Vgl. Frank Jessen/Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Das Kopftuch - Entschleierung eines Symbols?, St. Augustin-Berlin 2006.
18.
Vgl. ebd., S. 45.