APUZ Dossier Bild

14.4.2008 | Von:
David Witzthum

Israels Medien in Zeiten der Not

Dimensionen der Bedeutungsgebung

Das Fernsehen mit sämtlichen Medien im Gefolge hat sich seit Beginn der Anschläge im Herbst 2000 dafür engagiert, Terroranschlägen eine gesellschaftliche, kulturelle und letztlich auch nationale Bedeutung zu verleihen. Dadurch wird der Terroranschlag von einem anonymen, statistischen Vorfall zu einer besonderen Geschichte mit Namen, Identität und Kontext.

Der Anschlag auf das Delfinarium im Juni 2001 in Tel Aviv etwa, bei dem mehr als zwanzig Jugendliche "aus der Sowjetunion" während eines Diskothekenbesuchs ums Leben kamen, wurde eindringlich in das kollektive nationale Gedächtnis gemeißelt - eine Art "Eintrittskarte" für die Einwanderer aus Russland in die israelische Gesellschaft und Kultur. Die negativen Stereotypen von Russen, die in Israel vor dem Anschlag kursiert hatten, verschwanden größtenteils aus dem Mediendiskurs.[12] Der Anschlag, der 2002 am Seder-Abend des Passover-Fests auf das Park-Hotel in Netanya verübt wurde, hat 27 Menschen das Leben gekostet und wurde mit der Shoah in Zusammenhang gebracht, weil Überlebende der Shoah zu Opfern wurden. Der Anschlag auf das Jerusalemer Beth-Israel-Viertel im selben Monat und der auf die ultraorthodoxe Siedlung Emanuel im Dezember 2001 wurden als Versuch dargestellt, Judentum und Juden, ihre Religion, ihre Feste und Traditionen zu treffen. Gleiches galt auch für den Jerusalemer Anschlag im August 2003, bei dem vor allem Ultraorthodoxe getötet wurden, die plötzlich von explizit säkularen Israelis als "edelmütige Brüder" umarmt wurden.

Nach den Anschlägen auf die Jerusalemer Cafés "Moment" im März 2002 und "Hillel" im Sommer 2003 sprachen die Medien von dem Versuch des fanatischen Islams, das säkulare Leben zu treffen. Man sprach von der liberalen Tradition des Rehavia-Viertels,[13] von der Emek-Refaim-Straße und ihrem besonderen Charakter in Jerusalems Stadtbild. Gleiches traf auch für den Anschlag auf das Tel Aviver Dizengoff Center oder auf das Fischrestaurant "See-Food-Market" zu. Der Anschlag auf den Zionsplatz oder die Ben-Jehuda-Straße in Jerusalem im Jahr 2001 erinnerte die Medien an den Anschlagsversuch auf das "Herz der israelischen Hauptstadt" und an die Explosion zur Zeit des britischen Mandats. Nach dem Anschlag auf die Hebräische Universität am Skopusberg riefen führende Persönlichkeiten den fatalen Anschlag auf die Kolonne 1948 in Erinnerung. Nach den Anschlägen auf die Haifaer Restaurants "Maza" im März 2002 und "Maxime" Anfang Oktober 2003 - beide sind in gemischtem jüdisch-arabischen Besitz - sprach man von dem Versuch, der Koexistenz von Juden und Arabern in Haifa und in Israel überhaupt zu schaden. Nach dem Anschlag auf den alten Busbahnhof in Tel Aviv im Januar 2003 wurde über die in Israel lebenden ausländischen Arbeiter und deren Bezug zu Israel diskutiert, über ihre Nöte und das Dilemma, ihnen zu helfen oder sie zum Verlassen des Landes zu bewegen, sowie von der Problematik, der sich Verletzte und Zeugen gegenüber sahen, die sich illegal in Israel aufhielten.

In anderen Fällen berief sich der Staat auf Symbole, die mit dem Anschlag verbunden wurden. Nach dem Anschlag auf das Jerusalemer "Sbarro"-Restaurant im August 2001 wurde die Geschichte einer holländischen Familie erzählt, die ihr Schicksal mit Israel verband und drei Söhne bei dem Anschlag verlor. Es wurden auch die Geschichten der Eltern von Ermordeten ausgebreitet, die vom Innenministerium zur Ausreise gezwungen wurden. Nach dem Attentat auf Minister Rehavam Zeevi im Oktober 2001 erhielt ein rechtsextremistischer Minister plötzlich "Eigenstaatlichkeit", wurde zur Gründungselite des Landes, stand allen und allem nah - dem Boden, der israelischen Geschichte und den Literaten. Bei anderen Anschlägen wurden herzzerreißende Kindergeschichten erzählt. Dies traf insbesondere für den Jerusalemer Terroranschlag am 19. August 2003 zu, der umgehend als "Kinderanschlag" tituliert wurde. Bei dem Anschlag auf ein Restaurant in Haifa im Oktober 2003, in dem Familien zusammen am Sabbatabend aßen, wurden Geschichten von "ganzen Familien" erzählt, die ausgelöscht wurden.

Den Orten der Anschläge oder dem gewählten Zeitpunkt wurden ebenfalls Bedeutungen beigemessen: Autobusse, Märkte und andere Orte, an denen sich vor allem Arme aufhalten, wie Tel Avivs alter Busbahnhof oder das Stadtzentrum von Beersheva, das im August 2004 von einem Anschlag heimgesucht wurde. Sie wurden zu Symbolen grausamen Terrors gegen einfache Menschen, gegen Alte, Ausländer und Mittellose. Dagegen klammerten die Medien bestimmte Gruppen von der Berichterstattung aus: Die Siedler hatten schon immer behauptet, dass den Medien ihr Schicksal und die vielen Anschläge in Judäa und Samaria gleichgültig waren - Gebiete, die von den Medien als "Niemandsland" angesehen werden, in dem Anschläge "natürlich" oder gar gerechtfertigt seien. Die Entfremdung zwischen "Israelis" und Nationalreligiösen, die seit dem einseitigen Rückzug aus Gush Katif (August 2005) und der gewaltsamen Räumung der Siedlung Amona (Februar 2006) sehr tief ging, riss bei dem Jerusalemer Anschlag auf die Talmudschule Merkaz ha-Rav im März 2008 wieder auf. Dieser Anschlag wurde ausgiebig, jedoch ohne emotionale Identifizierung behandelt.

Zudem bekam die negative Einstellung gegenüber Europa Aufwind, das als "antisemitisch" galt. Dagegen identifizierte man sich verstärkt mit den Juden im Ausland, was vor Beginn von Intifada und Terror fast gar nicht mehr der Fall gewesen war. Auch die wohlwollende Einstellung gegenüber "normalen Beziehungen" zu Deutschland ging zurück. Deutschland wurde in den Jahren der Intifada - zur Amtszeit von Gerhard Schröder - Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal Israels vorgeworfen, obgleich es historische Verantwortung trage. Außenminister Joschka Fischer revidierte diesen Eindruck durch häufige Israelbesuche und seine energischen Verurteilungen des Terrors. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Israel im März 2008 besuchte, äußerte sich überaus israelfreundlich[14] und bewirkte eine Änderung. Dennoch ist die israelische Gesellschaft zur Schlussfolgerung gelangt, dass Israel von der internationalen Gemeinschaft mit seinem Schmerz allein gelassen wird. Die Medien trugen dazu bei, das Gefühl des "Opfers", das Israel in jenen Jahren überkam, zu vertiefen.[15]

Fußnoten

12.
Vgl. zum Folgenden D. Witzthum (Anm. 8).
13.
So Arie Shavit in Haaretz vom 10.3. 2002.
14.
Vgl. Fori-Umfragen sowie die Umfrage der EU-Delegation in Israel 2004; Merkels Rede (auf Deutsch) in der Knesset am 18.3. 2008 wurde vom israelischen Fernsehen direkt übertragen.
15.
Gleiches hat sich parallel in den palästinensischen Gebieten ereignet: Die Medien gingen ähnlich wie die israelischen vor, wobei sich die Palästinenser als Opfer der israelischen Gewalt betrachten, ohne Verantwortung für die Terroristen, die aus den Gebieten kommen.