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1.4.2009 | Von:
Klaus Peter Strohmeier
Holger Wunderlich
Philipp Lersch

Kindheiten in Stadt(teil) und Familie

Eine Stadt: Verschiedene Kindheiten?

Bisher haben wir Unterschiede zwischen Kommunen beschrieben. Aber auch innerhalb der Kommunen gibt es eine entsprechende Differenzierung von Lebenslagen der Familien und damit verbunden von unterschiedlichen Lebenschancen der Kinder.

Um solche Unterschiede aufzudecken, verwenden wir in diesem Abschnitt die bereits oben eingeführten Indikatoren. Um darüber hinaus deutlich zu machen, dass das Ausmaß der innerstädtischen Unterschiede im Vergleich von Kommunen unterschiedlich groß sein kann, verwenden wir die Methode der Standardisierung. Dieses Verfahren ermöglicht den direkten Vergleich von verschieden dimensionierten Daten und macht Abweichungen vom Durchschnitt direkt sichtbar.[7] Dieses Verfahren wurde getrennt für Mülheim an der Ruhr und Gladbeck durchgeführt.

Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) zeigt das Ergebnis der Standardisierung. Die Unterschiede sind für die Anteile der Alleinerziehenden und der Kinderreichen sowie für die durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs in Gladbeck größer als in Mülheim an der Ruhr. In Mülheim an der Ruhr gibt es dagegen im Stadteilvergleich größere Disparitäten beim durchschnittlichen Äquivalenzeinkommen und dem Anteil der Familien mit Migrationshintergrund. Das heißt, in dieser Stadt finden wir ein besonders hohes Maß an Einkommenssegregation (Arm und Reich leben jeweils unter sich) sowie an ethnischer Segregation (Zugewanderte und Einheimische leben jeweils in getrennten Nachbarschaften).

Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) verdeutlicht, dass die Betrachtung von Ergebnissen für die Gesamtstadt den Blick auf intrakommunale Disparitäten verstellt. Am Beispiel Mülheim an der Ruhr beschreiben wir im Folgenden exemplarisch, dass die Differenzierung von Familien- und Kinderwelten innerhalb ein und derselben Kommune sehr wichtig ist. Wir unterscheiden dafür die Mülheimer Stadtteile Altstadt I, Altstadt II und Styrum von den restlichen sechs Mülheimer Stadtteilen. Bei den drei genannten Stadtteilen handelt es sich um die Stadtteile, die durch eine deutliche ethnische Segregation der Bevölkerung und eine Konzentration sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen geprägt sind. Hier leben zusammen mehr als die Hälfte (56 Prozent) aller in Mülheim an der Ruhr gemeldeten Nichtdeutschen. Von allen Deutschen in der Stadt wohnt hier nur ein knappes Drittel.

In Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) haben wir mit dem gleichen Verfahren wie in Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) die Lebenslagen für die Familien in den segregierten Stadtteilen Altstadt I, Altstadt II und Styrum im Vergleich zu den restlichen Stadtteilen anhand von ausgewählten Indikatoren dargestellt. Man erkennt, dass sich die Familien in den beiden Gebietstypen deutlich voneinander unterscheiden.

Betrachten wir zuerst wieder die Bildungs- und Einkommenssituation der Familien: In den armutssegregierten Stadtteilen Altstadt I, Altstadt II und Styrum wachsen mehr Kinder in Familien auf, deren Eltern ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau (Säule ganz links) und - damit zusammenhängend - ein niedrigeres Äquivalenzeinkommen (zweite Säule von rechts) aufweisen. Schauen wir uns die oben beschriebene Gruppe der "Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf" an, so finden wir relativ betrachtet in den armutssegregierten Stadtteilen nicht mehr oder weniger Alleinerziehende als in den restlichen Stadtteilen. Unterschiedliche Anteile finden wir allerdings bei den kinderreichen Familien und noch sehr viel deutlicher bei den Familien mit Migrationshintergrund. Letztere konzentrieren sich in den drei armutssegregierten Gebieten. Die Profile der beiden Gebietstypen weichen also deutlich vom Mittelwert der Gesamtstadt ab.

Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) zeigt, dass wir es in den drei armutssegregierten Stadtteilen unterdurchschnittlich häufig mit kinderreichen Familien zu tun haben. Besonders viele haben hier jedoch einen Migrationshintergrund. Zudem sind diese Familien in besonderem Maße von Armut betroffen, weisen ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau auf und leben in beengten Wohnsituationen. Damit sind gewissermaßen aggregierte Merkmale der Lebenssituation der Familien zur Charakterisierung der Stadtteile verwendet worden. Aber auch innerhalb solcher armutssegregierten (oder eben nicht segregierten) Stadtteile gibt es noch Differenzierungen von Lebenslagen der Familien (und von Lebenschancen der Kinder), die mit dieser sozialräumlichen Perspektive alleine nicht erfasst werden können. Wir können dies im Folgenden nur exemplarisch untersuchen und betrachten zu diesem Zweck die Lebenslagen von Familien mit und ohne Migrationshintergrund in den beiden betrachteten Mülheimer Gebietstypen. Dahinter steht die Hypothese, dass es einen Unterschied macht, ob zum Beispiel eine Familie mit Migrationshintergrund in einem ethnisch segregierten Quartier lebt oder ob sie mit Minoritätsstatus in einer überwiegend "deutschen" Nachbarschaft wohnt.

Deshalb unterscheiden wir im Folgenden die Familien nicht nur nach ihrem Wohnort (armutssegregierte Stadtteile vs. nicht segregierte Stadtteile), sondern berücksichtigen zudem, ob in den betrachteten Familienhaushalten ein Migrationshintergrund vorliegt oder nicht.[8]

In Abbildung 3 (vgl. PDF-Version) haben wir dazu die Lebenslagen der verschiedenen Gruppen anhand der bereits bekannten Indikatoren dargestellt. Schon auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass Familien mit Migrationshintergrund in Altstadt I, Altstadt II und Styrum, wo sie quasi "unter sich" sind, besonders benachteiligt sind (gruppierte Säulen ganz links in der Abbildung - vgl. PDF-Version). Sie verfügen über ein besonders niedriges Äquivalenzeinkommen, haben eine deutlich unterdurchschnittliche Schulbildung genossen und es leben hier besonders viele Familien in beengten Wohnverhältnissen. Gleichzeitig findet man in dieser Gruppe vergleichsweise viele kinderreiche Familien, während Alleinerziehende seltener anzutreffen sind als im stadtweiten Schnitt. Und die Familien geben besonders wenig Geld für Freizeit, Kultur und Bildung aus. Die Familien mit Migrationshintergrund in den nicht segregierten Vierteln weisen ein ähnliches, allerdings weniger extremes Merkmalsprofil auf. Unterschiede zwischen den beiden Gruppen finden wir bezüglich der Einordnung "überdurchschnittlich" bzw. "unterdurchschnittlich" bei den Ausgaben für Freizeit, Kultur und Bildung sowie dem Anteil der kinderreichen Familien. Die Ausgaben für Freizeit, Kultur und Bildung sind bei den Migrantenfamilien in den nicht segregierten Stadtteilen eher durchschnittlich und im Unterschied zu den Migrantenfamilien in Altstadt I, Altstadt II und Styrum gibt es in den restlichen Stadtteilen nur wenige Kinderreiche unter den Migrantenfamilien. Ein ähnliches Profil wie die Familien mit Migrationshintergrund außerhalb der segregierten Stadtteile weisen die Familien ohne Migrationshintergrund in den segregierten Stadtteilen auf. Zwar unterscheiden sie sich beim Anteil der Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf, aber beide Gruppen weisen ein geringes Bildungsniveau und ein unterdurchschnittliches Einkommen auf. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist bei der Wohnsituation auszumachen: Familien mit Migrationshintergrund wohnen wesentlich beengter. Ein gänzlich anderes Profil weisen die Familien ohne Migrationshintergrund in den nicht segregierten Stadtteilen auf (gruppierte Säulen ganz rechts in Abbildung 3 - vgl. PDF-Version). Im Vergleich zu den Familien aus den drei anderen Gruppen ist die Bildung der Elterngeneration in diesen Familien überdurchschnittlich hoch und sie verfügen über ein höheres Äquivalenzeinkommen. Verbunden damit stellt sich unter anderem ihre Wohnsituation komfortabler dar.

Diese Ergebnisse der Familienbefragung in Mülheim an der Ruhr zeigen, dass es nicht nur deutliche Unterschiede zwischen den armutssegregierten und den nicht bzw. weniger segregierten Stadteilen gibt, sondern dass wir darüber hinaus die Familien nach zusätzlichen Kriterien unterscheiden müssen, um tatsächlich ein realistisches Bild der Lebenssituation und der Bedarfslagen der Familien zu erhalten.

Mit Blick auf den Alltag und die Lebenschancen der Kinder wird deutlich, dass sich der Lebensalltag von Kindern in den segregierten Stadtteilen klar vom Lebensalltag der Kinder in den anderen Stadtteilen unterscheidet und dass es hier darüber hinaus eine deutliche Differenzierung von Lebenslagen etwa zwischen den Kindern mit und ohne Migrationshintergrund in den Stadtteilen gibt.

Es gibt also nicht nur zwei Kindheiten in der Stadt, wie sie etwa die von Klaus Peter Strohmeier und Safet Alic gebrauchte Metapher von der "Oberstadt" und der "Unterstadt" nahelegt.[9] Tatsächlich können wir anhand der hier gewählten integrierten sozial- und zielgruppenorientierten Betrachtung in Mülheim an der Ruhr mindestens drei "Familienwelten" unterscheiden,[10] die jeweils unterschiedliche Rahmenbedingungen für das Aufwachsen der Kinder in diesen Familien mit sich bringen. Die Entwicklung von Kindern in der Stadt wird gleichzeitig geprägt durch die Lebenslagen der Familien und das Milieu des sozialräumlichen Kontexts, also der Nachbarschaft, in der die Familie lebt.

Fußnoten

7.
Alle Merkmalswerte werden dabei auf einen Mittelwert von null normiert. Die Maßeinheit eins entspricht der jeweiligen Standardabweichung beziehungsweise der durchschnittlichen Streuung der Einzelwerte um diesen Mittelwert.
8.
Aufgrund der kleinen Fallzahl der Familien mit Migrationshintergrund, die in den segregierten Stadtteilen befragt wurden, sind die Ergebnisse hier vorsichtig zu interpretieren. Die Tendenz ist aber eindeutig. Unberücksichtigt bleibt die Frage nach dem Vorhandensein von Kompositionseffekten, also die Frage, ob es sich bei den Migranten in den armutssegregierten Stadtteilen um andere Gruppen von Migranten handelt als in den nicht armutssegregierten Stadtteilen.
9.
Klaus Peter Strohmeier unter Mitarbeit von Safet Alic, Segregation in den Städten, Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Migration und Integration, Bonn 2006.
10.
Wie wir festgestellt haben, ähnelt das Sozialprofil der Familien ohne Migrationshintergrund in den armutssegregierten Stadtteilen dem Profil der Familien mit Migrationshintergrund in den restlichen Stadteilen.