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6.7.2009 | Von:
Melani Barlai
Florian Hartleb

Die Roma in Ungarn

Stereotype

Ein verbreitetes Vorurteil auch in Westeuropa ist die Behauptung, Roma seien heimatlose Nomaden. Ihre Herkunftsregion Nordindien verließen sie im Zuge von Krieg und Verfolgung, unter anderem wegen muslimischer Angriffe, zwischen dem 4. und dem 14. Jahrhundert. Danach wurden sie auf dem europäischen Kontinent sesshaft, doch sie waren Spätankömmlinge: Die Grundstrukturen der späteren Territorialstaaten hatten sich bereits herausgebildet. Die ethnische Gruppe der Roma verfügte über kein historisches Territorium und über kein Mutterland. Damit gehören sie bis heute zu den Streu- oder Diaspora-Ethnien, die zwar starkes ethnisches Bewusstsein, aber kein Nationalbewusstsein entfalten.[7]

Spätestens ab dem 16. Jahrhundert sahen "Zigeuner" Ungarn als ihre Heimat an, und ihre Einwanderung wurde mit Schutzbriefen der Fürsten akzeptiert. Zu jener Zeit geriet ihre Lebensweise, die in manchen Einstellungen und auch in kultureller Hinsicht auf den Hinduismus verweist, mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen noch nicht in Konflikt. Das verdeutlicht einer der ältesten Schutzbriefe von König Sigismund: "(Und) wir verordnen, dass ihr László Vajda und seine Roma Untertanen in jeder Weise beschützt, sie nicht behindert, ihr Leben nicht erschwert, sondern ganz im Gegenteil, ihr sollt sie vor jeder Unannehmlichkeit und jedem Ärger beschützen."[8] Während der Kriege gegen den türkischen Eroberer deckten die Roma den Bedarf an Handwerkern: Sie besaßen in der Metallproduktion und -verarbeitung, in der Reparatur von Waffen sowie im Holzschnitzen eine für die Mehrheitsgesellschaft unerlässliche Funktion. Franz Liszt lobte die "freigebige Gastfreundschaft der Ungarn gegen die Zigeuner", die beispiellos gewesen sei. Die von ihm bewunderte Musikfertigkeit deutet er als Folge des integrativen Gnadenakts durch das ungarische Volk.[9] "Zigeunerkapellen" aus Ungarn bereisten zu jener Zeit auf Konzerttouren ganz Europa.

Ein weiteres Klischee spricht von einer homogenen Bevölkerungsgruppe. Doch in Wirklichkeit unterscheiden sich ihre Mitglieder hinsichtlich der Sprache, der Traditionen sowie der Lebensweise beträchtlich voneinander. Allein in Ungarn können vier größere Gruppen unterschieden werden. Die alteingesessenen Roma (Romungrók) stellen rund 70 Prozent. Sie kamen im 15./16. Jahrhundert nach Ungarn und haben eine eigene Kultur des Musizierens entwickelt. Sie wandelten ihre Muttersprache, das Romanes, in eine europäische Sprache um, die viele ungarische Elemente in sich trägt und mit zwei Dialekten die am häufigsten gesprochene Roma-Sprache ist. Der Gebrauch der Muttersprache geht allerdings immer mehr zurück: 1893 gaben noch 30 Prozent der alteingesessenen Roma Romanes als ihre Muttersprache an, 1983 nur noch zehn Prozent.[10] Heute dürfte die Zahl noch weit niedriger sein.[11]

Die Oláhzigeuner kamen in der zweiten Hälfte des 19. und in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus dem Gebiet der Moldau nach Ungarn und bilden heute etwa 21 Prozent der Minderheit. Sie sprechen Romanes und den "Oláhdialekt".[12] Die rumänisch sprechenden Roma, die sich Béas (Bergarbeiter) nennen, kamen Ende des 19. Jahrhundert aus Rumänien, um im Bergbau Beschäftigung zu finden. Ihre ursprüngliche Sprache haben sie fast verloren. Sie sprechen heute einen archaischen Dialekt des Rumänischen. Nur einen kleinen Teil macht die ethnische Untergruppe der Sinti[13] aus, deren Vorfahren vermutlich vor sechshundert Jahren in deutschsprachiges Gebiet einwanderten. In Ungarn leben kaum Sinti, obwohl aus westeuropäischer Perspektive immer wieder von "Sinti und Roma" die Rede ist. Die meisten Roma sehen inzwischen Ungarisch als ihre Muttersprache an. So greift eine lediglich auf ihre Sprache(n) bezogene Integrationsdebatte um die Roma zu kurz.

Fußnoten

7.
Vgl. Egbert Jahn, Ethnische, religiöse und nationale Minderheiten. Begriffe und Statusoptionen, in: Osteuropa, 57 (2007) 11, S. 7 - 25, hier S. 17.
8.
Elemér Várnagy (Hrsg.), Grundkenntnisse der Romologie. Bibliothek der 7 freien Künste, Budapest 1999, S. 120.
9.
Franz Liszt, Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn. Dt. von Peter Cornelius, Pest 1861, S. 258f.
10.
Vgl. István Kemény, Linguistic Groups and Usage Among the Hungarian Gypsies/Roma, in: Ernö Kállai (Hrsg.), The Gypsies/The Roma in Hungarian Society, Budapest 2002, S. 28 - 34.
11.
Vgl. István Kemény/Béla Janky, A cigány nemzetiségi adatokról [Über die Daten der Zigeuner], in: Kisebbségkutatás [Minderheitenforschung], (2003) 2, o.S.
12.
Vgl. ebd.
13.
Die Bezeichnung stammt aus der nordwestindischen Region Sindh, die Heimat der Vorfahren.