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19.10.2010 | Von:
Andreas Busch

Der Euro als Vorteil und Nachteil für Deutschland

Der Euro als Nachteil

Obwohl sich die politischen Entscheidungsträger in der Bundesrepublik einmütig für die Einführung des Euro eingesetzt hatten, ließen die erhofften positiven Wirkungen der Währungsunion zunächst auf sich warten. Die ersten Jahre der Gemeinschaftswährung (ab 1999 eingeführt als Buchgeld, ab 2002 dann auch als Bargeld) waren gekennzeichnet durch anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und ein niedriges Wirtschaftswachstum, das beständig unter dem der anderen Euro-Länder lag (siehe Tabelle 1 der PDF-Version).

Die schlechte Wachstumsentwicklung zu Beginn des Jahrzehnts kann auch darauf zurückgeführt werden, dass für Deutschland damals die ökonomischen Nachteile aus der Einführung der Gemeinschaftswährung überwogen. Dabei waren diese Nachteile eher indirekter Natur und wirkten großenteils auf dem Umweg über die Effekte, welche die neue Währung in den anderen Mitgliedstaaten hatte. Vor allem zwei Wirkungskanäle waren dabei relevant: der Verlust relativer Vorteile beim Zinsniveau sowie der Nachteil durch den Realzins-Effekt im einheitlichen Währungsraum.[12]

Lang laufende Staatsschuldtitel bilden in einem Land üblicherweise den "Boden" für das Zinsniveau, zu dem Unternehmen auf den Finanzmärkten Geld aufnehmen können. Das ist darin begründet, dass dem Staat als Schuldner die beste Bonität zugeschrieben wird, da bei ihm das Risiko eines Konkurses am geringsten ist. Unternehmen haben auf diesen Zinssatz einen Aufschlag zu bezahlen, der sich danach bemisst, wie groß auf dem Markt das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit des jeweiligen Unternehmens eingeschätzt wird. Der Aufschlag bildet den Anreiz für Kapitalgeber, ihr Geld nicht in risikolosen Staatspapieren, sondern in riskanteren, dafür aber höher rentierlichen Schuldtiteln von Unternehmen anzulegen. Die Höhe des vom Staat verlangten Zinssatzes bemisst sich dabei hauptsächlich nach den Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Inflationsrate sowie (für ausländische Anleger) des Wechselkurses.

Die Bundesrepublik hatte als das Land in Europa mit der niedrigsten Inflationsrate und dem stabilsten Wechselkurs stets ein - verglichen mit den anderen europäischen Staaten - besonders niedriges Zinsniveau genossen. Dies war ein Vorteil gegenüber den anderen Ländern gewesen, weil deutsche Unternehmen so billiger an Geld kommen konnten. Er begann jedoch in den 1990er Jahren in dem Maß zu schwinden, wie die Einführung der gemeinsamen Währung sicherer erschien. Denn durch den (zunächst absehbaren, dann tatsächlichen) Beitritt zur Währungsunion und die auf Stabilität ausgerichtete Konstruktion der EZB importierten die anderen Staaten gewissermaßen die geldpolitische Glaubwürdigkeit hinsichtlich niedriger zukünftiger Inflation, die bislang alleine die Bundesrepublik Deutschland besessen hatte. Die Folge war, dass sich die Zinssätze für lang laufende Staatsanleihen in den am Euro teilnehmenden Staaten denjenigen bundesdeutscher Staatsanleihen anzunähern begannen und die Zinsdifferenz zum deutschen Kapitalmarkt verschwand (siehe Grafik 1 der PDF-Version).

In den anderen Staaten wirkte dieser Zinsrückgang wie ein Konjunkturprogramm und umso stärker, je größer der ursprüngliche Abstand zum deutschen Zinsniveau gewesen war. Nur in der Bundesrepublik gab es einen solchen Schub nicht, was im Vergleich negative Auswirkungen auf das deutsche Wirtschaftswachstum haben musste - seine Wachstumsraten blieben hinter denen der meisten anderen europäischen Länder zurück.

Ein weiterer, in eine ähnliche Richtung wirkender Effekt ergab sich seit Beginn der Währungsunion daraus, dass die Geldpolitik im einheitlichen Währungsraum nur einen Zins setzen kann, die Inflationsraten zwischen den Mitgliedstaaten des Euro aber (trotz aller Bemühungen um Konvergenz) zum Teil erheblich variierten. Dieses Problem wird in der Wirtschaftswissenschaft im Zusammenhang mit dem Stichwort "optimale Währungsräume" diskutiert. Idealerweise soll eine Währung in einem Gebiet gelten, das ökonomisch möglichst homogen ist und in dem die Mobilität der Wirtschaftsfaktoren hinreichend groß ist, um asymmetrische Schocks ausgleichen und auf eine ähnliche Wirtschaftsentwicklung hinwirken zu können.

Auch in anderen großen Währungsräumen wie etwa den USA gibt es regionale Unterschiede in der wirtschaftlichen Struktur und Entwicklung; doch zumindest sind dort die institutionellen Gegebenheiten konstant. In der Euro-Zone gibt es hingegen erhebliche institutionelle Unterschiede zwischen den Ländern, die von den Mechanismen der Fiskalpolitik bis zu denen der Lohnaushandlung reichen und die (neben der Geldpolitik) einen Einfluss auf die Inflationsrate haben.[13] Die nationalen Inflationsraten variieren deshalb zwischen den Staaten, die den Euro als gemeinsame Währung haben. Die EZB kann aber nicht auf nationale Gegebenheiten Rücksicht nehmen, sondern sie muss versuchen, die beste Geldpolitik für die Euro-Zone als Ganze zu betreiben. Je stärker sich die Inflationsraten unterscheiden, desto wahrscheinlicher ist es, dass die EZB-Politik für einige Länder unpassend ist, da sie für ihre spezifische Situation entweder zu expansiv oder zu restriktiv ist. Denn die Zentralbank kann ja nur den nominalen Zinssatz setzen; der reale Zinssatz hängt hingegen von den jeweiligen Inflationsraten ab.

Vor allem zu Beginn der Währungsunion variierten die Inflationsraten in der Euro-Zone erheblich, was zu deutlich unterschiedlichen Realzinsen führte. In den ohnehin bereits relativ stark wachsenden Ländern herrschte eine höhere Inflationsrate als in der von einer ausgeprägten Stabilitätskultur gekennzeichneten Bundesrepublik. Die Folge war, dass der Realzins in den Ländern niedriger war, die eine eher restriktive Geldpolitik benötigten (also einen höheren Leitzins), er aber relativ höher war in den preisstabilen Ländern, die eher eine expansive Geldpolitik (also einen niedrigeren Leitzins) zur Anregung ihres schwachen Wirtschaftswachstums benötigten - wie Deutschland. Tabelle 2 (siehe Tabelle 2 der PDF-Version) illustriert diesen Effekt am Beispiel des Jahres 2000 für ausgewählte Länder: Während damals die wachstumsschwache Bundesrepublik die höchsten Realzinsrate hatte, ergaben sich in Irland und Spanien durch hohe Inflationsraten sogar negative Realzinsen.

Fußnoten

12.
Obwohl in beiden Fällen von Zinssätzen die Rede ist, ist es wichtig zu unterscheiden, dass es sich im ersten Fall um einen am Markt gebildeten Zinssatz handelt, im letzten Fall aber um den von der Zentralbank gesetzten Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB refinanzieren können.
13.
Vgl. A. Busch (Anm. 10), S. 135-150.