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7.7.2008 | Von:
Jutta Braun

Sportler zwischen Ost und West

Flucht aus dem Trainingslager

Am 19. Januar 1968 schlich sich der Nordische Kombinierer Ralph Pöhland, ostdeutsche Medaillenhoffnung für die bevorstehenden Olympischen Winterspiele in Grenoble, um Mitternacht auf den Balkon des Teamhotels der Ski-Nationalmannschaft der DDR, die sich im schweizerischen Les Brassus im Trainingslager befand. Mit Georg Thoma, bundesdeutscher Ski-Weltmeister von 1966, hatte er einen prominenten Fluchthelfer, der in der Nähe angespannt im startbereiten Porsche auf ihn wartete. Pöhland erstarrte, als jäh grell aufstrahlende Scheinwerfer ihn blendeten. "Ich hatte wahnsinnige Angst, ich habe gedacht, jetzt haben sie mich erwischt", erinnert sich Pöhland heute an die furchtbare Schrecksekunde. Aber Georg Thoma beruhigte ihn: "Komm, Ralph, du brauchst keine Angst zu haben. Das ist das ZDF." Pöhland sprang - die Szene wurde vom Wintersport-Experten des Zweiten Deutschen Fernsehens, Bruno Moravetz, mit Kameramann und Tontechniker festgehalten.[25]

Diese wie ein Revolverroman anmutende Fluchtgeschichte ereignete sich kurz vor dem ersten olympischen Auftritt einer eigenständigen DDR-Mannschaft bei den Winterspielen im französischen Grenoble. Ralph Pöhland sprang in die Freiheit, da er in den Jahren zuvor sportlich und persönlich von SED-Funktionären schikaniert worden war. Doch liefen in dieser denkwürdigen Nacht in den Schweizer Alpen mehrere Fäden zusammen, die für die deutsch-deutschen Sportbeziehungen dieser Zeit charakteristisch waren: Das Entkommen des DDR-Athleten verstärkte das wachsende "Republikflucht"-Trauma des ostdeutschen Staatssports; der westdeutsche Sport leistete aktive Fluchthilfe - ein bislang nahezu unbekanntes Kapitel der Sportgeschichte; schließlich war es der Beginn der Leidensgeschichte von Pöhlands in der DDR lebenden Angehörigen.

Wenige Tage nach der Flucht Ralph Pöhlands erging Haftbefehl gegen ihn, einige Wochen später verloren beide Eltern ihre Anstellungen in staatlichen Betrieben.[26] Die Familie und das Umfeld wurden mit Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit infiltriert, engste Angehörige gegeneinander ausgespielt. Wie nach der Flucht von Karin Richert und in zahlreichen anderen Fällen wurde auch hier die Familie als Druckmittel zur Rückkehr eingesetzt, die Stasi drohte, den Vater dauerhaft zu inhaftieren, falls Pöhland nicht den Weg zurück in die DDR wählte, doch blieb er bei seiner Weigerung. Seinem ehemaligen Teamkollegen, dem ostdeutschen Skistar Andreas Kunz, wurde die fortgesetzte Freundschaft zu Pöhland - die beiden trafen sich zu Beginn der 1970er Jahre am Rande internationaler Wettkämpfe - zum Verhängnis. Er wurde wegen dieses Kontakts dauerhaft vom Leistungssport ausgeschlossen, "aus gesundheitlichen Gründen", wie die SED gegenüber der Öffentlichkeit behauptete. Dem Zugriff der Stasi sollte die Familie des Geflüchteten zu DDR-Zeiten nie mehr entkommen. Auch Pöhland selbst blieb im Visier des MfS. Der letzte Eintrag in seiner Opfer-Akte bei der BStU stammt aus dem Jahr 1985, dort firmierte der Vorgang - noch 18 Jahre nach Pöhlands Flucht - unter "Operative Personenkontrolle - Verräter".[27]

Sind die frühen Fluchtfälle im DDR-Sport noch kaum aufgearbeitet, so gilt dies erst recht für ein weiteres historisches Phänomen: die Beteiligung westdeutscher Sportler und Funktionäre an der Vorbereitung und dem Gelingen der häufig abenteuerlichen Fluchtunternehmen. Bis heute wird ein solcher aktiver Part der westlichen Seite selten offen eingeräumt. Der Grund erscheint einfach: In der DDR-Propaganda wurde niemals die persönliche oder politische Motivation der Flüchtenden erwähnt, sondern der Wechsel gen Westen stets als alleinige Folge rücksichtsloser "Abwerbung", wenn nicht gar "Menschenhandels" von Seiten westlicher Sportfunktionäre verzerrt. Offenkundig hatte der bundesdeutsche Sport zur Zeit des Kalten Krieges nicht die Absicht, ein derartiges Propagandaszenario durch öffentliche Bekanntgabe der eigenen Beteiligung in einzelnen Fällen der Fluchthilfe zu bedienen. Dennoch wäre es lohnenswert, systematisch der Frage nachzugehen, inwieweit derartige Aktionen vom westdeutschen Sport gefördert wurden, sei es, um einzelnen Athleten das Entkommen aus der Diktatur zur ermöglichen, sei es, um den kommunistischen Gegner auf der Aschenbahn gezielt sportlich zu schwächen. Der Fall Pöhland liefert für letztere Motivation einige Anhaltspunkte: Georg Thoma wartete um Mitternacht im Porsche nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf explizite Weisung des westdeutschen Skiverbandes. Ralph Pöhland selbst schätzt die Konstellation rückblickend so ein: "Durch meine Flucht hatten die Westdeutschen bei der ersten olympischen Konkurrenz mit der DDR einen wichtigen Gegner weniger." Nur durch eine gründliche Auswertung der Verbandsarchive und zahlreiche Zeitzeugeninterviews sind sämtliche Hintergründe erklärbar, die den schwierigen Weg flüchtender Sportler zwischen Ost und West bestimmten und begleiteten.

Ein letzter Blick soll der Rolle der Medien gelten: Bruno Moravetz vom ZDF hatte in der Nacht von Les Brassus eigentlich einen großen journalistischen Coup gelandet. Durch einen Tipp des befreundeten Georg Thoma war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um das Geschehen aufzunehmen. Doch wurde seine Verfilmung des Sprungs nie gesendet. Zwar präsentierte bereits am nächsten Abend das "Aktuelle Sportstudio" sowohl Georg Thoma als auch Ralph Pöhland live in der Sendung, um die gelungene "Republikflucht" publik zu machen. Doch scheute sich die ZDF-Sportredaktion, einzugestehen, dass eigene Journalisten bei dieser Flucht im wahrsten Sinne des Wortes die Lampe gehalten hatten. Hier spielte auch Sorge um das Wohlergehen der Beteiligten eine Rolle - nicht ohne Grund, denn Bruno Moravetz wurde trotz dieser Vorsichtsmaßnahme des Senders kurz darauf von einem ostdeutschen Journalisten gewarnt, nie mehr in die DDR zu reisen. Der Film von Pöhlands Sprung verschwand in der Folgezeit als unscheinbarer "Take 004"[28] in den Archiven des ZDF und fiel dem Vergessen anheim. Auch hier stellt sich die Frage, wie viele andere mediale Dokumente dieser bewegten Zeit in Rundfunk- und Fernseharchiven noch darauf warten, aus dem Dunkel der Vergessenheit hervorgeholt zu werden.[29]

Fußnoten

25.
Die Schilderung der Ereignisse des 19. 1. 1968 beruht auf Zeitzeugengesprächen der Autorin mit Ralph Pöhland am 6. 2. 2008, Georg Thoma am 6. 2. 2008 sowie mit Bruno Moravetz am 7. 2. 2008.
26.
Diese und weitere Angaben über die MfS-Tätigkeit im Fall Pöhland sind seiner Opferakte entnommen: BStU, 1721/68.
27.
Die persönlichen Zitate entstammen dem Zeitzeugengespräch mit Ralph Pöhland am 6. 2. 2008 in Plauen.
28.
Rechercheergebnis Michael Barsuhn, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig.
29.
Eine Pionierleistung vollbrachte in dieser Hinsicht der Journalist Willi P. H. Knecht, der einige zeitgenössische Fälle in Interviews dokumentierte. Vgl. W. P. H. Knecht, Verschenkter Lorbeer. Deutsche Sportler zwischen Ost und West, Köln-Berlin 1969.