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11.12.2009 | Von:
Heike Walk

Krise der Demokratie und die Rolle der Politikwissenschaft

Rolle der Politikwissenschaft

In der politikwissenschaftlichen Literatur und in der breiten Diskussion über Governance-Systeme finden sich trotz der vielfältigen Herausforderungen für demokratische Fragestellungen nur wenige Studien, die sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema beschäftigen. Meist finden sich allgemeine Formulierungen, die etwa auf die demokratische Gestaltung in Form einer Beteiligung von nichtstaatlichen Akteuren hinweisen. In welcher Form diese Beteiligung stattfindet und welche Akteure beteiligt werden, wird nicht diskutiert. Dies hat mit der Zielsetzung der politikwissenschaftlichen Governance-Analysen zu tun, die eher an der Problemlösung und nicht am politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess interessiert sind.

Die Bedeutung der Demokratieentwicklung wird indes vor allem dann offensichtlich, wenn der Auftrag und die Rolle der Politikwissenschaft in ihrer historischen Entwicklung in den Blick genommen werden. Die Etablierung der politischen Wissenschaft verstanden die Gründungsväter (Gründungsmütter gab es damals leider nicht) nach dem Zweiten Weltkrieg als politische Aufgabe, die an historischen Ereignissen anknüpfen und als umfassender Auftrag zur demokratischen Bildung der Bevölkerung angesehen werden sollte. Politikwissenschaft und pluralistische Demokratie standen in einem wechselseitigen Verhältnis: Die meisten Professoren der ersten Generation traten deutlich und öffentlich für eine partizipative und pluralistische Politik ein. Ernst Fraenkel formulierte: "Eine funktionierende Demokratie erfordert, dass der Prozess der Gestaltung politischer Entscheidungen öffentlich kontrolliert wird. Kontrolle der Regierung durch öffentliche Meinung setzt eine systematische Analyse der einzelnen Phasen des Prozesses der politischen Entscheidung voraus."[8]

Was die Forschungsgebiete dieser ersten Generation der Politikwissenschaftler anbelangte, so standen die Auseinandersetzung mit der deutschen Zeitgeschichte, also die Analyse des Scheiterns der ersten Demokratie, die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten sowie Herrschaft und Geschichte des "Dritten Reichs" an erster Stelle.[9] Bezeichnenderweise wurde die Frage ins Zentrum der Diskussion gerückt, ob das Mehrheits- oder das Verhältniswahlrecht größere demokratische Gerechtigkeit und zugleich die politische Stabilität gewährleisten kann. Darüber hinaus etablierte sich als zweites Teilgebiet der Politikwissenschaft die Theorie und Empirie der Demokratie. Die normativen Vorstellungen einer repräsentativ-pluralistischen Demokratie, in der neben Regierung und Parteien auch den Verbänden und der öffentlichen Meinung eine zentrale Funktion im gesellschaftlichen Willensbildungsprozess zukommen sollte, prägte die empirische Demokratieforschung. Die älteren und gefestigten Demokratien wurden im Rahmen der vergleichenden Regierungslehre zum Vorbild für die westdeutsche Demokratieforschung. Dabei standen sich zwei Positionen gegenüber: Die eine Position konzentrierte sich auf eine empirische Forschung, die den Erwerb und Gebrauch von Macht analysierte, die andere arbeitete mit dem normativen Begriff von Politik als "guter Ordnung".

Prägend für die zweite Phase der Politikwissenschaft war eine Denkschrift von M. Rainer Lepsius, in der er auf die Notwendigkeit einer umfassenden Etablierung, Institutionalisierung und Internationalisierung der Politikwissenschaft hinwies.[10] Was die Lehr- und Forschungsgebiete dieser zweiten Phase anbelangte, so erweiterte sich die Analyse der internationalen Beziehungen zunächst auf die Gebiete der Sicherheits- und Entspannungspolitik. Darüber hinaus intensivierte sich im Rahmen der Forschung über die Entwicklungsländer eine Theoriedebatte über Erklärungsmodelle für die Ursachen der Unterentwicklung und der strukturellen Abhängigkeit der "Dritten Welt". Als Stichworte seien genannt: Dependenz- und Modernisierungstheorien, Wachstums- und Imperialismustheorien. In der Friedensforschung schlug sich der politische Wille zur Entspannungspolitik nieder.

Gleichzeitig bildeten sich drei Theorieströmungen bzw. Metatheorien, und mit ihnen auch unterschiedliche Schulen oder auch Lager. Wolf-Dieter Narr entwickelte für diese metatheoretischen Strömungen folgende Trias: erstens eine normativ-ontologische Theorie, die sich der ideengeschichtlich begründeten Herausarbeitung von klassischen Ordnungsvorstellungen und der Überprüfung der aktuellen Politik an übergeordneten Werten wie dem Gemeinwohl verpflichtet fühlte; zweitens eine empirisch-analytische Theorie, welche die Wissenschaft als Herausarbeitung von allgemeingültigen Sätzen durch die empirische Überprüfung der Wirklichkeit verstand; drittens eine dialektisch-kritische Theorie, die sich an Hegels Dialektik von These, Antithese und Synthese orientierte und die Kritik des Kapitalismus in der politischen Ökonomie aufgehen lassen wollte.[11]

Die zweite Phase der Expansion ging einher mit einer Krise der Politikwissenschaft. Diese wurde ausgelöst durch den Wunsch vieler reformgesinnter Politikwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen (die Zahl der Professorinnen erhöhte sich langsam), ihr Fach nicht nur als Demokratie-, sondern als Demokratisierungswissenschaft im Sinne einer Ausweitung der Freiheit und Selbstbestimmung in allen Bereichen der Gesellschaft zu sehen. Die bisherige Wissenschaft wurde als unkritische Herrschaftswissenschaft gesehen, und dementsprechend wurden Forderungen nach einer kritischen Emanzipationswissenschaft formuliert. Diese sollte die Ordnung des Wirtschaftssystems überwinden und zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins in der Öffentlichkeit beitragen.

Die dritte Phase der Politikwissenschaft war dadurch gekennzeichnet, dass der Versuch unternommen wurde, der Krise und auch der Vielfältigkeit der Ansätze entgegenzuwirken. Dazu wurden systematische Definitionen der Theorien der Politikwissenschaft und der von ihr angewandten Methoden aufgestellt. In Anlehnung an die angelsächsischen social sciences wurde der Begriff der Sozialwissenschaft von den Universitäten übernommen. Arbeitsbereiche wie Wahlanalyse, Parteien- und Verbändeforschung sowie Untersuchungen von Eliten nahmen eine Scharnierfunktion zwischen der Politikwissenschaft und der Soziologie ein.

Eine weitere Besonderheit dieser Phase war die Entdeckung der Politikfelder und die damit einhergehende Orientierung auf den Problemlösungsprozess. Ein policy-Modell bzw. Politikzyklus sollte den Ablauf von Problemlösungsprozessen in idealtypisch zu verlaufende Phasen erklärbar machen: Darin stand am Anfang die Agendagestaltung und die Auswahl einer bestimmten Politik, deren Umsetzung in der Implementationsphase erfolgte und schließlich mit der Evaluation wieder in ein neues Modell überführt wurde. Seine Bekanntheit erhielt die policy-Forschung bzw. Politikfeldanalyse also durch die empirischen und praxisbezogenen Arbeiten in den Politikfeldern.[12] Mit der Orientierung auf den Problemlösungsprozess verband sich auch die Intensivierung der politikberatenden Funktion der Politikwissenschaft. Zunehmend wurden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Regierung für die Erstellung von Gutachten beauftragt und zur Teilnahme in Beratergremien berufen. Der Auftrag, zur demokratischen Bildung der Gesellschaft beizutragen, verlor damit seinen zentralen Stellenwert für viele Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler.

Fußnoten

8.
Zit. nach: Wilhelm Bleek, Geschichte der Politikwissenschaft, München 2001, S. 281.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft, Wiesbaden 1961.
11.
Vgl. Wolf Dieter Narr, Theoriebegriffe und Systemtheorie, Stuttgart-Mainz 1969.
12.
Vgl. Volker Schneider/Frank Janning, Politikfeldanalyse. Akteure, Diskurse und Netzwerke in der öffentlichen Politik, Wiesbaden 2006.

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