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24.11.2008 | Von:
Bruno Preisendörfer

Bildung, Interesse, Bildungsinteresse - Essay

Bildungsinteresse

Bildung kann nur von denen wertgeschätzt werden, die sie haben. Darin besteht das so schwer überwindbare Dilemma für Kinder aus bildungsfernen Familien. Und deshalb bleiben viele dieser Kinder auf halbem Wege stecken. Ihre Eltern können Bildung nur in Kategorien des persönlichen Fortkommens erfassen und rechnen geistige Werte, mit denen sie nichts anfangen können, in materielle und soziale um. Was soll ein Studium bringen, wenn nicht höheres Einkommen und besseren Status? Die erbärmliche Frage nach dem, was eine höhere Schul- und eine Universitätsausbildung bringt, offenbart das ganze Elend geistigen Desinteresses, ein verstocktes Verharren im eigenen, eng umgrenzten Horizont. Aber der verächtliche Ton, mit dem man Bildung als Luxus für bessere Leute und höhere Kreise abtut, verrät uneingestandene Selbstverachtung.

Der Weg aus diesem Dilemma zwischen bildungsferner Ignoranz und Selbstverachtung führt aber nicht über die Opferrolle. Mitleid zu predigen, ist unangebracht. Vielmehr sollte kampagnenartig ein regelrechter Bildungsneid geweckt werden. Genauso ist es völlig verkehrt, Bildungswege als Opfergänge darzustellen, an deren Ende man beladen von lauter Zeug, das man im Leben nicht brauchen kann, über die Ziellinie eines gutbezahlten Jobs taumelt - falls man nicht sozialwissenschaftlich qualifiziert Taxi fährt, was ja vermeintlich die meisten promovierten Soziologen tun. Die Studierenden, gleichgültig, was sie studieren, sind nicht die Erniedrigten und Beleidigten unseres Gesellschaftssystems, sondern bilden das Reservoir derjenigen, aus denen sich die künftige Funktionselite rekrutiert. Nicht jede und jeder aus diesem Reservoir wird auf ihre Kosten und zu seinen Erfolgen kommen. Aber wer nicht zu diesem Reservoir gehört, hat kaum eine Chance, sich auf eigene Faust Bildung zu verschaffen und wird nie zu denen vordringen, die in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft das Sagen haben. Natürlich gibt es immer einzelne Ausnahmen. Hatten wir nicht einen Außenminister mit Taxiführerschein und ohne Hochschuldiplom? Wer ernsthaft darauf aus ist, in bildungsfernen Familien das Bildungsinteresse zu schüren, sollte das Studium weder als Hürden- noch als Marathonlauf darstellen. Das schreckt nur ab und hält die Bahn frei für diejenigen, die es besser wissen und sich deshalb einbilden, es auch besser zu können.

An den Schulen und Hochschulen muss ein Klima der Ermutigung geschaffen werden. Der Einsatz auf persönlicher Ebene und für einzelne Menschen, zum Beispiel wenn eine aufmerksame Lehrerin ein begabtes Arbeiterkind entdeckt und fördert, genügt nicht, wenn Bildung in der Breite attraktiv gemacht werden soll. Auch Patenschaften an den Universitäten, mit denen beruflich etablierte Akademiker aus bildungsfernen Familien den studentischen Nachwuchs aus dem gleichen Herkunftsmilieu mit ihren Erfahrungen und Kontakten unterstützen, reichen dafür nicht aus. So wichtig und bewundernswert dieses persönliche Engagement auch ist, die Beseitigung der strukturellen Benachteiligung ist nicht innerhalb der Institutionen möglich, zu deren Aufgaben das Organisieren und Verwalten eben dieser Benachteiligung gehört. Ungerechtigkeiten des Bildungssystems können im System gemildert, aber nur von außen abgeschafft werden.

Das hat die Überwindung der Benachteiligung von Schülerinnen und Studentinnen bewiesen. Es gibt nach wie vor Einzelfälle der Diskriminierung, aber von einer strukturellen Benachteiligung der Mädchen im deutschen Bildungssystem kann nicht mehr die Rede sein. Sie setzt allerdings nach dem Durchlaufen der Bildungsinstitutionen beim Verteilen der Berufschancen wieder ein. Dass die strukturelle Benachteiligung der Mädchen an Schulen und der Frauen an Hochschulen überwunden werden konnte, hat weniger mit pädagogischen und bildungspolitischen Reformen zu tun, als mit der nachdrücklichen Veränderung der weiblichen Lebensentwürfe. Das idiotische "Du heiratest ja doch", mit dem weibliche Bildungsambitionen einst abgewürgt wurden, spielt heute keine Rolle mehr, jedenfalls nicht in den bildungsbereiten Mittelschichten. Dort gibt es beim Bildungsinteresse und Bildungserfolg keine Rangfolge mehr nach Geschlechtern.

Es käme darauf an, analog zur Frauenbewegung eine Bildungsbewegung zu initiieren mit dem Ziel, die Rangfolge des Bildungsinteresses auch nach Schichten zu überwinden. Ohne die Bereitschaft vieler Menschen aus den gebildeten Mittelschichten, nicht nur das besonders begabte Arbeiter- und Migrantenkind zu fördern, sondern Solidarität in der Breite aufzubringen, wird das kaum zu erreichen sein. Aber warum sollten Menschen sich für die Kinder anderer Leute einsetzen, wenn diese Kinder massenhaft zu Konkurrenten der eigenen zu werden drohen? So etwas kann man von niemandem verlangen. Da es aber den Bildungsfernen an Kraft und Interesse fehlt, sich selbst zu nehmen, was ihnen und ihren Kindern zusteht, wird sich die Litanei der schlimmen Befunde weiter fortsetzen.