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2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

Entwicklung der Buchmesse

In Leipzig fanden im Frühjahr und Herbst Universalmessen statt, auf denen immer mehrere Branchen ausstellten, darunter auch Verlage.[1] Zur ersten Friedensmesse nach dem Zweiten Weltkrieg, Anfang Mai 1946, waren etwa 40 buchhändlerische Firmen aus der Sowjetischen Besatzungszone anwesend. Die Buchverlage stellten gemeinsam mit Zeitungsverlagen sowie der Papier- und Schreibwarenbranche im Zentralmessepalast aus. In den ersten Jahren dokumentierten die Aussteller ihre Anstrengungen zum Wiederaufbau der Wirtschaft. Der Besatzungsmacht war an einer gesamtdeutschen Ausstrahlung gelegen, und speziell die Buchbranche wollte die Tradition des "Leipziger Platzes" wiederbeleben, also die zentrale Rolle dortiger Firmen für die Buchauslieferung und -abrechnung in Mitteleuropa. Bald gesellten sich Aussteller aus den anderen Zonen dazu; 1948 reiste der erste ausländische Aussteller an, der Globus-Verlag aus Wien.

Erst im Frühjahr 1949 fand sich für die Verlagserzeugnisse ein eigenes Messehaus in der Innenstadt, das Hansahaus. Obwohl sich dieser verwinkelte Bau zur wirkungsvollen Präsentation des Verlagsschaffens der neu gegründeten DDR wenig eignete, diente er doch 14 Jahre lang als Domizil. Bücher legte man dort meist nur nebeneinander auf Tische, spärliche Regalbauten ähnelten einer Wohnzimmereinrichtung, und die Verwaltung Volkseigener Verlage riet: "Freundliche Standgestaltung durch Blumen trägt wesentlich zur Hebung der Kauffreudigkeit bei."[2]

Der in den Abkommen zum Interzonenhandel festgeschriebene geringe Austausch von Büchern wirkte sich auch auf die Messeteilnahme aus. Westdeutsche Literatur war Anfang der 1950er Jahre nur durch Interzonenhandelsfirmen präsent, die mehrere Verlage an wenigen Gemeinschaftsständen vertraten. Dagegen wuchs die Zahl der Aussteller aus den sozialistischen Ländern. Einen ersten Internationalisierungsschub aus westlicher Richtung erlebte die Buchmesse 1952: Seitdem zählten neben Österreich auch Verlage aus Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz zu den Ausstellern. Um die geschäftlichen Kontakte zu diesen zu verbessern und den Export von Büchern zu steigern, wurde Ende 1953 ein Außenhandelsunternehmen gegründet: Die Deutsche Buch-Export und -Import GmbH besaß fortan das Monopol für diesbezügliche Verträge. Außerdem übernahm sie einen Teil der Messeorganisation, die von Anfang an in den Händen mehrerer Institutionen lag: Neben dem Buch-Export besorgte das Leipziger Messeamt die Veranstaltungslogistik, wie Standverteilung, Mobiliar und Messeausweise; dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler kamen repräsentative Aufgaben zu, wie die Organisation von Feierlichkeiten; bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV) des Ministeriums für Kultur bzw. deren Vorgängereinrichtungen liefen alle Fäden zusammen.

Nachdem die Ausstellerzahlen der westdeutschen Verlage Mitte der 1950er Jahre wieder zu wachsen begonnen hatten, löste der Mauerbau auch für die Buchmesse eine Krise aus. Zum Herbst 1961 sagten fast alle Verlage aus der Bundesrepublik ihre Teilnahme ab, was durch ein "Empfehlungsschreiben" des Frankfurter Börsenvereins an seine Mitgliedsverlage forciert worden war.

Die stärkste Konkurrenz zu Leipzig formierte sich durch die internationalen Buchmessen, die seit 1949 in Frankfurt am Main und ab 1956 in Warschau stattfanden. Nur wenige Jahre nachdem die erste polnische Bücherschau eröffnete - die sich zur wichtigsten Messe für den Ostblock entwickeln sollte -, begann man in der DDR, die Leipziger Stellung auf dem internationalen Parkett auszuloten. Im Vergleich zu den beiden anderen hatte die Buchmesse an der Pleiße nicht mehr genügend internationale Anziehungskraft und drohte in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen - selbst die sozialistischen Verlage fuhren lieber an den Main als in das enge, unrepräsentative Hansahaus. Börsenverein und Buch-Export brachten diverse Ideen zur "Neugestaltung" vor. Mit zugkräftigen Veranstaltungen und Preisverleihungen nach dem Vorbild des Frankfurter Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sollte Leipzig wieder an Bedeutung gewinnen. Ein zähes Ringen begann vor allem um die Frage größerer Räumlichkeiten. Am Ende stellte das Leipziger Messeamt einen Neubau in Aussicht, der zur Herbstmesse 1963 tatsächlich eröffnete: das Messehaus am Markt. Dieses modernste Messehaus seiner Zeit wurde dankbar und staunend von der Branche, den Gästen und dem Publikum in Besitz genommen. Über das Ende der DDR hinaus prägte es das Gesicht und die Atmosphäre der Buchmesse.

Als das Verlagsschaffen auf den vier Etagen am Leipziger Markt endlich ein würdiges Domizil gefunden hatte, entwickelte die Buchmesse ein neues Selbstverständnis. Sogar Walter Ulbricht nebst Gattin interessierte sich nun für die Neuerscheinungen der DDR-Verlage. Rein flächenmäßig reichte man wieder an Warschau heran, doch Frankfurt hatte Leipzig längst hinter sich gelassen: Das Messehaus am Markt bot 8000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, wohingegen in Frankfurt schon 1963 rund 22 000 Quadratmeter zur Verfügung standen.

Die Zahl der Aussteller pegelte sich auf etwa 180 ein; durch die vielen Kollektivstände waren aber mehrere hundert Verlage präsent. Dennoch zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die internationale Buchbranche den Leipziger Herbsttermin wegen der zeitlichen Nähe zu Frankfurt nur schlecht besuchte. Endlich setzte man die schon Ende der 1950er Jahre erwogenen Veränderungen um: Von 1973 an fand die Buchmesse nur noch im Frühjahr statt, und man erreichte gleich einen Rekord an ausstellenden Verlagen. Allerdings zeigte sich bald eine typische Begleiterscheinung der Buchmesse: der Kampf um die 5. Etage. Das Messehaus am Markt war zwar den Büchern vorbehalten, doch brachte das Messeamt im obersten Stockwerk Uhren und Jagdwaffen unter. Das Interesse der Aussteller an der Messe wuchs, sodass die Verlage aus der DDR zunehmende Standflächenkürzungen hinnehmen mussten, damit internationale und vor allem westliche Verlage - für den Ruf und für die Kasse - Platz fanden. Der Expansion der Buchmesse waren schlicht bauliche Grenzen gesetzt.

Gleichzeitig blieb ein widersprüchliches Problem bestehen: Es gehörte zur Tradition der Messe, dass das Ministerium für Außenhandel nicht ausreichend finanzielle Mittel bereitstellte, damit der Buch-Export die ausgestellten Bücher ankaufen und Gegengeschäfte mit westlichen Partnern abschließen konnte. Ein Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit (IM), leitender Genosse des Buch-Exports, schrieb zur Messe 1979 resignierend: "Damit steht fest, dass am Ende des 4. Messetages für den Ankauf von Messeexponaten aus dem Bereich NSW - außer BRD/WB - keine einzige Valutamark zur Verfügung steht."[3] Für viele Verlage war die Übernahme des Ausstellungsgutes aber der einzige ökonomische Anreiz, nach Leipzig zu kommen. Die Mitarbeiter des Buch-Exports saßen also zwischen den Stühlen, galt es doch einerseits, um die Internationalität der Buchmesse zu ringen, und andererseits den Ausstellern zu vermitteln, dass sie ohne Aufträge abreisen müssten. So gelang es den Messemachern über die Jahre nicht, mühsam akquirierte Länder zu halten, und "exotische" Staaten wie Korea, Türkei, der Iran, Libyen, Ägypten, Nikaragua oder Griechenland gaben nur ein kurzes Gastspiel.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag beruht im Wesentlichen auf folgenden Archivbeständen: Ministerium für Kultur DR 1 und ZK der SED DY 30 im Bundesarchiv (BArch), Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig II im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig (SächsStA-L) sowie IM-Akten und solche der HA XX im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU).
2.
Anlage zum Messebericht der Verwaltung Volkseigener Verlage, 8.9. 1955, BArch, DR 1/880.
3.
Bericht des IM "Ludwig", 14.3. 1979, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 4011/92, Bd. II/3, Bl. 53. NSW = Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet.