APUZ Dossier Bild

6.1.2009 | Von:
Angelos Giannakopoulos
Dirk Tänzler

Deutsche Ansichten zur Korruption

Fazit

Vergleicht man die verschiedenen Ansichten zur Korruption in Deutschland aus den sechs Handlungsbereichen, zeigt sich ein klarer Gegensatz. Vertreter aus Politik und Wirtschaft stimmen darin überein, dass Korruption kein strukturelles Problem in Deutschland sei. Genau dieses aber glauben Polizisten, Richter, Staatsanwälte und zivilgesellschaftliche Akteure und halten Korruption für ein ernsthaftes und weit verbreitetes Delikt, das die Gesellschaft bedroht. Wie Justiz und Polizei sehen auch die zivilgesellschaftlichen Akteure im "Allgemeininteresse" oder "Gemeinwohl" den höchsten Wert. Dies scheint für Politiker und Wirtschaftssubjekte nur mittelbar der Fall zu sein. Unternehmer, Manager und Politiker sind strategisch Handelnde mit einer strengen Erfolgsorientierung. Sie bewerten alle Mittel relativ zum politischen oder ökonomischen Erfolg und erfüllen - laut liberaler Doktrin - das Allgemeininteresse oder Gemeinwohl als mehr oder weniger nichtintendierte (Neben-)Folge ihres Handelns.

Jenseits dieser "klaren Fälle" treten im Bereich der Medien konkurrierende Wahrnehmungsmuster auf. Eine Erklärung könnte sein, dass Staatsbeamte und zivilgesellschaftliche Akteure sich an liberalen Vorstellungen orientieren, ökonomische und politische Akteure eine wertkonservative Legitimationsstrategie bevorzugen und die Vertreter der Medien relativ zu deren politischer Tendenz entweder einem auf liberale ("Süddeutsche Zeitung") oder konservative ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") Werte ausgerichteten Weltbild verpflichtet sind. Das Wahrnehmungs- und Deutungsschema der Beiträge in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verdient besondere Aufmerksamkeit, denn es reproduziert die Ansicht der wirtschaftlichen und politischen Elite - allerdings in einer elaborierteren Form. Der festgestellte Widerspruch zwischen der Behauptung, Korruption sei kein strukturelles Problem, und den anderslautenden Tatsachen wird aufgehoben in der Erklärung von Korruption als eine die Selbstheilungskräfte des Systems mobilisierende Störung - oder, mit Mephisto, als eine Manifestation der Macht, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.