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1.10.2008 | Von:
Wolfgang Bergmann

Theater im Fernsehen

Am Anfang war Goethe

Das Fernsehen, jedenfalls das deutsche, entspringt dem Theater, wenn auch eher symbolisch. Sowohl ARD als auch ZDF eröffneten ihren Sendebetrieb mit Goethes "Zueignung" respektive dem "Vorspiel auf dem Theater" aus dem Faust: Ausdruck des Drangs eines Nachkriegsbürgertums, das Theater und seine Heroen als Veredelungsferment einzusetzen. Ausdruck aber auch eines ganz anderen Denkansatzes gegenüber der Funktionsweise des Fernsehens, das im öffentlich-rechtlichen Verständnis der ersten vierzig Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich nicht nur als Informations- und Unterhaltungs-, sondern auch als Bildungsmedium konzipiert war. Die von der Verfassung vorgedachte und in Rundfunkstaatsverträgen geregelte Ausgestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens hatte Informationsvielfalt, Staatsferne und kulturelle Bildung im Sinn und ahnte noch nichts vom heraufziehenden Krieg um die Augäpfel der fortgeschrittenen Informationsgesellschaft.

Theater war für das öffentlich-rechtliche Fernsehen der frühen Jahre selbstverständlicher und fester Programmbestandteil. Er gehörte zum Bildungs- und Kulturauftrag. Sowohl Übertragungen von Bühnenaufführungen als auch Studioinszenierungen fanden noch in den 1970er Jahren zur besten Sendezeit ihr Publikum. Dabei wurde die Filmaufnahmetechnik rasch von elektronischen Verbundkameraaufzeichnungen und Liveübertragungen abgelöst. Das Echtzeitmedium Fernsehen setzte sich in die Publikumsreihen und machte das Bühnenereignis zum kollektiven Erlebnis. Neben dem Unterhaltungstheater und dem Kabarett, über Jahrzehnte hinweg Publikumslieblinge und Straßenfeger, hatte auch das anspruchsvolle Theater feste Sendeplätze; Gründgens, Kortner, Lietzau, Peymann, Zadek und Stein waren in ausgewählten Inszenierungen im Fernsehen präsent. Natürlich mit geringeren Zuschauerzahlen, aber frei von kommerzieller Konkurrenz, blieb es lange Zeit selbstverständlich, dass Bühnenaufführungen prominent programmiert wurden.

Das galt erst recht im Staatsfernsehen der DDR, wo Theater einen höheren Stellenwert besaß als in der Bundesrepublik, was man nicht ohne Stolz dem Klassenfeind gerne auch via Bildschirm entgegenhielt. Mit Brecht und seinem Berliner Ensemble hatte man einen ersten volksdemokratischen Exportschlager, der das Land durch international bejubelte Gastspiele hoffähig machte. Also wurde im Fernsehen der DDR Theater gesendet, was das Zeug hielt: nicht nur aus Berlin, sondern auch aus der Provinz, wo der Theaterkult flächendeckend aufrecht erhalten wurde, um damit ironischerweise die spezifisch deutsche, höfische Theaterkultur der Kleinstaaterei kommunistisch zu konservieren. Vorherrschende Methode war wie im Westen die TV-Aufzeichnung mit elektronischer Verbundkameratechnik. Brecht, der sich mit Rundfunktheorie beschäftigt, Filme gedreht und neugierig und aufgeschlossen gegenüber neuen Techniken gewesen sein soll, träumte stets von erweiterten Möglichkeiten, die er aus Sicht der Fernsehkameras für sein Publikum erschlossen sehen wollte.

Doch auch die Staatskultur der DDR konnte nicht verhindern, dass sich spätestens in den 1980er Jahren abzeichnete, welche markanten Veränderungen der Fernsehnutzung und der Sehgewohnheiten die Medien revolutionieren würden. Es trifft nicht zu, dies ausschließlich der Einführung des Privatfernsehens zuzuschreiben. Bereits im unausgesprochenen Konkurrenzkampf zwischen ARD und ZDF zeichnete sich ab, dass die Kulturfunktion des Fernsehens schnell hintangestellt werden kann, wenn es um die Frage geht, wer das größere Publikum bekommt.