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1.4.2009 | Von:
Doris Bühler-Niederberger

Ungleiche Kindheiten - alte und neue Disparitäten

Gute Kindheiten - schlechte Kindheiten

Ganz ohne Zweifel bietet das Aufwachsen in einfacheren sozialen Verhältnissen weniger Chancen für die spätere Teilhabe an der Gesellschaft. Durch die Zunahme der Kinderarmut gewinnt das Problem an Brisanz. Seit 2000 steigen die Armutszahlen deutlich an. Armut betrifft vermehrt Kinder von Einwanderern mit erst kurzer Aufenthaltsdauer; doch hält die Armutssituation in dieser Gruppe in der Regel nicht lange an. Vor allem aber betrifft sie Kinder von Alleinerziehenden: Während vier von zehn Kindern dieser Gruppe in Armut leben, sind es bei Kindern in Haushalten mit beiden Elternteilen nur vier von einhundert; Kinder von Alleinerziehenden verweilen auch häufig längerfristig in Armut.[19]

Aber sind Kindheiten in mittleren und höheren sozialen Schichten - abgesehen von den besseren Zukunftschancen, die sich hier bieten - auch "bessere", also glücklichere Kindheiten? Wir können es als gut gesichertes Ergebnis betrachten, dass Eltern-Kind-Interaktionen je nach sozialer Schicht anders verlaufen. Betty Hart und Todd R. Risley haben in einer aufwändigen Studie Gespräche von Eltern mit ihren Kinder aufgezeichnet und ausgewertet. Von der Geburt an, bis die Kinder zweieinhalb Jahre alt waren, zeichneten sie jeden Monat eine Stunde Gespräch auf. Die 42 untersuchten Familien teilten sie in drei Kategorien: (a) Familien, in denen beide Elternteile qualifizierten Berufen nachgingen, (b) Arbeiterhaushalte und (c) Familien, die von der Wohlfahrt lebten. Die Eltern in der gehobenen Schicht sprachen fast viermal mehr zu bzw. mit ihren Kindern als die Eltern in den Familien, die von der Wohlfahrt lebten. Anders als bei den Eltern in prekären Verhältnissen erschöpften sich ihre Botschaften auch nicht in Anweisung und Tadel, sondern beinhalteten auch Lob und forderten die Kinder zur Äußerung ihrer Meinungen auf.[20] Die Kompetenzunterschiede im verbalen Verhalten, die bei den Kindern in der Folge festgestellt werden konnten, waren enorm. Vergleichbar zeigt eine Untersuchung von Anette Lareau, wie Mütter etwas älterer Kinder je nach sozialer Herkunft in unterschiedlichem Maße das persönliche Ausdrucksvermögen und selbstbewusste Auftreten ihrer Kinder unterstützen.[21] Es handelt sich hier zwar um die Ergebnisse amerikanischer Untersuchungen. Für Deutschland verfügen wir aber über Datenquellen, welche die Situation aus Kindersicht erhellen: In der World Vision-Studie, einer repräsentativen Studie an 8- bis 11-Jährigen, urteilen Kinder aus höheren sozialen Schichten günstiger als die Kinder aus tieferen Schichten über die ihnen von den Eltern zugestandenen Freiheiten, über die Berücksichtigung ihrer Meinung durch die Eltern, und sie geben seltener an, geohrfeigt oder geprügelt zu werden.[22] Ebenfalls aus Kindersicht erfassten Jürgen Zinnecker, Werner Georg und Christine Strozda die Beziehungsqualitäten zwischen Kindern und ihren Eltern. Unter den vier Mustern von Beziehungsqualitäten, die sie unterscheiden können, stechen zwei als konträr hervor, ein aus Kindersicht anerkennendes, unterstützendes Verhalten der Eltern, zu dem auch viele gemeinsame kulturelle Aktivitäten gehören, und ein konfliktgeladenes, wenig einfühlsames und interessiertes Verhalten der Eltern.[23] Die Muster sind schichtabhängig, in der erwarteten Art. In die gleiche Richtung weist eine Untersuchung von Peter Büchner und Burkhard Fuhs.[24]

Diese schichtspezifischen Unterschiede in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern können als plausible Erklärungen für unterschiedliche Kompetenzen, welche die Kinder erwerben, angeführt werden. Die so gemessenen Eigenarten der Eltern-Kind-Beziehung erfassen aber mehr und vielleicht Wichtigeres als eine unterschiedliche Ausstattung für den zukünftigen Erfolg: den Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes und das elterliche Interesse daran und damit sicher eine zentrale Dimension der Qualität von Kindheit. Es ist jedoch davor zu warnen, Kindheiten unterer Schichten generell zu stigmatisieren. So sind die beschriebenen Unterschiede solche in der Häufigkeit oder Stärke eines Verhaltens, nicht solche seines prinzipiellen Vorhandenseins oder seiner Absenz. Dies lässt sich an zwei Variablen verdeutlichen, die die Schichten besonders klar unterscheiden: Auch in der untersten Schicht beziehen über 60 Prozent der Kinder keine Ohrfeigen oder gar Prügel, während immerhin zehn Prozent der Kinder aus der höchsten Schicht solche beziehen, und auch in der untersten Schicht ist mehr als ein Drittel der Kinder der Ansicht, dass ihre Mütter eher viel Wert auf ihr Meinung legen würden, während auch in der obersten Schicht ein Drittel der Kinder nicht dieser Meinung ist.[25] Eine Studie von Ariadne Sondermann, die arbeitslose Eltern befragt, zeigt, dass der Wunsch der Eltern, die intergenerationale Weitergabe des eigenen Schicksals zu verhindern, diese zu einem hohen Einsatz für ihre Kinder bewegt, der aber mit der eigenen Arbeitssituation eher kollidiert.[26]

Ergebnisse zu schichtspezifischen Eltern-Kind-Interaktionen müssen differenziert und sorgfältig dargestellt und rezipiert werden, da die ungleichen Bildungschancen - wie bereits gezeigt - zu einem erheblichen Teil auf stereotypen und in ihrer Verallgemeinerung falschen Annahmen von Lehrkräften hinsichtlich unterschiedlicher Erziehungsqualität und deren Folgen beruhen, die auf keinen Fall bestärkt werden dürfen.

Wichtig ist es auch, auf die Kehrseiten der verschiedenen Eltern-Kind-Verhältnisse aufmerksam zu machen. Lareau bezeichnet den von ihr in der oberen Mittelschicht gefundenen Umgang von Eltern und Kindern als " concerted cultivation": als gezielte Bearbeitung der Kinder.[27] Diese erfordert nicht nur einen Einsatz, für den nur ein kleinerer Teil von Eltern die Voraussetzungen besitzt, sie besetzt auch das Kind umfassend, seine Zeit, seine Handlungen, seine Psyche. Wie weit dies gehen kann, zeigen Untersuchungen von Carol Vincent und Stephen J. Ball sowie von Victoria Caputo, die auf die zusätzlichen Bildungsanstrengungen aufmerksam machen, die Mittelschichteltern für ihre Kinder unternehmen, womit sie diesen aber auch viel abverlangen.[28] Klar erkennbar wurden in den Begründungen der Eltern das Kalkül, bessere Startbedingungen für die spätere Bewährung im Konkurrenzkampf schaffen zu wollen. Die Studie "Eltern unter Druck" weist auf vergleichbare Erscheinungen in Deutschland: Bildungsanstrengungen und Betreuungsinvestitionen werden so hoch wie möglich getrieben.[29] In den vordergründig optimal vorbereitenden Kindheiten findet allerdings manches wenig Raum, was für die (gemessen am Erwerb von akzeptiertem Bildungskapital unterprivilegierten) Kindheiten eines "natural growth"-Modells noch gilt.[30] In dieser unterschichttypischen Erziehungsvorstellung, die besagt, dass Kinder so oder so groß werden, wenn sie nur versorgt und einigermaßen diszipliniert werden, ist zum Beispiel die Hilfe der Kinder im Haushalt oder bei der Geschwisterbetreuung wichtiger.[31] Demgegenüber werden die intensiv geförderten Kinder sehr einseitig zu Empfängern von Leistungen innerhalb der Familie, vor allem von Seiten ihrer Mütter - Sharon Hays prägte für diese Mutterschaft, die vor allem von besser gebildeten Frauen als Norm akzeptiert wird, den Begriff "intensive mothering".[32] Für die intensiv geförderten Kinder wird zudem der autonome Raum kleiner: das unkontrollierte Leben und Lernen jenseits elterlichen Einflusses. So geben etwa in einer Untersuchung in NRW nur 20 Prozent der Kinder aus mittleren Schichten an, dass sie häufig auf dem Spielplatz spielen, in den unteren Schichten sind es noch 50 Prozent.[33]

Fußnoten

19.
Vgl. Miles Corak/Michael Fertig/Marcus Tamm, A Portrait of Child Poverty in Germany. Innocenti Working Paper 2005 - 03, Florenz 2005; Michael Fertig/Marcus Tamm, Die Verweildauer von Kindern in prekären Lebenslagen, in: Hans Bertram (Hrsg.), Mittelmaß für Kinder, München 2008, S. 152 - 166.
20.
Vgl. Betty Hart/Todd R. Risley, Meaningful Differences in the Everyday Experience of Young American Children, Baltimore 1995.
21.
Vgl. Anette Lareau, Unequal childhoods. Class, Race, and Family Life, Berkeley-Los Angeles 2003. Eine ähnliche Erforschung unterschiedlichen Elternverhaltens war bereits in den 1970er und 1980er Jahren als "sozialstrukturelle Sozialisationsforschung" verbreitet, die aktuelle Forschung zum Thema hat allerdings den Vorzug, dass sie sich stärker den unmittelbaren Eltern-Kind-Interaktionen zuwendet und dass sie neu auch die Kindersicht berücksichtigt.
22.
Vgl. Klaus Hurrelmann/Sabine Andresen, Kinder in Deutschland. 1. World Vision Studie, Berlin 2007.
23.
Vgl. Jürgen Zinnecker/Werner Georg/Christine Strozda, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern aus Kindersicht, in: Jürgen Zinnecker/Rainer K. Silbereisen (Hrsg.), Kindheit in Deutschland, Weinheim-München 1996, S. 213 - 228.
24.
Vgl. Peter Büchner/Burkhard Fuhs, Der Lebensort Familie. Alltagsprobleme und Beziehungsmuster, in: Peter Büchner/Burkhard Fuhs/Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.), Vom Teddybär zum ersten Kuss. Wege aus der Kindheit in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1996, S. 201 - 224.
25.
Vgl. K. Hurrelmann/S. Andresen (Anm. 22).
26.
Vgl. Ariadne Sondermann, Familie als Ort der Vernachlässigung elterlicher Pflichten? Arbeitslose und die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder, in: Doris Bühler-Niederberger/Andreas Lange/Johanna Mierendorff (Hrsg.), Kindheit zwischen fürsorglichem Zugriff und gesellschaftlicher Teilhabe, Wiesbaden (i.E.).
27.
Vgl. A. Lareau (Anm. 21).
28.
Vgl. Carol Vincent/Stephen J. Ball, Making Up' the Middle Class Child: Families, Activities and Class Dispositions, in: Sociology, 41 (2007) 4, S. 1061 - 1077; Victoria Caputo, She's From a Good Family': Performing Childhood and Motherhood in a Canadian Private School Setting, in: Childhood, 14 (2007) 2, S. 173 - 192.
29.
Vgl. Tanja Merkle/Carsten Wippermann/Christine Henry-Huthmacher/Michael Borchard, Eltern unter Druck: Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten, Stuttgart 2008.
30.
Vgl. A. Lareau (Anm. 21).
31.
Vgl. Helga Zeiher, Hausarbeit: Zur Integration der Kinder in die häusliche Arbeitsteilung, in: Heinz Hengst/Helga Zeiher (Hrsg.), Die Arbeit der Kinder, München 2005, S. 45 - 70.
32.
Vgl. Sharon Hays, The Cultural Contradictions of Motherhood, New Haven 1996.
33.
Vgl. Jürgen Zinnecker/Imbke Behnken/Sabine Maschke/Ludwig Stecher, Null Zoff & Voll Busy, Opladen 2002.