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31.7.2009 | Von:
Rolf Haubl

Wahres Glück im Waren-Glück?

Wohlstand und subjektives Wohlbefinden

Viele Bürgerinnen und Bürger einer Konsumgesellschaft glauben, ihr subjektives Wohlbefinden wäre größer, wenn sie über mehr Geld und damit auch mehr Möglichkeiten verfügten, sich Konsumgüter zu kaufen. Forschungsbefunde belegen jedoch, dass dies nur mit Einschränkungen gilt.[6] Wächst in einem Land das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, dann nimmt auch das durchschnittliche subjektive Wohlbefinden zu, allerdings nicht linear. Vielmehr lässt sich ein abnehmender Grenznutzen feststellen: Je höher das Ausgangseinkommen ist, desto geringer fällt der Zuwachs an subjektivem Wohlbefinden aus. Damit gilt zwar immer noch, dass die Bürger reicher Länder ein höheres subjektives Wohlbefinden aufweisen als jene armer Länder und dass sich in jedem Land, ob arm oder reich, die Reichen subjektiv wohler befinden als die Armen; für den Glauben, subjektives Wohlbefinden sei in erster Linie ein Effekt des finanziellen und davon abhängigen materiellen Wohlstandes, fehlt es aber an Belegen. Neben dem Pro-Kopf-Einkommen ist mit anderen Faktoren zu rechnen, die das subjektive Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Zu den Faktoren, für die es empirische Bestätigungen gibt, gehören: sichere Arbeitsplätze, physische und psychische Gesundheit, Zugehörigkeit vermittelnde soziale Beziehungen, eine sinnstiftende (religiöse) Weltanschauung, eine unzerstörte Umwelt und - nicht zuletzt - eine freiheitliche gesellschaftliche Ordnung. So ist festzustellen,[7] dass die Liberalität eines Landes in den Facetten politische (Bürgerrechte, Meinungsfreiheit), ökonomische (freier Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskraft) und persönliche Freiheit (Religionsfreiheit, Reisefreiheit, freie Partnerwahl) hoch mit dem subjektiven Wohlbefinden seiner Bürgerinnen und Bürger korreliert. Während in ärmeren Ländern die ökonomische Freiheit den vergleichsweise größeren Einfluss hat, ist es in reicheren Ländern die politische Freiheit.

Je mehr solcher Faktoren in eine Analyse einbezogen werden, desto mehr relativiert sich - vor allem in reiche(ren) Ländern - der Einfluss, den der (finanzielle, materielle) Wohlstand auf das subjektive Wohlbefinden hat. Damit stellt sich dann auch die Frage, ob das Entwicklungsniveau eines Landes wirklich am besten durch sein wirtschaftliches Wachstum zu kennzeichnen ist. So wird etwa dafür plädiert, einen differenzierten "Happiness-Index" einzuführen, der das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Maßstab der politischen Gestaltung einer wohlgeordneten Gesellschaft ablösen soll.[8] Dieser Vorschlag sollte schon deshalb ernsthaft geprüft werden, weil es Hinweise darauf gibt, dass Menschen, die sich subjektiv wohl befinden, die "besseren" Bürger sind: informierter, sozial engagierter und politisch gemäßigter.[9]

Fußnoten

6.
Vgl. Luigino Bruni/Pier Luigi Porta (eds.), Handbook of the Economics of Happiness, Cheltenham 2007.
7.
Vgl. Ruut Veenhoven, Freedom and happiness: a comparative study in forty-four nations in the early 1990s, in: Ed Diener/Eunook M. Suh (eds.), Culture and Subjective Well-Being, Cambridge 2000, S. 257 - 288.
8.
Vgl. Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft, Frankfurt/M. - New York 2005.
9.
Vgl. Barbara L. Fredrickson, The broaden-and-build theory of positive emotions, in: Philosophical Transactions, Biological Sciences, 359 (2004), S. 1367 - 1377.