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28.10.2010 | Von:
Karin Priester

Fließende Grenzen zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa?

Vernetzungen des Rechtsextremismus

Während der europäische RE auf Parteienebene gut untersucht ist, bestehen Forschungsdefizite hinsichtlich seiner Vernetzung außerhalb von Parteien.[22] Der Belgier Robert Steuckers, Chefideologe und Kaderausbilder des VB und Schüler des ehemaligen SS-Mitglieds Jean Thiriart, eines Vorkämpfers für das "vierte Reich Europa", ist der geistige Kopf des paneuropäischen Netzwerks Synergies Européennes (Synergon) mit Sektionen in zahlreichen europäischen Ländern. Synergon ist nationalrevolutionär und bioregionalistisch ausgerichtet und organisiert europaweit Seminare, Tagungen und Kolloquien, bei denen auch der Chefideologe der Lega Nord, Gianfranco Miglio, auftrat. In Deutschland tagte Synergon im Collegium Humanum in Vlotho, das 2008 verboten wurde. Unter dem Deckmantel von Anthroposophie und Lebensschutz hatte es ein Schulungszentrum für Nazi-Skins und ein internationales Zentrum der Holocaust-Leugner mit Horst Mahler (NPD) als Referenten beherbergt. Als Neonazi-Forum, das selbst in der NPD auf Vorbehalte stößt, hat sich seit 2002 der Internet-Weblog Altermedia etabliert. Das Portal wird in den USA gehostet und hat in Europa nationale Sektionen. Es präsentiert sich als World Wide News for People of European Descent und huldigt der Suprematie der weißen Rasse.

Auf die rechtsextreme Bewegungsszene außerhalb der Parteien, die groupuscular right (Roger Griffin), kann hier nur kursorisch eingegangen werden. International vernetzt sind Gruppen wie Blood & Honour und ihr bewaffneter Arm Combat 18 sowie die Musikszene von Rechtsrock, National Socialist Black Metal (NSBM) bis Dark Wave.[23] Für den rechtsextremen Nachwuchs sind freie, stark fluktuierende Zusammenschlüsse (Kameradschaften oder Autonome Nationalisten) häufig attraktiver als eine Parteimitgliedschaft. Auch hier hat ein strategisches Umdenken stattgefunden, weg von klaren Befehlshierarchien, hin zu einer nicht-hierarchischen, polyzentrischen leaderless resistance.

2005 formulierte der Neonazi-Aktivist Christian Worch in Anlehnung an die US-amerikanische Militärdoktrin: "Kommunikation und Vernetzung traten an die Stelle früherer organisatorischer Strukturen und erweisen sich sogar als funktionsfähiger. (...) Die Revolution findet von unten nach oben statt."[24] Wer sich mental noch in Zeiten von Wehrsportgruppen befinde, gleiche einer Kavallerietruppe, die gegen Panzer antritt. Auch die NPD vertritt eine "völkische Graswurzelrevolution" (NPD-Theoretiker Jürgen Gansel) und bemüht sich um ihre alltagskulturelle Verankerung auf kommunaler Ebene.

Fußnoten

22.
Vgl. Jens Rydgren, The Sociology of the Radical Right, in: Annual Review of Sociology, (2007) 33, S. 257.
23.
Bei dem Treffen der internationalen Neonaziszene, dem "Fest der Völker" in Thüringen, traten 2005 auch zahlreiche Blood & Honour-Mitglieder auf. Dieses Rock-Festival ist mit der Europäischen Nationalen Front (ENF) vernetzt, die Redner aus zahlreichen europäischen Ländern beisteuerte.
24.
Christian Worch, Gedanken über freien und autonomen Nationalismus, Beitrag vom 26.1.2005, online: http://stoerti.atspace.com/260105.html (8.6.2008).