APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Pablo Schneider

Die Macht der Bilder - Distanzfrage

Zeitliche Vereinigung

Wie bereits hervorgehoben wurde, scheint gerade dem Photo nicht nur der unmittelbare Bezug zur Realität eingeschrieben, sondern es wird auch die Möglichkeit angeboten, eigenverantwortlich und unabhängig im Bild zu sehen. Anhand eines Beispiels aus der Tagespresse von 2007 lässt sich diese Vermutung diskutieren und genauer fassen. Die Aufnahme, die in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" publiziert wurde, zeigt eine Frau, die gerade aus einem Auto ausgestiegen ist (vgl. Bild 3 der PDF-Version).

Der Bildunterschrift zufolge handelt es sich um Kate McCann, die Mutter der in Portugal unter ungeklärten Umständen verschwundenen Madeleine. Die Hauptperson, kenntlich gemacht durch die zentrale Positionierung im Bildausschnitt, hat soeben das Fahrzeug verlassen und befindet sich vor dem Beginn eines weiteren Bewegungsabschnitts. Mehrere Linien, gebildet durch die Schultern, Oberkörper und Tür, erzeugen eine immanente Spannung, welche diesen Abschnitt aus der Gesamtsituation herausnimmt. McCanns Gesichtsausdruck - nach frühneuzeitlicher Bildtheorie die Absichten der Seele darstellend - erhöht die Intensität. Ihre Augen blicken, aber fixieren nicht. Ebenso ist der Mund leicht geöffnet, ohne zu sprechen. Eine eindrückliche Ambivalenz von Unschuld und Schönheit, gepaart mit dem Wissen um den Gewaltakt der Entführung, finden sich hier vereint. Von dieser ausgehend, wird eine zeitliche Vereinigung in das Bild integriert, die nicht nur in diesem Beispiel, sondern auch in der christlichen Märtyrerikonographie zu finden ist. Durch den in sich gekehrten Blick der Hauptperson wird die motivische Verbindung mit dem Hintergrund in eine bestimmte Ausrichtung der Deutung gelenkt. Dort ist eine Menschenmenge zu erkennen, die trotz der Fokussierung auf McCann detailliert betrachtet werden kann. Vertreten sind alle Altersgruppen, und die Mimik in den Gesichtern präsentiert Gemütszustände von Neugier, Besorgnis bis hin zu Aggressivität. Dieses Bildmuster, die Kombination von Einzelperson, Gruppe und einer bestimmten Bandbereite an Gefühlsdarstellungen, entspricht der ikonologischen Tiefe der christlichen Heilsgeschichte. Mit der Kreuztragungsikonographie hat der religiös ausgerichtete Bildfundus visuelle Argumentationsformen von besonderer Prägnanz ausgebildet (vgl. Bild 4 der PDF-Version).

Martin Schongauers Kupferstich "Kreuztragung" aus dem 15. Jahrhundert kann gerade aufgrund der historischen Distanz dem Photo hier zur Seite gestellt werden, ist er doch eines der Beispiele, welches die zeitliche Vereinigung ausgestaltet. Wie es die biblische Heilserwartung vorgibt, ist die zentrale Christusfigur leidend, aber nicht verzweifelnd vorgestellt. Der umgebende "Mob", in beiden Bildern, präsentiert dagegen die seelische Bandbreite von Verachtung bis Mitgefühl in Gestik und Gebärde. Die Kombination von leidender Hauptfigur und einer emotional negativ differenzierten Menge erzeugt eine hohe Spannung und verneint in beiden Bildern eine Form von unmittelbarem Sehen. In den Vordergrund der Wahrnehmung tritt aber gerade ein Deuten, welches durch die konstruktiven Eigenschaften eingefügt wird.

Der Unterschied in den Vermittlungsformen - Kupferstich und Photographie - erscheint in dem Beispiel von 2007 weniger tiefgreifend. Denn die Wahrnehmung wird gerade auch durch die Verbindung mit tradierten Darstellungsarten eines bestimmten inhaltlichen Spektrums, hier der christlichen Heilserwartung, gelenkt. Dass das in der "Frankfurt Allgemeinen Zeitung" gezeigte Bild zusätzlich noch dem Auswahlprozess durch Redaktion und Photograph unterlag, verschärft den Einfluss auf die das Sehen und Deuten gestaltenden Aspekte. Es bleibt aber ein wichtiger Unterschied mit der aktuellen Darstellung verbunden, der mithin die Macht des Bildes zu steigern vermag: Die Geschichte wird nicht aufgelöst.

Zunächst könnte die Darstellung von 2007 als eine Orientierung oder Wiederholung der historischen Vorform gedeutet werden. Dieser Zugang beinhaltet aber auch die Entscheidung, dem Bild eine der Sprache und dem Text - Zeitungsartikel oder Bibel - dienende Aufgabe zuzusprechen. Genau dieser Weg scheint beschritten, wenn etwa eine Begleitung und auch inhaltliche Anleitung durch den Untertitel "Von der Zeugin zur Verdächtigen" stattfindet. Das Photo wirkt wie eine visuelle Bestätigung, die in diesem Versuch, die Macht der Bilder zu bändigen, bestätigt und vermeintlich nicht agiert. Doch die historische Grundierung mündet in eine zeitliche Vereinigung, die gerade nicht, im Sinne der Heilsgeschichte, aufgelöst wird. Hier etabliert sich das Bild als ein aktiv handelndes Objekt, indem es Realität schafft und diese bewertet.[6]

So wird scheinbar die Möglichkeit zur eigenständigen und unverstellten Betrachtung gegeben und als aufklärerischer Impuls dem Photo zugesprochen. Doch verkennt diese Sicht der Dinge das, was einem Bild möglich ist. Denn die zeitliche und motivische Verknüpfung richtet das Sehen aus und leitet ein Deuten an. Die Illusion der Wirklichkeit kann aber durch die Photographie nicht aufgelöst werden. Was bleibt, sind die graduellen Unterschiede der konstruktiven Aspekte, die allerdings das Bildverständnis nicht aufklärerisch begleiten. Denn es lässt sich auch in längst betrachteten Photos noch Ungesehenes entdecken - so am Beispiel des Hamburger Werftarbeiters 1936, der in der Masse als einziger nicht den Arm zum sogenannten "Hitlergruß" hebt.[7] Die Suche nach der Wahrheit bleibt dementsprechend auch in Bildern erhalten, die einem offensichtlich gesteuerten Herstellungsprozess entstammen. Nur greift auch an diesem Punkt die deutende Sehnsucht, in einem Moment die Repräsentation einer Geisteshaltung, den Akt des Widerstands, zu erkennen und zu überliefern.

Fußnoten

6.
Vgl. Horst Bredekamp, Bildakte als Zeugnis und Urteil, in: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen, Bd. 1, Berlin 2004, S. 29 - 66.
7.
Siehe Simone Erpel, Zivilcourage. Schlüsselbild einer unvollendeten "Volksgemeinschaft", in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. 1900 bis 1949, Göttingen 2009, S. 490 - 497.