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18.3.2008 | Von:
Martin Klimke

1968 als transnationales Ereignis

Historische Rahmenbedingungen

Nach Eric Hobsbawm war "1968" bereits das erste Anzeichen dafür, dass das "goldene Zeitalter" von anhaltendem wirtschaftlichen Boom, Modernisierung und innerer Stabilität zu seinem Ende kam.[6] Die allseits bemühte Chiffre "1968" kann daher als ein Höhepunkt verschiedener Entwicklungen gesehen werden, die durch die sozialen und wirtschaftlichen Transformationen in der Folge des Zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt worden waren. Diese historischen Rahmenbedingungen der Revolte liegen zum einen in der Prosperität der Nachkriegszeit und der Entwicklung einer weiten sozialen Schichten zugänglichen Konsumgesellschaft in den 1950er Jahren begründet.[7] Damit einher gingen die Entdeckung und der steigende Einfluss der Jugend als ökonomische Kraft und Zielgruppe. Der Anstieg der Geburtenrate, der so genannte "baby boom" in Großbritannien und den USA, erreichte 1947 seinen Höhepunkt. Die daraus erwachsende Generation war 1960 bereits 13 Jahre alt und im Besitz einer erheblichen Kaufkraft, die bereits frühzeitig von der Mode- und Musikindustrie entdeckt wurde. Zudem mussten sich auch die Tore der Universitäten in den 1960er Jahren immer mehr Studenten öffnen, was die Hochschulen oftmals strukturell überforderte. Überfüllte Hörsäle, der Versuch der Automatisierung universitärer Abläufe, die Annäherung wissenschaftlicher Ausbildung an die Wirtschaft im Konzept einer "multiversity", wie sie z.B. der Präsident der Universität von Kalifornien forderte; all dies führte bereits am Beginn des Jahrzehnts zu einer verstärkten Debatte um Hochschulreform und studentische Mitbestimmung.[8]

Flankiert wurden diese Prozesse durch einen allgemeinen Anstieg internationaler Austauschprogramme und verstärkte kulturdiplomatische Anstrengungen beider Supermächte im Kampf um die internationale öffentliche Meinung im Kalten Krieg, oftmals mit besonderem Augenmerk auf jugendliche Zielgruppen. Die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnologie, insbesondere des Fernsehens und internationaler Satellitenkommunikation, internationalisierte diese Diskurse auch auf medialer Ebene. Der durch den Siegeszug des Fernsehens ausgelöste Strukturwandel in der öffentlichen Kommunikation und der Bedeutungsgewinn visueller Repräsentationen ist daher eine weitere, entscheidende Rahmenbedingung für die synchrone Erfahrung der globalen, oft äußerst medial wirksamen Protestinszenierungen um 1968.[9] Veränderte wirtschaftliche, demographische und technologische Rahmenbedingungen sowie eine sich internationalisierende Medienlandschaft bewirkten daher bereits Anfang des Jahrzehnts eine Verkürzung transnationaler Kommunikationswege, in deren Fahrwasser für die spätere Revolte um "1968" bedeutsame Subkulturen und Protestbewegungen entstanden.

Fußnoten

6.
Eric Hobsbawm, The Year the Prophets Failed, in: Eugene Atget/Laure Beaumont-Maillet (eds.), 1968 The Magnum Photographs: A Year in the World, Paris 1998, S. 8 - 10.
7.
Vgl. Stephan Malinowski/Alexander Sedlmaier, "1968" als Katalysator der Konsumgesellschaft: Performative Regelverstöße, kommerzielle Adaptionen und ihre gegenseitige Durchdringung, in: Geschichte und Gesellschaft, 32 (2006), S. 239 - 267; Detlef Siegfried, Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006.
8.
Vgl. Clark Kerr, The Uses of the University, Cambridge, Mass. 1963; Sozialistischer Deutscher Studentenbund, Hochschule in der Demokratie, Frankfurt/M. 1961.
9.
Vgl. Kathrin Fahlenbrach, Protest-Inszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive IdentitÄten in Protestbewegungen, Wiesbaden 2002.