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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

"Ich werde es Euch zeigen!"

Der Defizitorientierung bisheriger Forschungsansätze entsprechend, finden sich zahlreiche Ansätze und Untersuchungen zur Erklärung von Schulmisserfolg, die sich häufig auf sozialisatorische Faktoren stützen. Sie weisen auf Zusammenhänge zwischen schulischen Lern- oder Leistungsschwierigkeiten und einem sozio-ökonomischen und sozio-kulturell benachteiligenden Milieu hin.[10] Aber diese Erklärungsansätze reichen bei der hier untersuchten Gruppe kaum aus, um ihren "Erfolg" zu erklären, denn sie können nicht auf ein bildungsnahes Elternhaus zurückgreifen. Bei unserer explorativen Untersuchung konnte es allerdings auch nicht um die Feststellung objektiv gegebener Ressourcen für Bildungserfolg gehen, sondern nur darum, welche für einen Aufstieg förderlichen Bedingungen aus den Aussagen unserer Probanden rekonstruiert werden können.

Der Bildungsweg der Befragten ist in der Regel nicht geradlinig verlaufen. Es handelt sich häufig um "verschlungene Bildungspfade"[11] über verschiedenste Schulformen oder den zweiten Bildungsweg bis hin zum Studium oder zur Promotion. Bei diesen Probanden gab es häufig ein ausschlaggebendes Ereignis oder aber eine Schlüsselperson ("Signifikante Andere"), welche die Probanden als Grund für ihren schulischen und akademischen Erfolg benennen. Diese können sein: ein Schulkamerad, eine Nachbarin oder ein Familienmitglied, das sie besonders unterstützt und motiviert hat. Oftmals haben aber auch Lehrkräfte die Bildungskarriere maßgeblich beeinflusst - positiv wie negativ: "Es gab in der Schule diesen einen Lehrer (...), und er hat mich in seinem Rahmen doch gefördert. Er schenkte mir Bücher, oder lieh mir Bücher aus, mit diesen Büchern habe ich nicht nur deutsch gelernt, sondern auch Bildung erfahren."[12]

Es wurde aber auch deutlich, dass Lehrkräfte ihnen häufig weniger zugetraut haben und die Jugendlichen gegen deren Empfehlungen höhere Schulen besucht haben: "(...) auch wenn es so Kleinigkeiten gab, wo der Lehrer mir dann gesagt hat, möchtest du dir vielleicht eine andere Schule überlegen, möchtest du wirklich doch nicht etwas anderes machen (...). Und da hab ich gesagt, nein ich versuch es einfach!" "Ich habe viel Zeit verloren, dank der Vorurteile." "Wir hatten eine Lehrerin, die meinte: "Ja, Herr A., warum sollen die Kinder denn studieren nach dem Gymnasium? Sie werden die Kinder doch sowieso irgendwie zurückziehen, das Mädchen wird heiraten, und der Sohn geht in die Türkei zurück."

Bildungserfolgreiche Migranten haben sich hoch gekämpft. Nicht selten hat sie ihr Ehrgeiz, aber auch Trotz angetrieben, nach dem Motto: Ich werde es Euch zeigen! Auffällig ist insgesamt, dass auch wenn die primäre (familiäre) Sozialisation bei allen Probanden eher im türkischen (sprachlich-kulturellen) Kontext statt fand, die sekundäre und tertiäre Sozialisation (Schule und Universität) demgegenüber dominant war, was Kognition, Abstraktion und Reflexion, also soziale beziehungsweise professionelle Kompetenzen, betrifft. In sprachlich-kognitiver Hinsicht und in Bezug auf die Wissenschaftssprache und akademisches Denken überwiegen auch noch heute nach der Auswanderung in die Türkei deutsche Sprachkompetenzen gegenüber türkischen. Häufig können sie diese in ihren Arbeitsfeldern in der Türkei positiv nutzen.

Fußnoten

10.
Vgl. Isabel Sievers, Individuelle Wahrnehmung, nationale Denkmuster. Einstellungen deutscher und französischer Lehrkräfte zu Heterogenität im Unterricht, Frankfurt/M. 2009.
11.
Vgl. Erika Schulze/Eva-Maria Soja, Verschlungene Bildungspfade, in: Georg Auernheimer (Hrsg.), Schieflagen im Bildungssystem, Wiesbaden 2006.
12.
Zit. nach: I. Sievers/H.M. Griese/R. Schulte (Anm. 1), S. 92. Auch die folgenden Zitate finden sich in dieser Studie.