APUZ Dossier Bild

2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Fluchtversuche

Als Christa Wolf mit ihrer Erzählung "Der geteilte Himmel" im Herbst 1963 in ganz Deutschland Aufsehen erregte, trennte die Berliner Mauer nicht nur zwei Staaten, sondern blockierte auch die Begegnung zwischen den Menschen. Dieses Thema bestimmt Christa Wolfs Geschichte von Rita Seidel und Manfred Herrfurth, die sich zur Darstellung eines politischen Konflikts und einer schmerzlichen persönlichen Entscheidung ausweitet: Der begabte Chemiker Manfred kapituliert Monate vor dem Mauerbau vor den Hemmnissen und Widerständen bornierter Funktionäre und wählt während eines Kongressaufenthaltes die Flucht nach West-Berlin.

Das Gespräch mit Manfred, das Rita am Sonntag vor dem 13. August 1961 zu ihm nach West-Berlin reisen lässt, handelt von der Traurigkeit des Abschiednehmens, aber auch von der Zerrissenheit eines Landes, das diesen Zwiespalt der Gefühle bedingt. Als Manfred Ritas Heimatsehnsucht spürt, klingt das deutsche Dilemma an: "Hör bloß mal ein paar Namen: Schwarzwald, Rhein, Bodensee. Sagt dir das nichts? Ist das nicht auch Deutschland? (...) Ist es nicht unnatürlich, wenn du gar keine Sehnsucht danach hast?" Von Rita heißt es, "die Sehnsucht nach allen Orten, an denen er von jetzt an sein würde, vernichtete sie fast. Wer auf der Welt hatte das Recht, einen Menschen - und sei es einen einzigen! - vor solche Wahl zu stellen, die, wie immer er sich entschied, ein Stück von ihm forderte?"[2]

Der Himmel, der dem Buch den Titel gibt - "Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer" - wird zur Metapher für getrennte, unüberbrückbare Lebenswelten, und Rita erkennt: "Der Himmel teilt sich zuallererst."[3] Die bittere Erzählung vom "Zueinanderfinden und Auseinandergehen" (Dieter Schlenstedt) wirkt gerade deshalb so glaubwürdig, weil Christa Wolf Ritas Trennungsschmerz eindringlich beschreibt. Wenn sie sich doch für das Bleiben entscheidet, schließlich die Angst verliert, dass "sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit", kann das die Trauer nicht auflösen, die als Grundmelodie die Geschichte begleitet.

Weil Christa Wolf im Waggonwerk Ammendorf (bei Halle) einige Monate mit einer Brigade zusammengearbeitet und dort auch gemeinsam mit ihrem Mann einen "Zirkel Schreibender Arbeiter" geleitet hatte, galt "Der geteilte Himmel" den Kulturfunktionären der SED als Exempel für den von Walter Ulbricht 1959 propagierten Bitterfelder Weg, der Literatur und Arbeitswelt miteinander verbinden sollte. Dieses Engagement war auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963 mit der Aufnahme als Kandidat ins Zentralkomitee (ZK) der SED belohnt worden. Mit diesem Rückhalt wagte sie sich auf vermintes politisches Terrain. Auf einem internationalen Schriftstellerkolloquium in Frankfurt am Main griff Christa Wolf das Thema der Teilung erneut auf. Sie erinnert sich, dass sie in der Goethestadt nach einer Lesung aus dem "Geteilten Himmel" gefragt wurde, ob sie die Verhältnisse in der DDR nicht doch grundsätzlich kritisiere, sich aber nicht offen äußern könne: "In diesem Moment dachte ich an den Ärger, den ich zu Hause habe. Ich dachte daran, daß ich mich oft über Engstirnigkeit ärgere - ärgere ist ein sehr schwaches Wort -, über Gängelei, Banausentum, über falsche Anforderungen, die an Literatur gestellt werden, über falsches Lob, falschen Tadel, mangelnde Weltoffenheit, über mangelnde Veröffentlichung von Büchern, deren Veröffentlichung ich für unerlässlich halte (...), und ich verteidigte, dies alles nicht vergessend, mit meiner ganzen Überzeugungskraft und Beredsamkeit in diesem Frankfurter Forum die DDR."[4]

Ist ihre Schlussfolgerung logisch oder nicht vielmehr nur psychologisch zu erklären? Man sollte sich erinnern, dass zu jener Zeit in Frankfurt der Auschwitz-Prozess stattfand, den Christa Wolf während ihres Aufenthalts auch besucht hat. Es war vor allem die Gründungslegende der DDR vom antifaschistischen Neubeginn, die ihre Wahl für den Staat der Antifaschisten trotz irritierender Erfahrungen in der Erziehungsdiktatur erklärbar macht.

Fußnoten

2.
Christa Wolf, Der geteilte Himmel, Halle 1963, S. 265f.
3.
Ebd., S. 275.
4.
Christa Wolf, Rede auf dem internationalen Schriftstellerkolloquium im Dezember 1964, in: Neue Deutsche Literatur, 13 (1965) 3, S. 98.