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20.11.2009 | Von:
Renate Kreile

Verliert die Islamische Republik die Jugend?

Die Basidsch-Jugend

Wie andere Allokationsstaaten[30] verfügt das iranische Regime über enorme Kapazitäten, durch eine politisch motivierte, an Legitimation und Machterhalt orientierte Verteilung der Öl-Einkünfte eine soziale Basis zu schaffen oder zu erhalten. Umfangreiche wohlfahrtspolitische Maßnahmen in den Jahrzehnten nach der Revolution beseitigten die schlimmste Armut und knüpften für die städtischen und ländlichen Unterschichten ein substanzielles soziales Netz. Heute verfügen beispielsweise 80 Prozent der ländlichen Haushalte über eigene Kühlschränke, 77 Prozent über Fernsehgeräte und 76 Prozent über Gas-Öfen. Hunderttausende Familien erhielten Arbeitsplätze und Unterstützungsleistungen von Seiten der Bonyads, der ökonomisch und politisch machtvollen religiösen Stiftungen.[31] Seit Ende der 1990er Jahre kam es zu einer deutlichen Ausdifferenzierung kultureller Einstellungen, die weithin entlang sozialer Spaltungslinien verliefen. Während in den modernen städtischen Mittelschichten Wünsche nach einer freieren Gestaltung des Alltags- und Privatlebens immer lauter wurden, fühlten sich zahlreiche Familien, die zu den Klienten des Regimes zählten, wie beispielsweise Familien von Kriegsgefallenen und -veteranen, die zumeist aus einfacheren Verhältnissen stammten, verpflichtet, die moralischen Werte der Revolution wie die ihnen staatlich gewährten Privilegien zu bewahren und zu verteidigen.[32]

An vorderster Front gegen die angeblichen Bedrohungen der nationalen Sicherheit durch "Feministinnen, Derwische, Teufelsanbeter, Journalisten, Blogger, säkular orientierte Studenten und Intellektuelle und Reformisten"[33] werden heute die Basidsch-Verbände mobilisiert. Die Basidsch-Milizen sind Freiwilligenverbände von jungen Männern und Frauen, die ursprünglich zur Verteidigung der Revolution nach innen und außen gebildet worden waren. Die Mitglieder stammen zumeist aus ärmeren sozialen Schichten, mehr als ein Drittel sind Frauen, die "Basidsch-Schwestern".[34] Ein Basidsch verkörpert gleichsam das offizielle Jugendideal der Islamischen Republik: Er bzw. sie kämpft für die islamischen Werte und gegen Ungerechtigkeit, ist demütig vor Gott, rechtschaffen und rein und hält sich von moralischen Übeln fern.[35]

Während nach Schätzungen der International Crisis Group drei bis sechs Millionen Menschen auf der Lohnliste der Organisation stehen, sind mindestens 200 000 von ihnen aktive Mitglieder, und etwa eine Million könnten in einer Krisensituation mobilisiert werden. Insbesondere in Kleinstädten und in der Provinz bilden die Basidsch mehr eine soziale Gruppierung als eine Miliz. Ein 24-jähriges Mitglied erzählt: "Der einzige Grund, weshalb ich bei den Basidsch bleibe, ist das Geld (95 000 Toman im Monat, entspricht 107 US-Dollar). Viele meiner Freunde bei den Basidsch sind unglücklich mit der Regierung."[36] Seit dem Amtsantritt Ahmadinedschads 2005 wurde das Budget der Organisation, die formell den Revolutionsgarden unterstellt ist, drastisch erhöht. Basidsch erhalten zahlreiche Vergünstigungen wie bevorzugten Zugang zu Universitäten, Jobs und Wohnraum sowie Mobiltelefone und Kredite, Basidsch-Studenten oftmals staatliche Stipendien. Für zahlreiche junge Frauen und Männer bietet die Organisation somit eine verlockende Perspektive für den ersehnten sozialen Aufstieg.

Mit ihrer privilegierten Position dehnen sich die Basidsch heute in verschiedene Sphären der Zivilgesellschaft aus, um soziale Unruhen zu unterbinden. Die Aktivistinnen der Basidsch-Schwestern engagieren sich vorrangig für die Wiederherstellung der "moralischen Ordnung" im öffentlichen Raum, gegen "unzureichende Bedeckung" ("bad hedschab") und für ein traditionelles weibliches Rollenverständnis.[37] Zahlreiche Basidsch beurteilen den Lebensstil ihrer jungen Altersgenossen aus den privilegierteren sozialen Schichten gemäß der Propaganda der Hardliner: "Sie sind Opfer der kulturellen Invasion, die der Imperialismus gegen uns und andere Muslime organisiert (...) mit Satelliten-TV-Kanälen, Irangelesi Musik und sexy (pornographischen) Filmen. (...) All dies soll unsere revolutionären Werte zerstören."[38]

Viele Jugendliche aus den wohlhabenden Vierteln Nord-Teherans begegnen ihren Altersgenossen aus dem armen Süden der Hauptstadt mit Herablassung und Verachtung.[39] Umgekehrt genießen Jugendliche aus der Arbeiterschicht, die sich den Basidsch-Milizen angeschlossen haben, ihre Machtbefugnisse in den "alltäglichen Klassenkonflikten" auf der Straße: "Es hat einfach Spaß gemacht, die reichen (...) Kids aus Nord-Teheran zu ärgern. (...) Wir stellten ein Stop - Check Point Zeichen auf und ärgerten reiche Kids in ihren ausländischen Autos. Wenn einer ein schönes Mädchen in seinem Auto hatte, ärgerten wir ihn noch mehr. Manchmal, wenn wir einen nicht mochten, schnitten wir ihm die Haare, um ihn vor den Mädchen herabzusetzen."[40]

Fußnoten

30.
Vgl. Giacomo Luciani, Allocation vs. Production States. A Theoretical Framework, in: Hazem Beblawi/Giacomo Luciani (eds.), The Rentier State, London-New York-Sydney 1987, S. 63ff.
31.
Vgl. E. Abrahamian (Anm. 11), S. 13ff.; Wilfried Buchta, Who Rules Iran, Washington D.C. 2000, S. 73ff.
32.
Vgl. A. Khatam (Anm. 20), S. 46.
33.
Zit. nach Fatemeh Sadeghi, Foot Soldiers of the Islamic Republic's "Culture of Modesty", in: Middle East Report, (2009) 250, S. 51.
34.
Ebd., S.50ff.
35.
Vgl. S. Khosravi (Anm. 1), S. 29.
36.
Zit. nach International Crisis Group (Anm. 17), S. 6, Anm. 38.
37.
Vgl. F. Sadeghi (Anm. 33), S. 51ff.
38.
Zit. nach S. Khosravi (Anm. 1), S. 77f.
39.
Ebd., S. 70ff.
40.
Zit. nach ebd., S. 39.

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