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1.12.2008 | Von:
Lars Lüdicke

Die neue Staatenwelt nach 1918

Europaweite Krise der Demokratie

Das aus dem Weltkrieg scheinbar als Sieger hervorgegangene parlamentarisch-demokratische System verlor in Europa zuungunsten nationalistischer und autoritärer Diktaturen immer mehr an Boden. Die Ursprünge dieser antidemokratischen Tendenz reichten bis weit vor den Weltkrieg zurück, wurzelten im 19. Jahrhundert, beruhten auf dem imperialistischen Denken der Vorkriegszeit und waren maßgeblich die Folge der radikalisierenden Weltkriegswirkung sowie das Ergebnis sozioökonomischer Spannungen. Den epochalen Auftakt bildete das ab Oktober 1922 in Italien errichtete faschistische System; es folgten in den 1920er und 1930er Jahren die ostmittel- und südosteuropäischen Nachkriegsdemokratien, die ihre Staatsordnung in autoritäre Regime umwandelten, ebenso die Entstehung der iberischen Diktaturen. In kaum einem der 1918/19 demokratisierten Staaten überdauerte die neue Staatsform die 1920er und 1930er Jahre.

In Deutschland, das von 1930 an einen antidemokratischen Weg einschlug, kam mit dem Nationalsozialismus eine totalitäre Bewegung an die Macht, die der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit entstammte und die in ihrem Kern auf Entfesselung eines neuen Krieges zielte. Wie der Faschismus war der Nationalsozialismus nicht einfach eine Nachkriegserscheinung, die im Zeichen des Revisionismus der europäischen Friedensordnung den Kampf ansagte, sondern ein neuer Typus militanter, expansionistischer Massenbewegung, die sich gegen Demokratie und Sozialismus, jene beiden Strömungen also wandte, die - wie sie selbst - durch den Krieg Auftrieb erhalten hatten. Begünstigt worden war ihr Aufstieg maßgeblich durch die Belastungen der Nachkriegsordnung.

Dass 20 Jahre nach dem Ende des Ersten der Zweite Weltkrieg entfesselt wurde - die jeweils als europäische Kriege begannen -, war nicht die zwangsläufige, aber doch die mögliche, ja sogar wahrscheinliche Folge der Nachkriegsordnung gewesen. Der Erste Weltkrieg hatte Entwicklungen und Tendenzen hervorgebracht, die den Zweiten Weltkrieg erst ermöglichen sollten: Darin lag seine Bedeutung als "Urkatastrophe"[6] des 20. Jahrhunderts, von der im Rückblick der amerikanische Historiker und Diplomat George F. Kennan sprach. Weit über den Ersten Weltkrieg hinaus reichten seine Wirkungen und Folgen, ja, im Grunde auch weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus: Mit dem "eigentümlich zusammengeordneten Doppelereignis, dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg und dem Ausbruch der Russischen Revolution" war 1917 zum Epochenjahr geworden. Das "europäische Zeitalter" endete und wurde abgelöst von zwei globalen Missionsideen, die dem 20. Jahrhundert seine Signatur verliehen: Sozialismus und Demokratie. Eine "neue universalgeschichtliche Epoche"[7] begann sich abzuzeichnen, für die der Historiker Hans Rothfels die Bezeichnung "Zeitgeschichte" prägte. Diese - gekennzeichnet von der bipolaren Teilung der Welt - endete erst im Epochenjahr 1989/90, das den Auftakt zu einer Periode grundsätzlich neuer Probleme und Aufgaben markiert.

Fußnoten

6.
George F. Kennan: Bismarcks europäisches System in der Auflösung: Die französisch-russische Annäherung 1875 - 1890, Frankfurt/M.-Wien-Berlin 1979, S. 12.
7.
Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1 (1953), S. 6f.