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28.2.2008 | Von:
Michael Meyen

Auslandsmedien im 21. Jahrhundert

Der deutsch-deutsche Medienkrieg

Was auch immer gegen Auslandsmedien vorgebracht wird: In Deutschland dürfte man damit kein Gehör finden. Ist nicht die Wiedervereinigung Beweis genug, dass sich grenzüberschreitende Kommunikation lohnt? Zum Gründungsmythos des neuen Deutschland gehört, dass die Westmedien an der Wiege des Umbruchs in der DDR gestanden hätten: ARD und ZDF, Deutschlandfunk und Rias seien für die Ostdeutschen nicht nur "Fenster zur Welt" gewesen, sondern hätten auch über das informiert, was in der DDR passiert und von den SED-Medien verschwiegen worden war, so den "real existierenden Sozialismus" demaskiert und damit langfristig zum Zusammenbruch des Regimes beigetragen.[20]

Auch wenn die empirischen Belege auf wackligen Füßen stehen, scheint nicht vorstellbar, dass die DDR-Bürger nicht nach Nachrichten aus der "freien Welt" gesucht haben sollen. Die einheimischen Medienangebote waren von Anfang an unglaubwürdig, und die Herrschenden versuchten, den Informationsfluss aus dem Westen zu unterbinden - zunächst (ab Ende der 1940er Jahre) mit einem Einfuhrverbot für Zeitungen und Zeitschriften, dann mit Störsendern (vor allem gegen den Rias) und mit der "Aktion Ochsenkopf", bei der FDJ-Kommandos kurz nach dem Mauerbau Fernsehantennen von den Dächern holten, die nach Westen gerichtet waren, schließlich mit moralischem Druck, den vor allem diejenigen bis zum Ende der DDR spürten, die dort Karriere machen wollten. Wozu dieser Aufwand, wenn die SED keine Angst vor den "Feindsendern" gehabt hätte? Widerlegt die Geschichte hier nicht Mark Hopkins, der generell an der Wirkung von Auslandsmedien gezweifelt hat?

Das deutsche Beispiel bietet sich für die Frage nach dem Sinn grenzüberschreitender Medienkommunikation auch deshalb an, weil die Angebote hier keine Sprach- und Kulturbarriere zu überwinden hatten, weil sie leicht empfangbar waren und weil beide Seiten in den "Krieg um die Köpfe" enorme Anstrengungen investiert haben, ohne ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Die DDR ist 40 Jahre alt geworden, obwohl fast alle ihre Bürger vom ersten Tag an Westmedien nutzen konnten.[21] In den frühen 1950er Jahren war der Rias in weiten Teilen des Landes sogar ohne Konkurrenz, weil es im Osten noch kaum leistungsfähige Sender gab. Der Mangel schränkte die Störversuche ein, die auch den Empfang der einheimischen Programme verschlechterten. Die "Aktion Ochsenkopf" wurde nach wenigen Wochen abgeblasen, weil der Kampf gegen das Westfernsehen die Bevölkerung stärker beschäftigte als der Mauerbau. 1973 ermunterte Erich Honecker die DDR-Bürger ausdrücklich zum Umschalten, und in den 1980er Jahren kam der Klassengegner in vielen Plattenbauten über das Kabel.

Dieser laxe Umgang ist nicht nur mit Resignation zu erklären, sondern auch mit dem Wissen um Seh- und Hörgewohnheiten. Wie in anderen Industriegesellschaften erwarteten die meisten Menschen in der DDR von den Funkmedien, dass sie den Aufenthalt daheim versüßen. Wenn die eigenen Programme das Unterhaltungsbedürfnis nicht befriedigten, wurde umgeschaltet. Im Westen sah oder hörte man zwar in der Regel auch Nachrichten, bei einer Infratest-Umfrage kannte aber 1955 nicht einmal jeder Dritte den Namen eines Sprechers oder Kommentators, und 1958 konnten sich nur 24 Prozent der befragten Ostdeutschen an den Inhalt einer Politiksendung erinnern. Diese Gruppe stufte Infratest als "wirkliche" Hörer mit einem "harten" Politikinteresse ein. Spätere Studien haben diese "wirklichen" Hörer und Seher sozial verortet (vor allem im Umfeld der Kirchen, in Künstler- und Intellektuellenmilieus sowie in Berufen, die politisch nicht so wichtig waren und folglich unter Wert entlohnt wurden) und gezeigt, dass selbst diejenigen, welche die Medienpolitik der SED dezidiert ablehnten, auch der anderen Seite bestimmte Interessen unterstellt und mit Skepsis reagiert haben. Ein vollwertiger Ersatz konnten die Westmedien ohnehin nicht sein. Die Ratgebersendungen ließen sich für das Leben im Osten nicht anwenden, Nachrichten und Politikmagazine halfen in "normalen" Zeiten nur sehr bedingt bei der Orientierung im Alltag, und dass es mit der eigenen Wirtschaft nicht zum besten stand, sah man im Betrieb oder spätestens im Kaufhallenregal.

Dies alles heißt aber nicht, dass die Sendungen aus dem Westen wirkungslos geblieben sind. Auch wenn manches "Hetze" zu sein schien: Allein die Tatsache, dass es einen Gegenpol gab, hat die Menschen zum Nachdenken gebracht. Kann man einer Sache bedingungslos glauben, wenn einem der Zweifel ständig vor Augen geführt wird? Ein Leipziger Schriftsteller, Jahrgang 1953, sagte in einem biographischen Interview, er habe nicht erwartet, dass die "Tagesschau" die Realität in der DDR widerspiegelt. Ihm sei es dort vielmehr um "eine andere Sicht" und einen "anderen Blickwinkel" gegangen. Dies hätten die Westmedien zweifellos geleistet. Auch deshalb war guter Westempfang in der DDR ein Stück Lebensqualität. Ein anderer Leipziger, Jahrgang 1962, sagte in der gleichen Interviewserie, er habe die Einseitigkeit der SED-Medien gar nicht so wahrgenommen, weil ja die Gegenseite ständig verfügbar gewesen wäre. Dazu kommt die Sondersituation Krise. Wenn der Rias im Juni 1953 nicht gehört worden wäre, hätte die SED-Propaganda den Sender kaum als Hauptschuldigen an den Unruhen diffamieren können. Und wer weiß, wie der Herbst 1989 verlaufen wäre, wenn die Westmedien nicht über Demonstrationen, Fluchtmöglichkeiten und Opposition berichtet und so eine mediale Öffentlichkeit in der DDR hergestellt hätten.

Am deutsch-deutschen Beispiel kann man außerdem die indirekten Wirkungen von Auslandsmedien studieren. Zum einen haben Medienpolitiker und -macher auf beiden Seiten die Bemühungen des Gegners genutzt, um den eigenen Bereich aufzuwerten und Forderungen nach höheren Budgets zu legitimieren, und zum anderen sind die Programme besser auf die Wünsche der Nutzer zugeschnitten worden, um die Menschen vom Umschalten abzuhalten. Dies gilt keineswegs nur für den Osten, wo man bundesdeutsche Erfolgsprogramme kopierte, das Sendernetz vor allem dort ausbaute, wo der Westen gut zu empfangen war, und ab Dezember 1982 in beiden TV-Programmen ab 20 Uhr Unterhaltendes brachte, weil man wusste, dass Sendungen mit Erziehungsauftrag die Zuschauer dem Klassenfeind in die Arme trieben. Auch in der Bundesrepublik wurde versucht, die Konkurrenz zu unterbinden. Vor allem in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten warnten Journalisten und Politiker immer wieder vor östlichen Rundfunkwellen und Papierinvasionen (zum Beispiel vor SED-Zeitungen, die im Kleinformat per Post verschickt wurden). Obwohl die Ostsendungen längst nicht überall empfangbar waren, Umfragen das Desinteresse der Westdeutschen belegt hatten und man die wirtschaftlichen Grenzen der DDR kennen konnte, war der Hinweis auf die Gefahr von "drüben" ein unschlagbares Argument, das den Ausbau des Hörfunk-Nachtprogramms genauso beschleunigte wie den des Unterhaltungsangebots im Fernsehen. Dass man dabei immer auch auf die Bedürfnisse der Brüder und Schwestern im Osten verweisen konnte, hat schon damals für ein Gefühl der Überlegenheit gesorgt - ein Gefühl, das bis heute anhält. Konnte sich der Westen nach 1989 nicht auch deshalb als Sieger sehen, weil die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Auftrag hatten, auch die Deutschen im Osten zu informieren und den Gedanken an die Einheit wach zu halten?

Fußnoten

20.
Vgl. Kurt R. Hesse, Fernsehen und Revolution, in: Rundfunk und Fernsehen, 38 (1990) 3, S. 328 - 342.
21.
Vgl. für das Folgende Michael Meyen, Denver Clan und Neues Deutschland. Mediennutzung in der DDR, Berlin 2003.