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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Der Zeiten- und Rhythmuswechsel

Wir rekapitulieren die Situation im Jahre 1989. Denn die hat mit einem vermuteten, verschütteten, neu aufgekeimten oder eingebildeten Ost-Patriotismus zu tun. Die Leute verließen in Scharen die DDR. In den Zeitungen stand: "Wir weinen denen keine Tränenach!" Manchmal wurde halböffentlich gerufen: "Wir wollen raus!" Eine andere halbe Öffentlichkeit antwortete: "Wir bleiben hier!" Worunter verstanden wurde, dass sie nicht wegen irgendwelcher Errungenschaften hier blieben, sondern pflichtbewusst im sich leerenden Lande ausharrten - um eine trübe Gegenwart endlich zu ändern.

Nicht aber über diese Rufe und deren Hintergründe schrieben die Medien. Hingegen teilten sie mit: "Das Volk geht unerschütterlich auf seinem Weg zum weiteren Aufbau des Sozialismus voran." "Das Volk hat mit jenen paar Leuten, die sich unter unwürdigen Bedingungen in Botschaftsgebäuden drängen, nichts zu tun." "Das Volk steht geschlossen hinter der Politik der führenden Partei." "Das Volk geht nicht auf unangemeldete Zusammenrottungen." "Das Volk geht zur Tagesordnung über."[4]

Auf solche Zeitungstexte bezogen sich jene Rufe, die nach der gefälschten Wahl vom Mai 1989 zuerst wohl im Spätsommer auf Leipzigs Ring erklangen: "Wir sind das Volk!" - Betonung auf dem Wir. Dann kam eine winzige Pause vor den übrigen drei Worten. Der Ruf war ein polemischer Ruf gegen alle Volksmeinungsverkündung in offiziellen DDR-Medien. Er war lustvoll, beschwingt und ironisch: Wir, liebe Verlautbarungsjournalisten, sind das Volk, und nicht jene Schlafwagenschaffner und Kampfgruppenkommandeure, die ihr immer mal aus dem ideologischen Zylinder zaubert und als Volksmeinungsrepräsentanten in eure Zeitungsspalten presst. Das Wort "Volk" wurde weniger völkisch denn als Bevölkerung verstanden. Eine Bevölkerung aus Werktätigen, die meist sächsisch sprachen. Wir sind die Werktätigen, denn wir sind wirklich tätig in unseren Betrieben, die nur auf dem Papier uns gehören. Aber wir sind jene, die noch aus Scheiße Bonbons machen können.

Dass mit dem Auftritt des Bundeskanzlers Kohl in Dresden, als der sich von echten Sachsen umjubelt sah, plötzlich oder eben doch nicht plötzlich, sondern vorbereitet der Ruf "Wir sind ein Volk!" erklang, hatte wohl nicht nur mit der Durchschnitts-Bewohnerschaft der DDR zu tun. Man schaue Bilder der Demos an: Im September und Oktober noch sind es Familienmütter und -väter, Leipziger im Parka wie du und ich, die dort ängstlich, aber mit einer gewissen Würde demonstrieren. Im Dezember sieht man solche Gesichter schon seltener - dafür gelegentlich jene Physiognomien, die heute auf gut geschützten NPD-Demos vorherrschen. Man sieht schon schwarzrotgoldne T-Shirts, original westdeutsches Parteienwerbematerial, und eben auch jenen Typen, der mit erhobenem Arm und im Schritt durchnässter Hose das Bild des hässlichen DDRlers, Deutschen, Gesamtdeutschen verkörpert.

Nun ist DDR-Geschichte in ihrer Spätphase auch die Geschichte einer dialektischen Groteske, die dem Dadaismus verpflichtet zu sein scheint: Wir sind für unser Land, weil wir gegen unser Land sind. Anfang der achtziger Jahre kreierten Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching als Clown-Duo eine neue Art des Kabaretts. Eines der Programme hieß "Altes aus der DaDaEr" (1982). Es wurde später mit "Neues aus der DaDaEr" (1989) fortgesetzt, bevor es 1990 hieß "Letztes aus der DaDaEr". Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf veröffentlichte Wenzel 1990 einen Aufsatz: "Rhythmische Veränderung einer Losung oder Die Entstehung des Marsches auf dem Gebiet des Tanzes."[5]

Wenzel untersuchte die beiden Rufe "Wirsind das Volk" und "Wir sind ein Volk"rhythmisch-melodisch: Hier der beschwingte, schwebende Rhythmus Bammdaddaddamm Bammdaddaddam; Wir - sind das Volk. Wir - sind das Volk. ("Beinah wäre ein Walzer entstanden.") Später der Marsch-Tritt: Wir sind! - Ein Volk! Wir sind - Ein Volk!

Wenzel: "Mit derselben rhythmischen Struktur gerufen, hätte der veränderte Satz nun den Hintersinn erzeugen können: Na wir sind vielleicht ein Volk, wäre die alte Betonung aufrechterhalten geblieben." Und weiter: "Vielleicht vollziehen sich alle größeren Veränderungen auf diese Art: indem einer konkreten Existenz die eigene Abstraktion in anderer Bewertung gegenübergestellt wird." Schlicht gesagt: Der Gang auf die Straße hatte seinen Schwung, das Befreiende, das aus der Angst Hervorgetretene, das Heitere verloren. Er war ein nach führender Partei lechzender Ruf, ein Ruf um Eingang in den Schoß der Bundesrepublik geworden. Beschwingtheit war zum marschierenden Patriotismus geworden.

Von genau diesem Dezember-Ruf her aber wird bis heute begründet, dass in der DDR der Wunsch nach einem einheitlichen Vaterland, nach Patriotismus, nach deutscher Weltgeltung stärker als in der alten, liberalen, west- und südeuropäisch geprägten, oft subversiven Bundesrepublik gewesen sei. Und daran knüpfen die übrigens fast alle aus Westdeutschland zugewanderten NPD-Kader des Ostens an, von Sachsens Holger Apfel bis Mecklenburgs Udo Pastörs, im Glauben, im Osten sei man "nationaler" im NPD-Sinne als im Westen. Der Einzug rechter Parteien in die Parlamente Sachsen-Anhalts, Sachsens, Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns scheint dies durchaus zu belegen. Doch vielleicht ist die real existierende, sehr widersprüchliche DDR etwas anderes als die in ihrem tiefsten Ungeist nachwirkende deutsche Ost-Provinz?

Fußnoten

4.
Ziate aus den Tageszeitungen "Neues Deutschland", Berlin, "Junge Welt", Berlin; "Volkswacht", Gera und "Leipziger Volkszeitung" vom Juni bis Oktober 1989.
5.
Hans-Eckardt Wenzel, Rhythmische Veränderung einer Losung oder Die Entstehung des Marsches auf dem Gebiet des Tanzes, in: SONDEUR. Monatsschrift für Kultur und Politik, 1 (1990) 3, S. 61ff.