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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Exklusivität und gesellschaftliche Ausbreitung

Im frühen 19. Jahrhundert, unter den spezifischen Bedingungen der ebenso klassenmäßigen wie ständischen Vergesellschaftung des Bürgertums, hatten sich Wert- und Ordnungsvorstellungen herausgebildet, ohne die wir von einer kulturell gleichartig sozialisierten Einheit wie dem Bürgertum gar nicht sprechen könnten. Im Zentrum standen die Idee der bürgerlichen Gesellschaft als politische Ordnungsidee, als Wirtschaftstheorie und als neuer Strukturvorstellung zur Verbindung der Einzelinteressen einerseits und der bürgerliche Habitus als Modell der ständischen Lebensführung andererseits.[6]

Wenn man dieser Argumentation von M. Rainer Lepsius folgt, dann besteht der bürgerliche Habitus auch dann fort, wenn die Ursprungskonstellation, die zu seiner Entstehung geführt hat, also das Bürgertum als soziale Gruppe, längst zerfallen ist. Ein Gleiches gilt für die alte Idee der bürgerlichen Gesellschaft, die noch heute als Modell der bürgerschaftlichen Teilhabe im Diskurs der Zivilgesellschaft existiert. Das Stiften ist gerade wegen seiner Bindung an bürgerliche Werte ein zentrales Merkmal für die Fortentwicklung sowohl der bürgerschaftlichen Ordnungsidee als auch des bürgerlichen Lebensmodells.

Nach 1945 hat die Bürgertumsforschung für die Restbestände des Nachkriegsbürgertums zwei gegenläufige Tendenzen herausgearbeitet.[7] Zum einen lässt sich ein verstärkter Zug zur Exklusivität beobachten. Hierfür stehen etwa im Bereich der Kultur die frühe Gründung des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft 1951 oder die prominenten Sammlerpersönlichkeiten der frühen Jahre wie die Kölner Kunstsammler Wolfgang Hahn und Josef Haubrich, die seit den 1950er Jahren internatonale zeitgenössische Kunst sammelten und ausstellten. Trotz ihrer teils öffentlichkeitswirksamen Präsentation führen diese Formen der exklusiven Bürgerlichkeit ein Nischendasein. Zum anderen finden sich auf der Basis des wirtschaftlichen Aufschwungs Nivellierungstendenzen und spätestens seit den 1960er Jahren prominente Züge einer Verallgemeinerung bürgerlicher Werte und Normen (Fleiß, Arbeitsdisziplin, Distinktion, Bildung, Sparsamkeit) bis hin zu mehr bürgerschaftlichem Engagement im Zuge der gesamtgesellschaftlichen Liberalisierung.

Es scheint nun so zu sein, dass sich auf dem Feld der Stiftungen die beiden zentralen Elemente der Entwicklung des Bürgertums nach 1945, die Exklusivität und die Ausbreitung in den gesellschaftlichen Raum hinein, nicht nur überlagern, sondern miteinander verbinden. Die sozialen Bewegungen im Umfeld der 1960er und 1970er Jahre wirkten dabei kurz- und mittelfristig als eine Art Teilchenbeschleuniger, der die Restbestände traditioneller Bürgertugenden auf ein neues Ziel, das bürgerschaftliche Engagement, hin ausrichtete und mit neuer Energie auflud. Die großen Stifterpersönlichkeiten, meist mit wirtschaftsbürgerlichem Hintergrund, aber auch die neuen stadtbürgerlichen Verwaltungseliten nahmen hier eine zentrale Vermittlerrolle zwischen bürgerschaftlichem Engagement und symbolischer Anerkennung ein.

Diese Allianz veränderte unter dem Signum "Kultur für alle" die bis dahin gültigen Normen und Wertvorstellungen, und sie hatte auch Auswirkungen auf die positive Entwicklung des Stiftungssektors in der alten Bundesrepublik und mehr noch im Zeitraum nach 1989. Es bilden sich - sichtbar etwa an Spendenaktionen wie dem Basler "Picassofest" 1967 zum Ankauf von drei Gemälden des Malers oder der von Hilmar Hoffmann organisierten "Aktion Synagoge" 1972 in Frankfurt/M. zum Ankauf eines Gemäldes von Max Beckmann - neue Strukturen heraus, die heute mit Begriffen wie "Eventkultur", "Kulturmanagement" oder "Kulturwirtschaft" nur unzureichend bezeichnet werden. Und es ist die Institution der Stiftung in neuer Form, etwa als Zuwendungsstiftung oder als Bürgerstiftung, die diesen allgemeinen Trend mit dem besonderen Stifterwillen privater und öffentlicher Träger zur Deckung bringt und in Richtung einer Bürgergesellschaft der Zukunft weist.

Fußnoten

6.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Zur Soziologie des Bürgertums und der Bürgerlichkeit, in: ders., Interessen, Ideen und Institutionen, Opladen 1990, S. 153 - 170.
7.
Vgl. Eckart Conze, Eine bürgerliche Republik? Bürgertum und Bürgerlichkeit in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, in: Geschichte und Gesellschaft, 30 (2004), S. 527 - 542.