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31.1.2007 | Von:
Rolf Schieder

Die Zivilisierung der Religionen als Ziel staatlicher Religionspolitik?

Brauchen wir einen staatlichen Werte- und Religionskundeunterricht?

Dezidiert hat sich Ministerin Zypries dafür ausgesprochen, neben dem Religionsunterricht nach Art. 7(3) GG ein Pflichtfach einzurichten, das "allgemeine Kenntnisse über Religionen" vermittelt. Nur wenn Schülerinnen und Schüler "auch die anderen Religionen kennen, können sie sie verstehen und ihnen mit Respekt begegnen. Deshalb sollten alle Schüler über alle Religionen etwas lernen, und zwar gemeinsam und nicht bekenntnisorientiert. Wir dürfen deshalb den bekenntnisgebundenen Unterricht nicht ausspielen gegen Fächer, die allgemeine Kenntnisse über Religionen vermitteln."[19]

Selbstverständlich hat ein religionspolitisch wacher und aktiver Staat das Recht, auf die religiöse Bildung der heranwachsenden Bürgerinnen und Bürger Einfluss zu nehmen. Mit der Einführung eines staatlichen Religionsunterrichts nach Art. 7(3) GG hat das die Bundesrepublik Deutschland aber bereits in vorbildlicher Weise getan. Das Konzept der "Zivilisierung der Religionen durch Bildung" ist aufgegangen. Die Frage ist also, ob das erfolgreiche und bewährte Modell staatlicher Einflussnahme auf die religiöse Erziehung nach Art. 7(3) GG ergänzungsbedürftig ist. Bekanntlich regelt Art 7(3) GG, dass der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach ist. Wie für andere Fächer auch sorgt der Staat deshalb für die Ausbildung der Lehrkräfte an den Theologischen Fakultäten (deren Professoren ebenso wie die Lehrkräfte nicht im Kirchendienst stehen, sondern Staatsbeamte sind), für attraktive Lehrbücher, für eine angemessene Stundentafel, für einen ausgewogenen Lehrplan und auch dafür, dass die Religionsnote ordnungsgemäß zustande kommt. Der einzige Unterschied zu anderen Fächern besteht darin, dass der Staat mit den Religionsgemeinschaften eng kooperiert; der Religionsunterricht wird in "Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften" erteilt.

Ein Vergleich mit dem Deutschunterricht ist erhellend. So wenig man Sprache überhaupt lernen kann, sondern eben nur eine ganz bestimmte Sprache und von dieser ausgehend dann andere Sprachen, so wenig kann man Religion überhaupt lernen. Niemand würde den Deutschunterricht "bekennenden Deutschunterricht" nennen und ihn durch einen allgemeinen Sprachunterricht ersetzen wollen. Und niemand würde von einer Deutschlehrerin erwarten, dass sie zugleich Französisch, Chinesisch und Hebräisch unterrichten kann. Wenn auch immer wieder behauptet wird, der Religionsunterricht nach Art 7(3) GG sei "bekennender Unterricht", so ist davon im Art 7(3) GG nicht die Rede. Er ist zuerst ordentliches Lehrfach und ist insofern den Standards schulischen Lehrens und Lernens unterworfen. Die Lehrkräfte sind an einen staatlich genehmigten Lehrplan gebunden. Die Religionsunterrichtsnote ist versetzungsrelevant. Nicht Frömmigkeit, sondern kognitive Leistungen werden benotet. Die religionspolitische Leistung des Religionsunterrichts nach Art 7(3) GG besteht darin, dass sich der Staat in Bezug auf religiöse Inhalte einerseits für unzuständig erklärt, gleichwohl aber Wert darauf legt, dass dieser Unterricht der religiösen Bildung der künftigen Bürgerinnen und Bürger dient.

Angesichts der Notwendigkeit des Erwerbs interreligiöser Kompetenzen müssen die kooperierenden Religionsgemeinschaften ihren Unterricht für Schülerinnen und Schüler anderer Konfessionen und Religionen durchlässig machen. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass einerseits in ihrer religiösen Tradition fundiert ausgebildete Lehrkräfte unterrichten, die Möglichkeit des gemeinsamen interreligiösen Lernens aber gewährleistet wird. Die Einrichtung eines Wahlpflichtbereichs "Religion/Ethik", innerhalb dessen die Schülerinnen und Schüler frei wählen können, wäre eine zeitgemäße Reform des Religionsunterrichts nach Art. 7(3) GG.

Eine bundesweite Ausweitung des von der Ministerin bevorzugten Berliner Modells hingegen würde die kunstvoll austarierte Kooperation von Staat und Religionsgemeinschaften zerstören, den Religionsunterricht zu einer Sonderveranstaltung der Religionsgemeinschaften an der Schule degradieren und einen allgemeinen staatlichen Religionskundeunterricht installieren, dessen Bezugswissenschaft ebenso unklar wäre wie die Frage, wer denn angesichts der Säkularität - also der theologischen Blindheit - des Staates die Verantwortung für Bildungsinhalte an den Religionsgemeinschaften vorbei übernehmen soll. Eine Religionspolitik, die sich der Kooperation der Religionsgemeinschaften im Land nicht versichert, ist unklug. Je größer das Recht auf freie Religionsausübung und je gebildeter die Religion, umso größer sind die Chancen auf rechtstreue religiöse Bürgerinnen und Bürger. Der Religionsunterricht in Deutschland genießt den Schutz des Grundgesetzes. Dieses Buch, so die Justizministerin, gelte für uns alle. Insofern besteht wohl wenig Grund zu der Befürchtung, dass ausgerechnet sie ein Interesse daran hat, das Grundgesetz und seinen Artikel 7 mutwillig auszuhöhlen.

Fußnoten

19.
Anm. 1.