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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

"Dieselbe Dummheit"

Ende des Jahres 1978 war die Begeisterung für den Revolutionsführer Ajatollah Chomeini derart groß, dass von vielen Iranern berichtet wurde, sie hätten seine Gesichtszüge im Mond erkannt. Der Schreiber "DarkNight" nennt religiöse Intellektuelle "Betrüger" und kommentiert die wachsende religiöse Leidenschaft im Netz damit, dass "30 Jahre lang Chomeini im Mond und 30 Jahre später gute Geistliche im Internet gesucht werden! Dieselbe Dummheit - andere Zeit, anderer Ort".

Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Machthaber des Mittleren Ostens mit der Jugend ihres Landes nicht übereinstimmen, der Iran bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Tahkim Vahdat (Office to Foster Unity), Irans größte Reform-Studentenvereinigung, wurde in der Anfangszeit der Revolution von Chomeini gegründet und drängte liberale und linksgerichtete Studentengruppen aus den Universitäten. Aber bald wurde die Organisation zu einer der kritischsten Stimmen gegen das Regime und führte den landesweiten Studentenprotest im Juli 1999 an. Sie wurde kurz darauf verboten. Bis heute, eine Generation nach der Revolution, hat noch keine islamische Studentengruppe der Hardliner-Fraktion einen iranischen Campus beherrschen können, wenn sie sich freien Wahlen ausgesetzt hat. In diesem Herbst nährte Ajatollah Chamenei, geistliches Oberhaupt in Iran, Befürchtungen, dass neue Säuberungsaktionen in den "unislamischen" Fakultäten stattfinden werden, indem er erklärte, dass die "Sozialwissenschaften", auf der Grundlage einer "Philosophie des Materialismus" Zweifel und Unglauben förderten. Omid Husseiny, ein unverbesserlicher Anhänger Ahmadinedschads, schreibt in seinem bekannten Blog Ahestan (ahestan.wordpress.com) mit direktem Bezug auf über hundert Oppositionelle, die Schauprozesse über sich ergehen lassen mussten, dass "man nicht gleichzeitig ein Anhänger (Karl) Poppers sein und ein Revolutionär bleiben kann".

Madreseyema.blogfa.com ist ein Gruppenblog am "Madreseh Alee Shahid Motahari", einem angesehenen Seminar mit langer Geschichte in Qom. Daneshtalab, der dort studiert, um ein schiitischer Geistlicher zu werden, schreibt in einem Post, dem er den Titel "Klagelied für ein ungeborenes Kind: die iranische Universität" gegeben hat, dass die höheren akademischen Institutionen des Landes "sich aufgebäumt und dem Iran ein widerspenstiges Kind auf den Schoß gesetzt haben". 30 Jahre nach der Revolution hat der Staat mit seinem eigenen demographischen "Erfolg" zu kämpfen und scheint keine Vorstellung zu haben, wie er mit einer der jüngsten und am besten ausgebildeten Bevölkerungen der Region umgehen soll; insbesondere mit einer durchsetzungsfähigen Generation gut ausgebildeter Frauen, die für sich eine bis dato verbotene Domänen erobert.


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Iran

Iran ist ein sehr junges Land: Drei Viertel der Menschen sind unter 40 Jahren, und sie sind unzufrieden über die wirtschaftliche Situation. Trotz staatlicher Zensur und Repressionen hat sich in Iran eine vielfältige Zivilgesellschaft entwickelt.

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