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1.12.2008 | Von:
Lars Lüdicke

Die neue Staatenwelt nach 1918

Friedensverträge

Für die Ausbildung solcher Legenden fehlten Deutschlands Kriegsverbündeten die Grundlagen. Unter dem Ansturm der alliierten Angriffe hatten Bulgarien und das Osmanische Reich bereits Ende September bzw. Oktober, Österreich-Ungarn Anfang November 1918 kapituliert. Als Folge der militärischen Niederlagen gewann hier weder die Empörung über die Friedensverträge noch das Revisionsstreben eine solch prinzipielle Form wie in Deutschland. Nichtsdestoweniger brachten die als "Pariser Vorortverträge" bezeichneten Friedensschlüsse der Alliierten mit den ehemaligen Verbündeten Deutschlands für ganz Ost- und Südosteuropa gravierende Veränderungen.

Die geringsten bewirkte der am 27. November 1919 unterzeichnete Vertrag von Neuilly-sur-Seine, in dem Bulgarien Westthrakien abtreten musste und somit den Zugang zur Ägäis verlor. Einschneidender waren die Veränderungen infolge der im Weltkrieg untergegangenen Vielvölkerreiche, des Osmanischen Reichs und Österreich-Ungarns. Angesichts der heterogenen Zusammensetzung der Bevölkerung ließ sich hier das Nationalstaatsprinzip kaum verwirklichen. Ungarn verlor in dem am 4. Juni 1920 geschlossenen Friedensvertrag von Trianon etwa zwei Drittel seines Territoriums. Siebenbürgen etwa, ein mehrheitlich von Rumänen bewohntes Gebiet im südlichen Karpatenraum, in dem Ungarn 23 Prozent und Deutsche knapp zehn Prozent der Bevölkerung stellten, wurde Rumänien zugesprochen, ebenso die Bukowina und Arad. Des weiteren fielen die heutige Slowakei und die Karpaten-Ukraine an die neu gegründete Tschechoslowakei sowie Kroatien und Slawonien an Jugoslawien, einen multinationalen Neustaat im Süden.

Ungarn trat an die Seite der Revisionsmacht Deutschland, wie auch Österreich, das in dem am 10. September 1919 geschlossenen Vertrag von Saint-Germain Böhmen und Mähren an die Tschechoslowakei, Galizien an Polen, Südtirol und Istrien an Italien sowie einige weitere Territorien an Jugoslawien abzutreten hatte. Im Falle des nahezu ausschließlich von "Deutschösterreichern" bewohnten Südtirols handelte es sich ebenso um einen Verstoß gegen das Nationalitätenprinzip wie bei der Provinz Sudetenland, in dem es bei Demonstrationen für das Selbstbestimmungsrecht zu blutigen Unruhen kam. Den eklatantesten Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht bildete das im Vertrag von Saint-Germain fixierte Anschlussverbot, das sich schlicht nicht anwenden ließ: "Deutsch-Österreich" mit dem Reich verschmelzen zu lassen, wie es die provisorische Wiener Nationalversammlung vom November 1918 beschlossen hatte, hätte den besiegten Hauptgegner Deutschland nachträglich zum Hegemon Europas erhoben und das Kriegsergebnis ins Gegenteil verkehrt. Unmöglich war es angesichts der vor allem in Ost- und Südosteuropa heterogenen Bevölkerungsstruktur, leidlich homogene, also saturierte Nationalstaaten zu schaffen. Die Lösung schuf somit zugleich neue Probleme, indem die Errichtung zahlreicher Nachkriegsstaaten gewissermaßen das Nationalitätenproblem der untergegangenen Vielvölkerreiche vervielfachte.

Wie gefährdet der Frieden war, den die - notwendigerweise widersprüchlichen - "Pariser Vorortverträge" herzustellen versuchten, zeigt die Geschichte des am 10. August 1920 geschlossenen Vertrages von Sèvres. Darin wurden dem türkischen Staat, der aus dem untergegangenen Osmanischen Reich hervorging, weit reichende territoriale Abtretungen abverlangt, um die ehedem blutig unterdrückten Nationalitäten aus der Herrschaft der Türken zu lösen. Übrig bleiben sollte nach dem Willen der Alliierten lediglich ein zentralanatolischer Rumpfstaat, an den, so der Entwurf des Vertrages, Zonen grenzten, die von alliierten Mächten besetzt oder verwaltet werden sollten. Gegen die Besatzungstruppen erhob sich in den so genannten "Türkischen Befreiungskriegen" von 1919 bis 1923 der Widerstand der Türken, die in militärischen Siegen eine Rückgewinnung von Territorien erzwangen. In der Folge akzeptierten die Alliierten am 24. Juli 1923 im Vertrag von Lausanne eine Korrektur des ursprünglichen Friedensvertrages: Bis in die heutige Zeit wirkt nach, dass damals ein eigener Staat für das armenische Volk, an dem von türkischer Seite im Schatten des Weltkriegs ein Genozid verübt wurde, ebenso verhindert worden war wie eine Autonomie der Kurden. Die unmittelbare Folge dieser ersten Korrektur der Nachkriegsordnung bestand in der Modellwirkung, die sie auf den italienischen Diktator Benito Mussolini ausstrahlte.