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6.7.2009 | Von:
Krisztián Ungváry

Belastete Orte der Erinnerung

Der Zentralfriedhof

Die Opfer aller wichtigen politischen Prozesse zwischen 1945 und 1962 sind auf dem Zentralfriedhof von Budapest in zwei verschiedenen Parzellen bestattet worden. In Parzelle 298 kamen diejenigen, die bis 1956 von den so genannten Volksgerichten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hingerichtet worden sind, aber auch solche, die Opfer von Schauprozessen wurden. Die Urteile der Volksgerichte und die Prozessführung waren von Anfang an umstritten: Da die politische Polizei oft Foltermethoden einsetzte und die Rechtsprechung politischen Erwartungen folgte, sind selbst die Urteile gegen tatsächliche Verbrecher problematisch. Pfeilkreuzler, Kriegsverbrecher, Demokraten, Sozialisten ruhen hier gemeinsam. In der benachbarten Parzelle 301 sind sowohl Opfer von Schauprozessen vor 1956 als auch nach 1956 hingerichtete Revolutionäre bestattet worden. Auch einige Kriminelle fanden hier Platz.

Bis 1989 waren beide Parzellen verwahrlost, die Identifizierung der Bestatteten war unmöglich. Diejenigen, die hier trauern wollten, wurden umgehend von der Geheimpolizei von dem Gelände entfernt. Die erste größere Demonstration für die Rehabilitierung von Imre Nagy und seinen Kameraden fand am 30. Jahrestag ihrer Hinrichtung, am 16. Juni 1988, statt. Die Aktion war das erste sichtbare Zeichen für die Stärke der Opposition, es wurden sowohl im Stadtzentrum als auch auf dem Zentralfriedhof Versammlungen abgehalten. Die Demonstrationen wurden von der Polizei zerschlagen, auf dem Zentralfriedhof jedoch nicht mehr gestört.

Die Frage nach der Rehabilitierung von Nagy und seinen Gefährten bekam während der Jahre 1988/89 eine Schlüsselfunktion. Die Person von Nagy wurde zum Kristallisationspunkt der kollektiven Erinnerung und Identität. Obwohl der Kommunist Nagy die Revolution zunächst nur zögerlich begleitet hatte und erst am 4. November 1956, also am letzten Tag, die totale Konfrontation mit der Sowjetunion auf sich nahm, wurde er durch den Schauprozess zur Symbolfigur für die Idee der Revolution sowie für Freiheit und Unabhängigkeit. Seine Person stand auch für die Negation des Kádár-Systems.

Anlässlich der Wiederbestattungsfeierlichkeiten am 16. Juni 1989 zogen Hunderttausende in die Stadt auf den Heldenplatz, wo die Särge der Hingerichteten zur öffentlichen Ehrung aufgereiht standen; weitere Hunderttausende gingen am Nachmittag zur Wiederbestattung auf den Zentralfriedhof. Das sozialistische System erlebte mit diesem feierlichen Akt seine eigene, symbolische Bestattung. János Kádár, der Verantwortliche für die Hinrichtung Nagys, starb am 6. Juli 1989 in geistiger Umnachtung, während das Oberste Gericht die vollständige Rehabilitierung der Nagy-Regierung verkündete. In wenigen Wochen verlor die kommunistische Partei Ungarns (USAP) mehrere hunderttausend Mitglieder. Die Lenkung der politischen Transformation entglitt der Staatspartei. Nach der politischen Wende wurde dieser Teil des Zentralfriedhofs zur Gedenkstätte erklärt. 1992 ist in der benachbarten Parzelle 300 die von György Jovánovics entworfene, zentrale Gedenkstätte für die Opfer von 1956 eingeweiht worden.

Das Gelände erwies sich bald als geeignetes Schlachtfeld der geschichtspolitischen Interpretationen. Die alternative Gruppe "Inconnu" setzte noch 1989 in der Parzelle 298 etliche kopjafa (Holzbalken im Stil des vorchristlichen Bestattungsbrauchs der Magyaren) als Stilmittel des Gedenkens und der Betonung der Nationalität ein. Als Reaktion auf die Modernität der drei Jahre später eingeweihten Gedenkstätte entstand anschließend ein stilisierter Eingang eines magyarischen Bauerngehöfts mit der Inschrift: "Wanderer, der Du hier ankommst, kannst über dieses Tor nur mit ungarischer Seele eintreten." Dahinter stehen drei Marmortafeln mit den Namen der hier Bestatteten: "Sie fanden den Märtyrertod für das Vaterland."

Bei diesen Sätzen lohnt es sich, die dahinter stehende geschichtspolitische Absicht zu entschlüsseln. Die Bestatteten werden als Opfer einer speziellen, gegen Magyaren gerichteten Verfolgung definiert. Nach dieser Auffassung ist "das Gute" identisch mit "magyarisch", die Täter dagegen waren in dieser Logik zwangsläufig keine Magyaren. Dass auch die Täter (Richter, Polizisten, Offiziere, Politiker) sich als Magyaren definierten, störte das Konzept nicht, denn offensichtlich nutzten sie ein anderes Kriterium als das eigene Bekenntnis zur Nation.

Dieser Gedankengang ist in der ungarischen Politik nicht ohne Tradition. Die ungenügende Assimilation bzw. "nichtmagyarische" Abstammung wurde spätestens seit der Räterepublik 1919 zu einem der meistverwendeten politischen Vorwürfe. Die ethnizistische Logik der Zeit war so stark, dass sogar Antifaschisten betroffen waren: Sie verwendeten dieselben Vorwürfe[8] gegenüber der ungarndeutschen Bevölkerung wie die Antisemiten gegen die Juden und argumentierten, man müsse in den Deutschen die größere ethnische Gefahr sehen. In Weiterführung dieser Linie wurden nach 1945 Stimmen laut, die für die Unschuld des Magyarentums eintraten und alle Schuldvorwürfe gegen Ungarn wegen seiner Rolle im Krieg in die Schuhe der als "fünfte Kolonne Hitlers" apostrophierten ungarndeutschen Bevölkerung schoben. Viele Menschen wurden vor Gericht gestellt, 189 Todesurteile vollstreckt. Die letzten Kriegsverbrecherprozesse der Kádár-Zeit sind Mitte der 1970er Jahre geführt worden. Die Strafe traf nicht nur die Täter, sondern auch ihre Familien und besonders die Kinder, die auch noch in den 1970er Jahren nicht studieren durften. Insgesamt sind wegen angeblicher oder tatsächlicher NS- oder Kriegsverbrechen und wegen anderer politischer Delikte über 600 000 Personen bestraft worden, ca. sechs Prozent der Gesamtbevölkerung.

Stellvertretend für alle diese Opfer steht der Zentralfriedhof, denn bis 2006 existierte in der Hauptstadt keine zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und auch keine Gedenkstätte für den Aufstand von 1956.[9] Das "Terrorhaus" schließt diese Lücke nicht, denn es steht nach eigener Definition als Mahnung für beide Diktaturen. Durch die sehr dichte Symbolik des Zentralfriedhofs, die Vorgeschichte und die kollektive Erinnerung des Jahres 1989, als Hunderttausende das Gelände aufsuchten, verfügen die Parzellen im Zentralfriedhof über die Ausstrahlungs- und Kristallisationswirkung eines echten "Erinnerungsortes", die keine andere Gedenkstätte in Ungarn erreichen kann. Daraus ergibt sich, dass die Parzellen auch dann zu einem Ort der kollektiven Erinnerung geworden wären, wenn hier keine nationale Gedenkstätte errichtet worden wäre.

Im Jahre 1994 legte der sozialistische Ministerpräsident Gyula Horn gemeinsam mit der Tochter von Imre Nagy einen Kranz in der Gedenkstätte nieder. Er und andere sozialistische Politiker versuchten, die Ereignisse als "tragischen Bürgerkrieg" umzudeuten - diese Version war zwar neu, wissenschaftlich jedoch völlig aus der Luft gegriffen, denn außer einigen Tausend Stasi- und Parteikadern stand während der Revolution niemand auf der Seite der Stalinisten. Darauf antwortete die Opposition, dass sie nicht bereit sei, sich "historische Lügen" zu identitätsstiftenden Feierlichkeiten anzuhören. Seitdem gedenken Opposition und Regierung getrennt der Revolution von 1956. Die nationale Gedenkstätte Zentralfriedhof war seit 2002 schon häufig Schauplatz politischer Protestaktionen. Opferverbände, Rechtsradikale und Antikommunisten demonstrierten gemeinsam wiederholt gegen die Regierung, während die sozialistischen Regierungsmitglieder (und ihre Koalitionspartner) die Opfer von 1956 ehren wollten.

Die Tatsache, dass in Parzelle 298 sowohl unschuldige Opfer als auch Schwerverbrecher ruhen und dass selbst Massenmörder nicht für ihre Taten, sondern für erfundene Delikte hingerichtet worden sind, wurde mehr als 15 Jahre lang nicht thematisiert. Bis heute werden alle Staatsgäste am 23. Oktober zu Parzelle 301 geführt, und nichtsahnend legen sie auch an Parzelle 298 einen Kranz nieder. Erst 2006 wurden Stimmen laut, dass die unterschiedslose Ehrung an der Gedenkstätte nicht korrekt sei, was jedoch keine weiteren Folgen hatte.

Im Jahre 2007 wurde in der Presse darauf aufmerksam gemacht, dass eine kleine Gruppe von Rechtsextremisten am Hinrichtungstag des "Nationsführers" am Grabstein, unter dem sie Ferenc Szálasi vermuten, in Parzelle 298 eine Gedenkfeier plane. Obwohl es nicht nachgewiesen werden konnte, dass Szálasi überhaupt an dieser Stelle, etwa unter Pseudonym, bestattet wurde, kam es zum Skandal. Die 1999 eingerichtete Regierungskommission "für nationale Gedenkstätten und Pietätsangelegenheiten" ließ die Inschriften beider Parzellen untersuchen und gab Empfehlungen zur Neugestaltung. Nach der Untersuchung waren 30 bis 40 Prozent der in den Parzellen bestatteten Opfer tatsächlich Kriegsverbrecher oder sonstige Kriminelle. Die Kommission ließ im Mai 2007 die drei Marmortafeln entfernen und empfahl, dass die zukünftige zentrale Betafelung keine Namen von Opfern mehr enthalten solle (diese sind auf den Grabstätten vermerkt).

Die Situation auf dem Zentralfriedhof wird dadurch erschwert, dass eine Opfergruppe fehlt: Kommunisten, die von ihren Genossen ermordet worden sind. Sie wurden noch 1956 exhumiert und knapp drei Wochen vor der Revolution 1989 feierlich in der Parzelle für die Märtyrer der Arbeiterbewegung wieder bestattet.[10] So hält sich besonders die rechtsnationale Seite auffällig zurück, Kritik an den Parzellen 298 und 301 zu üben. Die Möglichkeit, die Komplexität der Geschehnisse mit neuen Texten darzustellen, ist offensichtlich für die politischen Entscheidungsträger bis heute eine Herausforderung.

Fußnoten

8.
Z.B.: "ungenügend verwurzelt"; "nach Alleinherrschaft strebend"; "im Dienste fremder Interessen stehend"; "geschäftsgierig"; "fremd"; "antimagyarisch".
9.
Seit 2006 gibt es zwei Gedenkstätten für die ungarische Revolution von 1956, die moderne Version der sozialistischen Regierung in Pest auf dem Heldenplatz und eine, mit Regierungsgeldern erbaut, jedoch die Wünsche der Opferverbände weitgehend berücksichtigende, sehr traditionell erarbeitete in Buda. Keine der beiden hat eine ähnliche Funktion erlangen können wie der Zentralfriedhof.
10.
Die Trauerzeremonie für den 1949 erhängten László Rajk und seine Mitangeklagten fand am 6. Oktober 1989 statt. Sie wurde zur Massendemonstration und zum Vorläufer der Revolution. Andere kommunistische Opfer aus Schauprozessen sind auch in den folgenden Jahren noch stillschweigend exhumiert und in neuen Parzellen bestattet worden.