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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

Auswanderungsmotive und -gründe

Befragt nach dem Motiv, Deutschland zu verlassen, vermischen sich bei den Befragten rationale Überlegungen mit eher emotionalen Gründen. Unter die rationalen Aspekte fallen ökonomische Gründe beziehungsweise die Aussicht auf eine bessere Stelle oder bessere oder schnellere Aufstiegschancen in dem Zielland. So war die berufliche Perspektive in Deutschland - teilweise trotz Promotion - bei einzelnen Personen ungewiss. Hinzu kamen attraktive Stellenangebote in der Türkei. Stärker emotional geprägt sind Erläuterungen, die sich auf eine geringe Anerkennung ihrer Person und ihrer Kompetenzen in der deutschen Gesellschaft beziehen: "Ja es gab natürlich mehrere Gründe, zum einen (...), dass ich in Deutschland (...) auf längere Zeit hin doch immer der Fremde bleiben werde. Also die Anerkennung war nicht da, sie war unter Gleichen natürlich da, aber nicht in der Gesellschaft, also ich wollte einfach 100-prozentige Anerkennung." Andere Probanden schildern das Gefühl folgendermaßen: "Der ewige Ausländerstatus türkischer Migranten belastete mich sehr. Auch in Istanbul blieb ich Ausländerin, jedoch mit einem höheren Status als in Deutschland." "Ich habe immer gesagt, ich möchte als ein Staatsbürger erster Klasse leben, (...) das heißt ich möchte theoretisch auch Staatspräsident des Landes werden können. In der Türkei kann ich das, in Deutschland nicht. (...) Ich wollte jemand sein, der zur Elite gehört. In Deutschland ist das schwer zur Elite zu gehören, in der Türkei ist das nicht so."

Die Beispiele zeigen, wie wichtig es den Befragten ist, dass ihre "Rückkehr" nicht als Versagen ihres Migrationsprojektes gedeutet wird. Sie haben heute in der Türkei gute berufliche Positionen, in denen sie häufig ihre besonderen interkulturellen Kompetenzen einsetzen können (wie in internationalen Unternehmen oder Institutionen, aber auch im universitären Bereich). Einzelne Probanden können sich aber durchaus vorstellen, wieder (für ein paar Jahre) nach Deutschland zu kommen, vorausgesetzt, dass sie (beruflich) voll anerkannt werden.

Die bildungserfolgreichen Migranten wurden damit konfrontiert, dass sie anders sind. Trotz Abitur und akademischen Status fühlen sie sich "exkludiert", "nicht zugehörig", also subjektiv nicht "integriert". Das Hauptproblem im Themenkontext "Anerkennung"[13] scheint das "öffentliche Bewusstsein" zu sein. Nicht zuletzt entscheiden sich Fragen der "Exklusion" oder "Inklusion" beziehungsweise des "Dazugehörens" (so haben wir 2007 "Integration" kurz definiert) von Einwanderern durch den Bewusstseinsstand der Mehrheitsgesellschaft beziehungsweise über das (Nicht-)Vorhandensein einer "Willkommenskultur" im Einwanderungsland.

Fußnoten

13.
Siehe hierzu auch den Exkurs: Das Konzept "Anerkennung" - der Kampf um Anerkennung, in I. Sievers/H. M. Griese/R. Schulte (Anm. 1).