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18.9.2008 | Von:
Gisela Mohr
Peter Richter

Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit - Interventions-
möglichkeiten

Auswege

Intervention aus psychologischer Sicht

Wenn Erwerbslose erfolgreich vermittelt werden sollen, muss eine erste Aufgabe darin bestehen, deren psychische Stabilität zu sichern. Depressiven Personen gelingt es nicht, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten in einer Bewerbungssituation positiv darzustellen. Labile Personen haben keine ausreichenden Ressourcen, Misserfolge durch erfolglose Bewerbungen ohne Selbstwertschädigungen zu bewältigen. Maßnahmen sollten so früh wie möglich einsetzen, nicht erst nach der Chronifizierung von misslingenden Bewältigungsstrategien, möglichst sogar vor der eigentlichen Entlassung, da es auch gilt, Schädigungen durch Arbeitsplatzunsicherheit zu vermeiden.

Präventionsorientiert sind so genannte Outplacementprogramme. Dabei geht es um betriebliche Unterstützung bei der Arbeitssuche für Beschäftigte, die entlassen werden, so dass diese die Chance haben, erst gar nicht in die Erwerbslosigkeit zu geraten. Doch selbst wenn es zur Erwerbslosigkeit kommt, scheinen Outplacementprogramme - das heißt die erfahrene Fürsorge des Betriebs - einen positiven Effekt für die psychische Gesundheit zu haben.[8] Gelingt dies nicht, dann geraten Erwerbslose mit zunehmender Dauer der Erwerbslosigkeit in einen gefährlichen Zirkel: Je länger die Erwerbslosigkeit andauert, je größer die finanziellen Einschränkungen sind, desto größer wird die Bedrohung gerade jener Ressource, welche die Person für den Wiedereinstieg benötigt: die personale Ressource (psychische) Gesundheit. Primärprävention ist auch die Gestaltung persönlichkeitsförderlicher Arbeitsgestaltung, die den Menschen hilft, psychische Ressourcen zu entwickeln, mit denen sie auch Zeiten ohne Erwerbsarbeit gestalten können.

Der Kontakt zu anderen Erwerbslosen stellt eine Hilfe bei der Bewältigung dar und spricht für Konzepte der Erwerbsloseninitiativen. Vorhandene Maßnahmen lassen sich grob einteilen in solche mit stärker psychologischem Gehalt (kognitive Umstrukturierung, soziales Kompetenztraining, Stressbewältigung), solche, die sich mehr auf den Aufbau der Bewerbungskompetenz fokussieren, und solche, in der eine Kombination enthalten ist.[9]

Es stellt sich die Frage, was das Erfolgskriterium einer Maßnahme sein kann. Das zentrale Kriterium der Wiedervermittlungsquote in einer Region mit einer Erwerbslosenquote von 5 Prozent ist sicherlich anders zu bewerten als in einer Region der ostdeutschen Bundesländer mit über 20 Prozent. Insofern erscheint es konsequent, dass ein großer Teil der Interventionsstudien in der Regel zwei Kriterien zur Erfolgsüberprüfung benennt: die Wiedervermittlungsrate, aber auch die Verbesserung der psychischen Befindlichkeit, da diese - wie erwähnt - auch langfristig eine Voraussetzung für die Wiedervermittelbarkeit darstellt. Die Vermittlungsrate verschiedenster Maßnahmen mit verschiedenen Gruppen schwankt zwischen 20 und 30 Prozent.[10] Dabei sind zwei Dinge zu beachten: Das Kriterium für die Wiedervermittlung wird in den Studien unterschiedlich gesetzt. In manchen Studien wird die Vermittlung auf den "zweiten Arbeitsmarkt", also in Arbeitsbeschaffungs-, Hartz-IV-, Qualifizierungsmaßnahmen, Praktika etc. mit gewertet. Betrachtet man nur die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt, dann sind die Vermittlungsquoten wesentlich geringer. Die Autorinnen einer Studie des Forschungsinstitutes der Bundesagentur für Arbeit[11] kommen zu dem kritischen Ergebnis, dass nur zwei Prozent der in sozialen Arbeitsgelegenheiten Beschäftigten in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen werden. Bessere Erfolge seien wahrscheinlich mit gezielten psychologischen Qualifizierungsmaßnahmen zu erreichen.

Hinsichtlich des zweiten Kriteriums, der psychischen Befindlichkeit, belegen die meisten Studien, dass es während der Maßnahme positive Effekte auf die Gesundheit gibt. Nach Ende der Maßnahme verschlechtert sich die psychische Gesundheit der weiterhin Erwerbslosen wieder. Sehr langfristige Nachuntersuchungen (zwei Jahre nach Auslaufen der Maßnahmen) haben allerdings ergeben, dass die weiterhin Erwerbslosen offenbar nach einer Intervention stabiler geworden sind[12] und Misserfolgserfahrungen bei Bewerbungen besser bewältigen.

Interventionsbeispiele

In jüngster Zeit haben sich mehrere überprüfte Projekte zur Entwicklung sozialer und kognitiver Kompetenz und zur Verbesserung der Gesundheit in der Bundesrepublik als hoffnungsvolle Ansätze erwiesen.

Das AmigA-Projekt für chronisch kranke Langzeitarbeitslose, die an intensiven arbeits- und gesundheitsfördernden Kursen teilgenommen haben, konnte 15 Prozent der Teilnehmer in Beschäftigungen vermitteln.[13]

Job FIT ist ein von den Betriebskrankenkassen (BKK) entwickeltes Programm, das auf die Förderung von Gesundheitskompetenz zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitslosen zielt. Angesetzt wird an der Trägerstruktur der Beschäftigungsmaßnahmen als setting-Ansatz. Dabei handelt es sich um eine Kombination von individuellen motivierenden Gesundheitsgesprächen mit zielgruppenspezifischen Gruppenangeboten aus den Bereichen Ernährung, Stressbewältigung und Suchtmittelkonsum. Einen Schwerpunkt stellen Beratungen zu Problemen der Verschuldung, Demotivation und Selbstwertverlust dar. Erste Evaluationsergebnisse zeigen, dass die Gesundheitsorientierung, das Ausmaß sportlicher Aktivitäten, freudvolle Zielorientierungen sowie eine ausgewogene Ernährung signifikant nach dem Training zugenommen haben. Allerdings steht eine Langzeitevaluation noch aus.[14] Dieses niederschwellige Programm eignet sich durch seine Kooperationsstruktur von Gesetzlichen Krankenversicherern, Qualifizierungs- und Bildungsträgern sowie Arbeitsagenturen (ARGEn) und Kommunen mit eigenverantwortlicher Zuständigkeit für die Vermittlung von Langzeiterwerbslosen (Optionskreise) für eine landesweite Umsetzung.

AktivA (Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit) ist an der TU Dresden entwickelt worden. Dieses Programm hat zum Ziel, die psychosozialen Kompetenzen von Langzeitarbeitslosen zu stärken und damit ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Ausgangspunkt war, dass trotz starker gesundheitlicher Risiken von Langzeitarbeitslosen herkömmliche Präventionsangebote zur Gesundheitsförderung von ihnen nur wenig wahrgenommen werden, zumal bei ihnen der Betrieb als setting wegfällt. AktivA ist mit Hilfe kognitiv-behavioraler Techniken (Aktivitätsplanung, konstruktives Denken, soziale Kompetenz, systematisches Problemlösen) auf eine Stärkung von Selbstwirksamkeitserwartungen und Handlungskompetenz gerichtet. Um dem AktivA-Training eine größere Breitenwirksamkeit zu geben, ist damit begonnen worden, Multiplikatoren bei Bildungs- und Beschäftigungsträgern im Rahmen von Wochenkursen auszubilden und deren Trainingsdurchführung im Rahmen einer Supervision zu begleiten. Das Training durch Multiplikatoren hat sich als realisierbar und effektiv erwiesen. Im Vergleich zu Kontrollgruppen, die kein Training erhielten, ließ sich für die Trainingsgruppen eine statistisch gesicherte stärkere Verringerung der körperlichen, psychischen und sozialen Beschwerden feststellen sowie eine deutliche Zunahme der Selbstwirksamkeitserwartung und des Selbstvertrauens. Sogar nach sechs Monaten ließen sich noch gesicherte Effekte nachweisen. 74 Prozent der ausgebildeten Multiplikatoren wendeten das Programm erfolgreich im Rahmen ihrer Tätigkeit an.[15] Gesundheitsämter in Optionskreisen berichten über erste positive Anwendungen von AktivA.

"Bridges - Brücken in Arbeit" wurde als Modellprojekt zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit im Niederschlesischen Oberlausitzkreis entwickelt.[16] Dabei konnten erfolgreich "Senior-Coaches" (ehemalige Arbeitslose mit Beratungskompetenz) eingesetzt werden. Diese Coaches begleiten die Jugendlichen bei deren Arbeitssuche. Trainingsmodule zum Lernen im Prozess der Arbeit wurden entwickelt und eingesetzt. Nach sechs Monaten Training erreichten die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine signifikant erhöhte Selbstwirksamkeits- und interne Kontrollerwartung, eine verbesserte seelische Gesundheit, insbesondere weniger Depressionen. 70 Prozent der Jugendlichen (229) konnten erfolgreich auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Die Maßnahme TAURIS (Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit) ist angesichts neuer Maßnahmen wie etwa der Einführung der so genannten Ein-Euro-Jobs (die Zuweisung von Tätigkeiten an Erwerbslose, die nicht im Rahmen normaler Arbeitsverhältnisse abgedeckt sind, also zumeist gemeinnützige Arbeit gegen eine geringe Vergütung) von besonderem Interesse.[17] Hier werden ältere Langzeiterwerbslose (auf freiwilliger Basis) gegen eine geringe Aufwandsentschädigung in gemeinnützige Arbeit vermittelt. Mittels dieser seit fast zehn Jahren durchgeführten Maßnahme konnten 16,2 (2002) bzw. 21,0 Prozent (2006) der teilnehmenden Langzeitarbeitslosen im Alter von über 50 Jahren auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Die Evaluation zeigte, dass gemeinnützige Arbeit eine Hilfe beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt darstellen kann. Zudem tritt während der Maßnahme eine gesundheitliche Stabilisierung ein. Hervorzuheben ist, dass besonders gute Gesundheitswerte bei gemeinnützigen Beschäftigungen zu finden waren, die den bekannten arbeitswissenschaftlichen Kriterien gesundheitsförderlicher Arbeit entsprechen: Ganzheitlichkeit der Aufgaben, Handlungsspielräume, Lernpotentiale der Aufgaben, Eigenverantwortlichkeit und Kooperationsmöglichkeiten. Die gesundheitliche Verbesserung hält allerdings nicht länger als sechs Monate an. Nach Ende der Maßnahme verschlechtert sich bei den weiterhin Erwerbslosen der Gesundheitszustand wieder und erreicht nach etwa einem Jahr den Anfangswert. Als kritische Bedingung erweist sich die unzureichende materielle Absicherung.

Fußnoten

8.
Vgl. Kerstin Isaksson/Gunn Johansson/Katalin Bellaagh/Anders Sjörberg, Work values among the unemployed: Changes over time and some gender differences, in: Scandinavian Journal of Psychology, 45 (2004), S. 207 - 214; Mika Kivimäki/Jussi Vahtera/Jaana Pentti/Jane Ferrie, Factors underlying the effect of organisational downsizing on health of employees: longitudinal cohort study, in: British Medical Journal, 320(2000), S. 971-975; Thomas Kieselbach/Gert Beelmann, Unternehmensverantwortung bei Entlassungen: Berufliche Transitionsberatung zur Sicherung von Beschäftigungsfähigkeit, in: Bernhard Badura/Henner Schellschmidt/Christian Vetter (Hrsg.), Fehlzeiten-Report 2005, Berlin 2005.
9.
Vgl. Gisela Mohr/Kathleen Otto, Langzeiterwerbslosigkeit: Welche Interventionen machen aus psychologischer Sicht Sinn?, in: Zeitschrift für Psychotraumatologie und Psychologische Medizin, 3 (2005), S. 45 - 63.
10.
Vgl. Thomas Kieselbach/Frauke Klink/Günther Scharf, Ich wäre sonst ja nie wieder an Arbeit rangekommen! Evaluation einer Reintegrationsmaßnahme für Langzeiterwerbslose, Weinheim 1998.
11.
Vgl. Anja Kettner/Matina Rebien, Soziale Arbeitsgelegenheiten. Einsatz aus betrieblicher und arbeitsmarktpolitischer Perspektive, IAB-Forschungsbericht Nr. 2, 2007.
12.
Vgl. Jukka Vuori/Jussi Silvonen, The benefits of a preventive job search program on re-employment and mental health at 2-year-follow-up, in: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 78 (2005) 1, S. 43 - 52.
13.
Vgl. Wolf Kirchner, Evaluation des JobFit Regional- und des AmigA-Projektes, in: www.gesunde. sachsen.de (30.7. 2008).
14.
Vgl. Michael Bellwinkel (Hrsg.), JobFit Regional - ein Modellprojekt zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitslosen durch Gesundheitsförderung, Bremerhaven 2007.
15.
Vgl. Susan Mühlpfordt/Katrin Rothländer, Gesundheitsförderung für Arbeitslose bei Bildungs- und Beschäftigungsträgern, in: Bärbel Bergmann/Ulrike Pietrzyk/Joachim Klose (Hrsg.), Beschäftigungsfähigkeit entwickeln. Innovationsfähigkeit und Kompetenz fördern, Dresden 2008.
16.
Vgl. Mathias Schmidt, Das Bridge Projekt - Inhalt und Wirkung in: Bärbel Bergmann/Ulrike Pietrzyk/Joachim Klose (Hrsg.), Beschäftigungsfähigkeit entwickeln. Innovationsfähigkeit und Kompetenz fördern, Dresden 2008.
17.
Vgl. Ines Nitsche/Peter Richter, Peter, Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit. Evaluation des TAURIS-Projektes, Münster 2003.