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27.11.2009 | Von:
Isabelle Kürschner

Frauen in den Parteien

Parteibeitritt und Erfahrungen in der Partei

Die Motive, Anreize und Aktivitäten von Parteimitgliedern sind nur selten Gegenstand empirischer Studien.[5] Dies mag erstaunen angesichts der Tatsache, dass in der Parteienforschung durchaus zur Kenntnis genommen wird, dass es sich bei Parteien um männlich geprägte Organisationsformen handelt und dass Frauen, die in diesem patriarchalisch organisierten und definierten politischen System reüssieren wollen, sich nach wie vor männlichen Gesetzen und Regeln unterwerfen müssen.[6] Somit stellt sich vor dem Hintergrund der noch immer geringeren Anteile an weiblichen Parteimitgliedern die Frage, welche Frauen "überhaupt bereit und willens sind, sich in die vorgegebenen, traditionellen Politikstrukturen und Handlungszusammenhänge einzupassen".[7]

Laut Beate Hoecker[8] überwiegt bei den Männern die Selbstrekrutierung, während Frauen mehrheitlich einer Aufforderung folgen, Parteimitglied zu werden. Das stärkste Beitrittsmotiv bei Frauen ist der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Partei, während für Männer der Wille, politische Ziele umzusetzen, im Vordergrund steht. Der Einfluss der Familie auf einen Parteieneintritt ist bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Niedrige Werte bei beiden Geschlechtern erhalten dagegen die ergebnisorientierten Motive nach gesellschaftlichen und beruflichen Vorteilen sowie das Streben nach einem politischen Amt. Dennoch ist letzteres bei Männern fast doppelt so häufig der Fall wie bei Frauen. Zusammengefasst basiert der Parteieintritt von Frauen stärker auf solidarischen Motiven, während Männer überwiegend instrumentell und am zwischenparteilichen Wettbewerb orientiert sind.

Die Bereitschaft zur Übernahme eines Amtes ist bei Männern und Frauen, die bereits Mitglied einer Partei sind, nahezu gleichermaßen vorhanden. Unter den passiven Mitgliedern befinden sich sogar mehr Frauen als Männer, die sich bereit erklären, ein Amt zu übernehmen. Somit bergen gerade die nicht-aktiven weiblichen Parteimitglieder noch Potenzial. Genau wie beim Parteibeitritt überwiegt als Auslöser für Kandidaturen bei Frauen die Fremdrekrutierung gegenüber der Selbstrekrutierung. Gerade am Beginn der politischen Laufbahn geben Aufforderung und Ermunterung durch Dritte - in erster Linie lokale Verbände und Funktionsträger - häufig erst den Ausschlag für eine Kandidatur. Da vor allem in Parteien mit Quotenregelungen Frauen ermuntert werden, sich sowohl für innerparteiliche Posten als auch für kommunale Mandate aufstellen zu lassen, bewertet Brigitte Geißel die Ermutigung zur Kandidatur als "effektives Mittel zur Erhöhung der politischen Beteiligung von parlamentarisch wenig vertretenen Gruppen".[9]

Betrachtet man weiterhin, wann Frauen überwiegend die Aussicht auf eine erfolgreiche innerparteiliche Kandidatur eingeräumt wird, bestätigt sich folgendes Muster: Die besten Chancen bestehen grundsätzlich dann, wenn die Partei oder deren Funktionäre ausdrücklich eine Frau für eine bestimmte Position in Betracht ziehen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn einer Kandidatin bei der Bewerbung um ein Amt bessere Chancen eingeräumt werden als einem männlichen Bewerber, wenn öffentliche Erwartungen den Einsatz einer "Alibi-Frau" erfordern oder wenn kein anderer Bewerber zur Verfügung steht, weil die Kandidatur von vornherein als wenig aussichtsreich gilt.

Insgesamt zeigt sich, dass die größte Hürde für Frauen im innerparteilichen Nominierungsprozess besteht. So gibt es zahlreiche Beispiele von Politikerinnen, denen nach Bekanntgabe ihrer eigenen Kandidatur unerwartet ein männlicher Gegenbewerber präsentiert wurde, der mitunter auch die Unterstützung der Parteikollegen erhielt. Konnten Kandidatinnen sich jedoch gegen diesen erfolgreich durchsetzen, wurden sie meist mit guten Wahlergebnissen für ihre Durchsetzungskraft belohnt und mit noch besseren Wiederwahlergebnissen in ihrer Arbeit bestätigt.

Fußnoten

5.
Zu den wenigen Studien, die zwischen Männern und Frauen unterscheiden, gehört: Beate Hoecker, Frauen in der Politik. Eine soziologische Studie, Opladen 1987. Hoecker befragte 1982 in Bremen 363 männliche und 197 weibliche Parteimitglieder aus SPD, CDU und FDP. Aktuellere Untersuchungen liegen leider nicht vor.
6.
Vgl. Oskar Niedermayer, Innerparteiliche Partizipation, Opladen 1989.
7.
Ebd., S. 77f.
8.
Vgl. B. Hoecker (Anm. 5).
9.
Brigitte Geißel, Politikerinnen, Politisierung und Partizipation auf lokaler Ebene, Opladen 1999, S. 126.

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