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2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Die Gegenwart der Vergangenheit

"Kindheitsmuster" erscheint 1976 mit einer Startauflage von 60 000 Exemplaren. Die Frage, ob und wie sich die ideologische Indoktrination und die politischen Disziplinierungsakte in der Zeit des Nationalsozialismus als lebensgeschichtliche Prägungen auch auf die Menschen auswirkten, die in der DDR lebten, galt der SED als abwegig, seit sie die DDR auf die Seite der "Sieger der Geschichte" geschlagen hatte und dem Westen auch die mentalen Hypotheken des Nationalsozialismus allein anlastete. Dieser Sicht mochte Christa Wolf nicht folgen, nachdem das Bedürfnis entstanden war, "sich noch einmal in einer tieferen und auch psychologisch fundierten Weise mit der eigenen Entwicklung auseinanderzusetzen",[21] in ihre eigene Lebenswelt als junges BDM-Mädel zurückzublicken, die in dem über weite Strecken autobiographischen Text durch die Person der Nelly literarisch verfremdet wird. "Als das Manuskript im Druck war, kam der Tag, an dem wir bei Hermlin den Protest gegen die Zwangsausbürgerung Biermanns verfaßten. Abends dachte ich, nun wird wahrscheinlich Kindheitsmuster nicht erscheinen. Wir hatten ja sehr weitgehende Folgen erwartet. Es erschien dann doch, die ganze Diskussion darüber war natürlich vollkommen überschattet von meiner Teilnahme an dieser Protestresolution."[22]

Das Buch wurde von der Literaturkritik der DDR zunächst fast vollständig verschwiegen,[23] fand aber in der Bundesrepublik und international ein großes positives Echo. Die eindrucksvolle Selbsterforschung der Autorin hat dazu ebenso beigetragen wie ihre Fähigkeit, Mechanismen der Disziplinierung und Selbstverleugnung aufzudecken, die den Massenerfolg der NS-Diktatur ermöglicht haben. Dass das Buch Fragen danach aufwerfen musste, ob die Erziehungspraktiken einer verordneten Konformität und kollektiven Disziplinierung, die auch in der DDR vorherrschten, nicht falsche "Muster" für die Entwicklung "allseitig gebildeter sozialistischer Persönlichkeiten" darstellten, machte die aktuelle Brisanz dieses Buches aus.

Die 1979 publizierte Erzählung "Kein Ort. Nirgends" lässt sich in verschiedene Deutungshorizonte einordnen. Es ist die Geschichte einer erfundenen Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline Günderrode im rheinischen Ort Winkel. In einem fiktiven Gespräch treffen sich zwei Außenseiter, denen im Leben nicht zu helfen war, weil sie an den Konventionen der Zeit zerbrachen. Es ist ein Text, in dem sich ein pessimistisches Lebensgefühl deutlich akzentuiert. Der Zusammenhang mit der Zeitstimmung der Autorin ist unverkennbar: "Das habe ich nach der Biermann-Affäre geschrieben. Und da war mein Lebensgefühl wirklich sehr deprimiert und pessimistisch. (...) Kein Ort. Nirgends, auch dieser Titel, ist ein Reflex auf eine Situation. Ohne Alternative zu leben. Das war eigentlich mein Grundgefühl nach 1976."[24]

Dass Christa Wolf in ihrer fiktiven historischen Geschichte Kleist als Protagonisten gewählt hat, mag nicht nur mit der Missachtung zusammenhängen, welche die SED-Literaturpolitik der Romantik als einer Form des schrankenlosen Subjektivismus entgegenbrachte, sondern auch mit einer Kontroverse, die im Jahr des 200. Geburtstages von Heinrich von Kleist (1975) Günter Kunert veranlasst hatte, sein "Pamphlet für K." in "Sinn und Form" zu veröffentlichen. Kunert wendet sich darin gegen eine "dogmatische Literaturverkennung", in der die Leiden des Autors an der Gesellschaft als krankhaft abgetan werden und die Gesellschaft als gesund erscheine. Wer so denke, bewege sich in der "Welt des Faschismus".[25]

Der Georg-Büchner-Preis, den Christa Wolf 1980 als erste in der DDR lebende Autorin erhält,[26] bestätigt Rang und Bedeutung, die sie sich in der deutschsprachigen Literatur erworben hat, ebenso wie die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt im Jahr zuvor und die Mitgliedschaft in der West-Berliner Akademie der Künste 1981. Seit 1974 hat sie wiederholt die USA zu Studien- und Lehraufenthalten besucht. Dort, in Frankreich und in Italien findet ihr Werk außerhalb Deutschlands besonders intensive Beachtung.

Die Hinwendung zu vorantiken Mythen, die zu antiken Dichtungen geworden sind, ist charakteristisch für zwei herausragende Werke, die Christa Wolf vor und nach dem Epochenjahr 1989 vorgelegt hat. 1983 erscheint "Kassandra", 1996 folgt "Medea". Kassandra, die Seherin, die vor den schrecklichen Folgen des Trojanischen Krieges warnt und erleben muss, dass sie das Unheil nicht aufzuhalten vermag, entsteht in einer Zeit, in der die Supermächte in einer neuen Spirale der Hochrüstung verfangen sind, als dramatisches Menetekel, das sich gleichermaßen an die Protagonisten der konkurrierenden Weltsysteme richtet, um dem Wahnsinn des Wettrüstens Einhalt zu gebieten.

Indem Christa Wolf das propagandistische Klischee von Gut und Böse ausschließt und die Massenvernichtungswaffen beider Seiten als lebensbedrohlich benennt, weckt sie die Arglist der Zensoren. In der DDR-Ausgabe des Kommentarbandes zu "Kassandra", der unter dem Titel "Voraussetzungen für eine Erzählung" aus einer Frankfurter Vorlesungsreihe hervorgegangen ist, muss neben zwei anderen Textstellen eine kurze Passage entfallen, die explizit beide Seiten für die Bedrohungslage verantwortlich macht.[27] Christa Wolf setzt immerhin durch, dass die Auslassung gekennzeichnet wird.

Im Werk von Christa und Gerhard Wolf zeigt sich von Ende der 1960er Jahre an eine Faszination vom "Projektionsraum Romantik", der Persönlichkeit von Dichtern und Dichterinnen, die "ihre Stirnen an der gesellschaftlichen Mauer wund rieben"[28], sich verordneten Ansprüchen entzogen, um im "Schatten eines Traums" zu leben. Davon zeugt Gerhard Wolfs eindrucksvoller Collagetext "Der arme Hölderlin" wie auch verschiedene Editionen, die beide Wolfs aus dem Werk romantischer Dichterpersönlichkeiten publiziert haben.[29] Sinnfällig wird diese Spurensuche in der Romantik vor allem in Christa Wolfs "Sommerstück" (1989), das sie als ihr "persönlichstes Buch" empfindet. Das Mecklenburger Sommerhaus weckt die Erinnerung an 1945, als sie mit ihren Eltern aus Landsberg an der Warthe in das mecklenburgische Dorf Gammelin geflüchtet war. Der von heiterer Melancholie geprägte Text, der aber auch als "Idylle mit drohenden Untertönen" (Aafke Steenhuis) erscheint, schildert in einer Sehnsuchtslandschaft, die zugleich Zufluchtsort ist, die glückliche Erfahrung des entspannten Zusammenseins mit Freunden. "In diesen Gruppen haben damals viele Menschen in der DDR ihre Integrität bewahrt und sich freigedacht. Das Buch ist für viele eine Beschreibung ihres eigenen Lebens, wie ich jetzt weiß. Ich glaube auch, daß es sogar eine Vorankündigung der späteren Ereignisse ist, denn es schildert, warum es so nicht weitergehen konnte."[30]

Christoph Hein hat diese Vorahnung 1989 in seinem Stück "Die Ritter der Tafelrunde" als beklemmendes Endspiel einer ideologisch bornierten Gerontokratie Monate vor der friedlichen Revolution in Szene gesetzt. An diesem Prozess, der mit dem Anspruch der Menschen auf Volkssouveränität ernst macht, nimmt Christa Wolf mit der Macht des Wortes entschieden Anteil. Bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz erklärt sie am 4. November 1989: "Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache. Was bisher so schwer auszusprechen war, geht nun auf einmal frei über die Lippen. (...) Die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter. Eines davon ist Traum. Also träumen wir mit hellwacher Vernunft."[31]

Fußnoten

21.
Vor den Bildern (Anm. 10), S. 574. Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben, erhellt die Umkehrung eines berühmten Satzes von Ludwig Wittgenstein aus dem "Tractatus logico-philosophicus": "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man zu schweigen allmählich aufhören." Christa Wolf, Kindheitsmuster, Berlin-Weimar 1976, S. 235.
22.
Vor den Bildern (Anm. 10), S. 574.
23.
Eine frühe, äußerst kritische Besprechung stammt von Annemarie Auer, Gegenmeinung, in: Sinn und Form, 29 (1974) 4, S. 847 - 878. Bald folgten Reaktionen, die den Wert des Werkes nachdrücklich hervorhoben, u.a. von Stephan Hermlin, in: Sinn und Form, 29 (1977) 6, S. 1311 - 1322.
24.
Vor den Bildern (Anm. 10), S. 573.
25.
Vgl. Günter Kunert, "Pamphlet für K.", in: Sinn und Form, 30 (1975) 5, S. 1097 u. S. 1093.
26.
1971 wurde Uwe Johnson geehrt, dessen Frühwerk "Mutmassungen über Jakob" (1959) noch in der DDR entstanden war; 1977 erhielt Reiner Kunze, der im April 1977 die DDR verlassen hatte, den Büchner-Preis.
27.
Insgesamt sind in der DDR-Ausgabe drei Stellen aus der 3. Vorlesung gestrichen worden. Als besonders brisant galten die Zeilen: "Die Nachrichten beider Seiten bombardieren uns mit der Notwendigkeit von Kriegsvorbereitungen, die auf beiden Seiten Verteidigungsvorbereitungen heißen. Sich den wirklichen Zustand der Welt vor Augen halten, ist psychisch unerträglich. In rasender Eile, die etwa der Raketenproduktion beider Seiten entspricht, verfällt die Schreibmotivation, etwas zu bewirken. (...) Der Wahnsinn geht mir nachts an die Kehle." Auslassung in den ersten fünf Auflagen von Christa Wolf, Kassandra. Vier Vorlesungen. Eine Erzählung, Berlin-Weimar 1983, S. 124. Erst die 6. Auflage (1988) enthält den vollständigen Text, vgl. S. 129.
28.
Christa Wolf zitiert diese Formulierung von Anna Seghers, vgl. Fortgesetzter Versuch, in: Die Dimension (Anm. 13), S. 342.
29.
Christa Wolf/Gerhard Wolf, Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Gesprächsraum Romantik. Prosa und Essays, Berlin-Weimar 1986.
30.
Schreiben im Zeitbezug (Anm. 12), S. 149. Christa Wolf hat ausgeführt, dass sie mit ihrem Mann erwogen habe, die DDR zu verlassen, doch hätten sie eine solche Entscheidung verworfen: "Ehrlich gesagt, wir wussten nicht, wohin. Wir sahen in keinem anderen Land eine Alternative. Dazu kam: Ich bin eigentlich nur an diesem Land brennend interessiert gewesen. Die scharfe Reibung, die zu produktiven Funken führt, fühlte ich nur hier mit aller Verzweiflung, dem Kaltgestelltsein, den Selbstzweifeln, die das Leben mit sich bringt." Ebd., S. 148.
31.
Sprache der Wende. Rede auf dem Alexanderplatz, in: Im Dialog (Anm. 12), S. 119f. Etwa drei Wochen später gehört Christa Wolf mit dem Regisseur Frank Beyer, dem Schriftsteller Volker Braun und dem Filmemacher Konrad Weiß zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Für unser Land", die an die Menschen in der DDR appellieren, "in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln" (ebd., S. 171). Diese Perspektive sollte sich rasch als Illusion erweisen, und jene, die sie formuliert hatten, gerieten im Westen in den Fokus einer moralisierenden öffentlichen Kritik.