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7.7.2008 | Von:
Dr. Gudrun Wacker

Olympischer Moment: Werden die Spiele China verändern?

Implikationen: Szenarien für das post-olympische China

Das Jahr 2008, in dem China mit den Olympischen Spielen die Erfolge von dreißig Jahren Reform- und Öffnungspolitik feiern wollte, erwies sich von Beginn an als ein sehr schwieriges: Schneekatastrophen zum chinesischen Neujahr, die höchste Inflation seit Jahren, gewaltsame Demonstrationen in Tibet, der Ausbruch einer bei Kindern tödlich verlaufenden Viruserkrankung und ein schweres Erdbeben im Südwesten des Landes. Die Vorzeichen deuten nicht unbedingt auf Spiele, die der Vision von "eine Welt, ein Traum" entsprechen. David Shambaugh hat in einem Artikel in der "International Herald Tribune" zwischen zwei Arten von Nationalismus in China unterschieden und die Frage gestellt, welche dieser beiden Varianten während der Spiele zum Vorschein kommen wird: ein engstirniger, xenophober, defensiver Nationalismus, der sich aus Chinas historischer Erfahrung der Erniedrigung durch die westlichen Kolonialmächte ("Jahrhundert der Erniedrigung") speist, oder ein selbstbewusster und kosmopolitischer, der stolz auf die in den vergangenen dreißig Jahren erreichten Fortschritte ist.[4] Die Antwort wird davon abhängen, wie es im Vorfeld der Spiele weitergeht, und vor allem natürlich davon, wie die Spiele selbst ablaufen werden. Es ist beispielsweise durchaus vorstellbar, dass die Kombination von einigen Demonstranten, etwa Anhängern der in China verbotenen Sekte Falun Gong, Ordnungskräften und internationalen Fernsehkameras zu einem Desaster eskaliert. Gelegenheiten und mögliche Auslöser für Zwischenfälle gibt es mehr als genug.

Neben der Variante einigermaßen erfolgreicher Spiele mit "normalen" Pannen sind im Wesentlichen zwei extremere Szenarien denkbar: erstens, die Olympischen Spiele werden tatsächlich noch zu dem von Peking erhofften großartigen Erfolg. Dies könnte entweder dazu führen, dass die Führung an Selbstsicherheit gewinnt und zum Beispiel weitere Lockerungen bezüglich Medienfreiheit einräumt bzw. solche weiter gelten lässt. Es ist aber auch denkbar, dass der dadurch ausgelöste Schub an Selbstbewusstsein China zu einem noch schwierigeren Partner macht, der sich Kritik von außen verbittet und international weniger zur Kooperation bereit ist. Zweitens, sollten die Spiele von einzelnen westlichen Staaten boykottiert werden oder zu einem PR-Desaster für China werden, dann wäre dies für die chinesische Führung (und einen Teil der Bevölkerung) nicht nur eine gewaltige Enttäuschung, sondern könnte zur Folge haben, dass man sich in dem Verdacht bestätigt sieht, die westlichen Industrienationen (im Bunde mit ihren Medien) wollten China an seinem Aufstieg und Modernisierungserfolg hindern. Eine solche Interpretation klang im Zusammenhang mit der Störung des Fackellaufes und den Boykottdrohungen schon an. Wie die chinesische Führung damit dann umgeht, wird wesentlich davon abhängen, wie zum einen die eigene Bevölkerung - insbesondere in den urbanen Zentren - auf einen solchen Misserfolg reagiert und welche Signale zum anderen von außen (und nicht nur vom Westen!) kommen. Es ist nicht auszuschließen, dass die chinesische Führung dann durch eine harte Haltung oder gar einen riskanteren Kurs nach außen versucht, Legitimität nach innen wiederzugewinnen.

Fußnoten

4.
Vgl. David Shambaugh, China's competing nationalisms, in: International Herald Tribune vom 5. 5. 2008.