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16.10.2008 | Von:
Farah Dustdar

Demokratie und die Macht der Gefühle

Die Natur des Menschen - ein neues Denkmodell

Die Ökonomie als Mutterdisziplin der Rationalitätskonzepte stand vor allen anderen Sozialwissenschaften in Wechselwirkung zur Hirnforschung. Die Tatsache, dass Ökonomen manche Verhaltensweisen des Menschen in wirtschaftlichen Entscheidungssituationen nicht erklären konnten, obwohl die Theorien in anderen Situationen stimmig waren, hat die Arbeitsgruppe um den Neurowissenschaftler Jonathan D. Cohen aus Princeton zu einer Reihe von Experimenten veranlasst, die in der Literatur als Ultimatum-Spiel bekannt ist. Ihre Untersuchungen haben die wichtige Rolle der emotionalen Prozesse bei scheinbar rein rationalen Entscheidungen deutlich gemacht. Die bildgebenden Verfahren zeigen während des Experiments, wie z.B. das Gefühl, ungerecht behandelt zu sein, die Schmerzzentren im Gehirn der Versuchspersonen aktiviert und diese zu rational nicht erklärbaren Verhaltensweisen veranlasst. Die neue Behavioral Finance kann heute das Verhalten von Menschen am Kapitalmarkt besser erklären als jede strenge Rationalitätstheorie.

Emotionale Regungen besitzen vor allem Erklärungskraft bei Kursschwankungen und ökonomischen Krisen. Die Verleihung des Nobelpreises für Ökonomie im Jahre 2002 an zwei Pioniere der verhaltensorientierten Wirtschaftswissenschaft, Daniel Kahneman von der Universität Princeton und Vernon Smith von der George-Mason Universität in Virginia, ist ein Beweis dafür. Die Preisträger haben experimentell erklärt, warum Wirtschaftssubjekte ständig vom Gebot der Rationalität abweichen, wie sich der Mensch seine komplizierte Umwelt handhabbar macht und wie er dabei die Gesetze der Ökonomie in den Wind schlägt. Seither bezweifeln viele Wirtschaftswissenschaftler den Sinn ihres eigenen rationalistischen Wirtschaftssubjekts, welches seit Adam Smith ihre Theorien geprägt hat. Der homo oeconomicus, das Menschenbild der Rational-Choice-Theorien, zeigt sich nur noch als eine Momentaufnahme im Leben eines Menschen. Nur manche Menschen in manchen Situationen entscheiden nach Rationalitätskriterien.

Mit dem Menschenbild verändern die Ökonomen allmählich ihre Weltsicht. Auf diesem Gebiet hat die Revolution bereits begonnen. Welche Konsequenzen würde dieser Perspektivenwechsel für die politische Theorie und Praxis haben - unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass die politische Theorie sich seit dem 17. Jahrhundert am rationalen Menschenbild der Wirtschaftswissenschaft orientiert?