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19.10.2010 | Von:
Guy Kirsch

Die Euro-Krise ist (nicht nur) eine Währungskrise - Essay

Hoffnungen erfüllt?

Fragt man nach den Ursachen der Euro-Krise, so lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Man erinnere sich: Ein entscheidendes Argument für die Einführung des Euro war seinerzeit die Überlegung gewesen, dass eine gemeinsame europäische Währung ein entscheidender Schritt hin zur europäischen Einheit sei. Man hatte die Hoffnung, dass eine gemeinsame Währung die wirtschaftlichen Transaktionen zwischen den Mitgliedsländern erleichtern und den Zusammenhalt und das Zusammenwirken der Mitgliedstaaten fördern würde. Auch ging man davon aus, dass eine gemeinsame Währung den innereuropäischen Wettbewerb dadurch fördern würde, dass die Preise zwischen den einzelnen Ländern vergleichbarer würden. Weniger im öffentlichen Bewusstsein präsent, aber durchaus real war bei den nichtdeutschen Mitgliedern auch die Erwartung, dass ein wiedervereinigtes, also größeres Deutschland leichter domestiziert werden könnte, wenn es in eine Währungsunion eingebunden wäre, also nicht über eine eigene Währung verfügte.

Es ist gewiss richtig, dass sich die mit einer gemeinsamen Währung verknüpften Hoffnungen über weite Strecken erfüllt haben. So sind die Transaktionskosten des Wirtschaftsverkehrs in der Euro-Zone gesunken, und die mit Wechselkursschwankungen zwischen den einzelnen nationalen Währungen verbundenen Geschäftsrisiken sind verschwunden. Es kann also durchaus als Erfolg des Euro gewertet werden, dass der Euro-Raum heute ein Raum intensiven wirtschaftlichen Austauschs ist. Auch ist es mehr als eine Vermutung, dass das europäische Gemeinschaftsgefühl bei vielen Menschen dadurch gestärkt worden ist, dass sie in Paris und Passau mit den gleichen Scheinen und Münzen zahlen können.

Allerdings: So unbestreitbar und erfreulich diese Erfolge auch sein mögen, so wenig können jene Erwartungen übersehen werden, die sich nicht erfüllt haben. So hat sich die Hoffnung, die gemeinsame Währung werde der Einheit Europas förderlich sein und die nationalen Egoismen zurückdrängen, vielleicht teilweise erfüllt. Angesichts der gegenwärtig in der Euro-Krise aufflackernden Querelen muss man aber eher den Eindruck haben, dass - trotz aller vordergründigen Beschwörung der europäischen Einheit und Solidarität - die nationalstaatlichen Interessen mit einer Rücksichtslosigkeit verfolgt werden, die so nicht erwartet worden ist.