APUZ Dossier Bild

8.10.2009 | Von:
Ernst Pöppel

Was geschieht beim Lesen?

Zwei Formen des Lesens

Es haben sich im Wesentlichen zwei Formen des Lesens entwickelt: Zum einen sind es die Alphabetschriften, bei denen eine Eins-zu-eins-Zuordnung von Sprachlauten und Buchstaben versucht wird. Diese Umwandlung von Ton in Bild ist prä-semantisch, also vor aller Bedeutung des Gesagten. Und dann gibt es zum anderen die bildlichen Schriften, früher die Hieroglyphen und jetzt Piktogrammschriften, wie sie im Chinesischen oder im Kanji des Japanischen verwendet werden, oder auch die sehr konkrete Bildschrift Dongba, die im Süden Chinas an der Grenze zu Myanmar verwendet wird. Hier wird durch das Schriftzeichen Bedeutung mitgeteilt; es handelt sich um eine prinzipiell andere Abbildung von Ton, der gesprochenen Sprache, und visuellem Symbol, seiner bildlichen Darstellung. In diesem Fall trägt bereits das Schriftzeichen, anders als der Buchstabe, Bedeutung.

So nimmt es nicht wunder, dass die Hirnareale, die sich mit dem Lesen von Alphabet- und von Piktogrammschriften befassen, durchaus verschieden sind. Piktogrammschriften beanspruchen in größerem Maße Areale der rechten Gehirnhälfte, während Alphabetschriften stärker die linke Gehirnhälfte beschäftigen. Hierzu gibt es eindrucksvolle Belege aus Studien in Japan mit Patienten, die unter Störungen einer Gehirnhälfte litten. Im Japanischen gibt es neben der klassischen Schrift des Kanji noch zwei alphabetartige Schriftsysteme, das Hiragana und das Katagana. Patienten mit Funktionsstörungen der rechten Gehirnhälfte im Hinterhauptsbereich verlieren die Fähigkeit, Kanji zu lesen, wobei die Kompetenz für die alphabetartigen Anteile der Schrift erhalten bleibt, während bei Läsionen der linken Gehirnhälfte die Kompetenz für Kanji verschont bleibt. Solche Dissoziationen der beiden Gehirnhälften beim Lesen sind für Alphabetschriften nicht bekannt, bedeuten aber, dass in verschiedenen Regionen dieser Welt das Gehirn beim Lesen in sehr unterschiedlicher Weise ausgebeutet wird.

Wir sprechen heutzutage mit großer Faszination, aber auch Angst von der "digitalen Revolution". Die eigentliche Revolution hat aber mit der Erfindung der Schrift stattgefunden, und diese hatte erhebliche kulturelle Konsequenzen, über deren Ausmaße wir uns üblicherweise keine hinreichenden Vorstellungen machen. Ich vertrete die These, dass bestimmte philosophische Fragestellungen, insbesondere das Leib-Seele-Problem, mit dem man sich als Hirnforscher herumschlagen muss, Artefakte der Schriftsprache sind. Indem ich mich vom gehörten Wort löse, das die unmittelbare Kommunikation kennzeichnet, wenn ich also den Text aufschreibe, gewinnt dieser ein Eigenleben. Er wandert in ein Archiv und löst sich von der unmittelbaren Kommunikation. In solchen dokumentierten Texten, insbesondere bei den Alphabetschriften, gehen aber wesentliche Merkmale der unmittelbaren Kommunikation verloren. Insbesondere muss man hier an die Prosodie der Sprache denken, dass also Intonationsmuster Gefühle zum Ausdruck bringen, von denen im schriftlichen Text abstrahiert wird. Eine wesentliche Konsequenz der Erfindung des Lesens ist somit nach meiner Einschätzung, dass wir in unserem Kulturkreis die Vorstellung entwickelt haben, als gebe es nur das explizite Wissen, das sich in Worten festhalten lässt, das in Büchern und Enzyklopädien und jetzt auch im Internet dokumentiert ist.