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20.11.2009 | Von:
Renate Kreile

Verliert die Islamische Republik die Jugend?

Soziale Exklusion und enttäuschte Erwartungen

Die iranische Gesellschaft erlebte in den Jahrzehnten nach der Islamischen Revolution von 1979 rasante Transformations- und Modernisierungsprozesse.[11] Die damit verbundene Urbanisierungsdynamik und eine enorme Ausweitung der modernen städtischen Mittelschichten schufen beachtliche Individualisierungspotentiale. Nicht zuletzt die Übergänge von der Jugendphase zum Erwachsenenalter wurden dramatisch umgestaltet. Bedeutsam in diesem Zusammenhang sind insbesondere die Bereiche Bildung, Beschäftigung und Familiengründung. Innerhalb von drei Jahrzehnten Islamischer Republik wurde im Zuge einer expansiven Bildungspolitik die Zahl der Schüler in Sekundarschulen von 2,1 Millionen auf über 7,6 Millionen erhöht; selbst im ländlichen Bereich haben heute etwa 50 Prozent der Jungen und 45 Prozent der Mädchen einen Sekundarschul-Abschluss.[12] Die Zahl der Studierenden an Universitäten stieg von 154 000 auf 1,5 Millionen. Der Prozentsatz von jungen Frauen an Universitäten steigerte sich von 30 auf 62 Prozent.[13]

Im iranischen Bildungssystem spielt der Concours, die hoch kompetitive Aufnahmeprüfung für die Universitäten, eine zentrale Rolle. Von den 1,5 Millionen Jugendlichen, die jährlich an dieser Universitätseingangsprüfung teilnehmen, erreichen nur etwa 15 Prozent die erforderlichen Ergebnisse, um eine öffentliche oder private Universität zu besuchen. D.h. wenige gewinnen, die meisten verlieren. Im Rahmen eines ideologisch ausgestalteten Quotensystems werden zudem junge Leute bevorzugt, die dem Regime nahe stehen und beispielsweise "revolutionären Organisationen" angehören.[14] Da ein Universitätsabschluss ein Minimalerfordernis für eine Stelle im öffentlichen Sektor und damit für einen sicheren und lukrativen Arbeitsplatz darstellt, ist der Erfolgsdruck enorm. Wer nicht besteht, sieht sich sozial stigmatisiert und die eigenen Chancen auf dem Arbeits- und Heiratsmarkt deutlich verringert. Landesweit ist fast ein Viertel der jungen Leute zwischen 20 und 30 Jahren arbeitslos. 70 Prozent der Arbeitslosen insgesamt gehören zu dieser Altersgruppe. Damit ist auch im regionalen Vergleich die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen besonders hoch. Besonders betroffen sind junge Frauen, die doppelt so oft keine Arbeit finden wie ihre männlichen Altersgenossen.

Während in der islamischen Welt Status und Identität von Erwachsenen seit jeher mit früher und genereller Eheschließung verknüpft sind, sehen sich gegenwärtig in Iran wie im gesamten Orient zunehmend mehr junge Menschen gezwungen, die Heirat als Tor zu Unabhängigkeit und sozialem Respekt aufzuschieben. Die Hälfte von ihnen lebt bei den Eltern. Der Prozentsatz von unverheirateten jungen Männern und Frauen im Alter zwischen 25 und 29 Jahren hat sich drastisch erhöht, nämlich von acht auf über 25 Prozent bei jungen Frauen und von 20 auf fast 40 Prozent bei jungen Männern.[15] Neben kulturell und religiös legitimierten Verboten intimer Beziehungen außerhalb der Institution Ehe verstärkt die moralpolitisch verordnete Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum die Gefühle von Frustration und Exklusion. Zahllose junge Menschen sehen sich zu einem "Doppelleben" gezwungen, welches das offiziell verpönte Verhalten privat umso ostentativer zur Geltung bringt.[16]

Wo die Ambitionen auf gesellschaftlichen Aufstieg durch Bildung blockiert sind und viele der jungen gut ausgebildeten Männer und Frauen nicht heiraten können, da sie über keine feste Anstellung verfügen, sind Enttäuschung und Unzufriedenheit, die sich nicht zuletzt gegen die Regierung richten, weithin die Folge. Kritik an Korruption, Nepotismus und mangelnder Verteilungsgerechtigkeit ist weit verbreitet.[17] So meinen die meisten Iraner, dass das Regime wesentlich die Abkömmlinge der Geistlichkeit privilegiere. Ein 25-jähriger Universitätsabsolvent, der an einem Stand Obst verkauft, formuliert bitter: "Ich habe nicht 17 Jahre lang gelernt, um dies hier zu machen. Mit diesem Einkommen kann ich nicht heiraten. Die Regierung kann alle unsere Probleme lösen, wenn sie sich darum kümmert. Alles, was sie tun müssen, ist uns Anleihen zu geben für eine Heirat und um ein Haus zu kaufen."[18]

Der schwelenden sozioökonomischen Legitimationskrise sucht die Regierung durch propagandistisch augenfällige wohlfahrtspolitische Maßnahmen zu begegnen. Im Zuge seines Wahlversprechens "den Leuten die Erdöleinnahmen auf den Tisch zu bringen", ließ Präsident Mahmoud Ahmadinedschad beispielsweise gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit den "Imam Reza Wohltätigkeitsfonds" einrichten. Damit sollte jungen Leuten geholfen werden, eine Arbeit zu finden und sich eine Hochzeit und ein Haus leisten zu können. Diese populistische Allokationspolitik zeigte nur bedingt die beabsichtigte Wirkung. Zwar konnte sich Ahmadinedschad in den unterprivilegierten sozialen Schichten weithin erfolgreich als Vertreter der Armen profilieren; gleichzeitig wurde jedoch die zweistellige Inflationsrate weiter angeheizt. Auch der Unmut in den gebildeten modernen Mittelschichten über die Marginalisierung der intellektuellen Elite, die neuerliche Verschärfung sozialer Restriktionen und den reformpolitischen Rückwärtsgang ließ sich damit nicht beschwichtigen.[19]

Fußnoten

11.
Vgl. Ervand Abrahamian, Why the Islamic Republic Has Survived, in: Middle East Report, (2009) 250; Eric Hooglund, Thirty Years of Islamic Revolution in Rural Iran, in: ebd.
12.
Vgl. E. Hooglund (Anm. 11), S. 37.
13.
Vgl. E. Abrahamian (Anm. 11), S. 13.
14.
Vgl. Janet Afshar, Sexual Politics in Modern Iran, Cambridge 2009, S. 305.
15.
Vgl. D. Saleh-Isfahani/D. Egel (Anm. 3), S. 6 und S. 22.
16.
Vgl. N. Kermani (Anm. 5), S. 99.
17.
Vgl. International Crisis Group, Iran: What Does Ahmadi-Nejad's Victory Mean?, Middle East Briefing No. 18, Tehran-Brussels 2005, S. 7, Anm. 51.
18.
Vgl. D. Saleh-Isfahani/D. Egel (Anm. 3), S. 5.
19.
Vgl. Anoush Ehteshami/Mahjoob Zweiri, Iran and the Rise of Its Neoconservatives, London-New York 2007, S. 62ff.

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