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7.7.2008 | Von:
Dr. Sven Güldenpfennig

Olympische Spiele und Politik

Gesellschaftliche Mitverantwortung der olympischen Bewegung

Seine gesellschaftliche Mitverantwortung und die für ihn tatsächlich leistbare begrenzte politische Aufgabe übernimmt der Sport vor allem dadurch, dass er sein eigenes Feld sinngerecht und kompetent gestaltet und gegen Gefährdungen von innen und außen verteidigt. Die Generallinie kann künftig nur lauten: An die Begründung und die Durchsetzung der olympischen Ziele nach innen die höchsten Ansprüche stellen und die hergebrachten anmaßenden Ansprüche nach außen auf das Maß des gut Begründbaren zurücknehmen. Andernfalls - und die jüngsten Ereignisse lehren dies erneut - kehren die überzogenen Versprechungen umgehend als implizite oder explizite Forderung zurück: Man möge doch gleich das ganze olympische Projekt abblasen, wenn man denn jene Versprechungen oder Erwartungen auf allgemeine Weltverbesserung nicht einlösen könne. Ein solches destruktives Echo ebenso wie sein hypertrophes Gegenbild eines angeblich allkompetenten Sports verkörpern die zwei Seiten derselben Medaille eines Kulturbanausentums: Werden die Ziele des Projekts zu weit hochgeschraubt, muss ihr Verfehlen im Umkehrschluss ein Aufgeben des Projekts zur Folge haben. Die Welt ist stets in irgendeiner ihrer Regionen unfriedlich. Kulturereignisse wie die Olympischen Spiele können dies nicht verhindern. Sie sind aber auch gar nicht darauf angewiesen, dass zuvor aller globaler Unfriede beigelegt ist. Im Gegenteil: Sie dürfen sich überhaupt nicht von diesen Bedingungen abhängig machen. Andernfalls würden sie aufgrund von deren Unerfüllbarkeit ihr eigenes Ende besiegeln.

In olympiapolitischen Fragen, sollen sie wohlbegründete Antworten in Theorie und Praxis finden, muss sich alles um diese Kernfrage drehen: Der zentrale Sinnimperativ des Sports lautet "to play the game and to play it well". Bedeutet dies aber, dass allgemeinmoralische Grundsätze hier strikter oder weniger strikt einzufordern sind, als in der Sphäre des allgemeinen Rechts und der Allgemeinpolitik? Es gilt, Prinzipien und Kriterien der Urteilsbildung herauszuarbeiten, anhand derer die "Olympiatauglichkeit" eines Ausrichterlandes bewertet werden kann. Man muss ferner nach begründeten Antworten auf die folgende Frage suchen: Kann und muss das IOC als Veranstalter aufgrund der in seiner Charta kodifizierten Normen und Regeln einem Ausrichterland bestimmte Höchststandards der politischen Kultur abverlangen? Oder kann es sich einerseits auf die Mindestanforderungen organisatorisch-administrative Effizienz, Verlässlichkeit, Sicherheit, hinreichende Umweltqualität am Olympiaort und Vorreiterrolle der Olympiamannschaft des Ausrichters im Anti-Doping-Kampf sowie andererseits auf die allgemeine Anerkennung des Ausrichterlandes durch die Staatengemeinschaft beschränken? Die innere Logik der olympischen Idee weist eher in Richtung der zweiten Variante: Für das politische Umfeld von Olympischen Spielen gelten gegenüber den Prinzipien einer elaborierten Staatsphilosophie und Demokratietheorie - so erstrebenswert diese allgemeinpolitisch selbstverständlich sind - nicht höhere, sondern niedrigere Mindeststandards der dort herrschenden politisch-rechtlichen Kultur. Diese Beurteilung mag weder den Kritikern noch den Apologeten des olympischen Projekts sympathisch oder auch nur einleuchtend erscheinen. Aber die verbreitete gegenteilige Auffassung geht auf ein irrtümliches hypermoralisches Bild von Sport zurück. Ein solches ist nicht nur realitätsfremd, insofern es täglich tausendfach Lügen gestraft wird - es ist vor allem schlecht begründet.

Denn das IOC als institutioneller Hauptträger der olympischen Idee folgt - wie übrigens ähnlich auch die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz - einem Primat der Universalität vor der politischen Moralität. Sprich: Die Universalität seines Sachprojekts Olympische Spiele steht vor der Moralität innenpolitischer Systemverhältnisse seiner Mitglieder. Die praktischen Konsequenzen dieser Prioritätensetzung mögen zwar zynisch anmuten. Aber diese internationalen Akteure haben sich mit gleichwohl guten Gründen für dieses Primat entschieden: Um sachlich begrenzte partikulare Projekte - Ernährungsprogramme, Flüchtlingshilfe, Verwundetenhilfe auf Schlachtfeldern, ein Weltsportereignis - weltweit tatsächlich und verlässlich verwirklichen zu können, müssen sie an den meisten darüber hinausgehenden politischen Streitfragen vorsätzlich vorbeisehen. Aus weiser Selbstbeschränkung hat das IOC keine normierenden Aussagen über innenpolitische Systemverhältnisse innerhalb der Mitgliedsstaaten der olympischen Bewegung in seine Charta aufgenommen.

Olympiapolitischer Opportunismus besteht folglich nicht etwa darin, dass das IOC sich nicht zu kritischen Äußerungen vor mächtigen Thronen traut. Er bestünde vielmehr gerade darin, dass es sich durch eine bestimmte weltöffentliche Stimmung zu solchen kritischen Äußerungen drängen ließe, obwohl es zu ihnen durch seine Satzung und das Mandat seiner Mitglieder nicht ermächtigt ist. Es legitimiert damit nicht automatisch undemokratische politische Systeme. Es verhält sich vielmehr neutral dazu. Das IOC muss seinem Ziel, der olympischen Idee weltweit Geltung zu verschaffen, Vorrang einräumen, um es nicht zu verfehlen. Anders als in der Hochzeit der antiolympischen Boykottbewegungen von 1976 bis 1984 scheinen im Jahr 2008 alle staatlichen und olympischen Verantwortungsträger einig, die Spiele nicht durch außerolympische politische Forderungen infrage stellen zu lassen. Aus Sicht der olympischen Idee ist dies als Fortschritt zu werten.