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4.10.2010 | Von:
Nikolaus Werz

Revolutionsmythen zu Lateinamerika

Unterschiede - Gemeinsamkeiten

Die verschiedenen Ausgangsbedingungen von unabhängigen Solidaritätsbewegungen in der Bundesrepublik und einer von staatlicher Seite betriebenen Solidarität in der DDR sind eingangs benannt worden. Allerdings lässt sich die Trennung nicht immer aufrechterhalten, denn manche Westprojekte wurden aus dem Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (mit)finanziert oder gingen mit der Zeit in eine staatliche Förderung über. In der DDR wiederum verbanden sich zumindest in der Endphase mit der Solidaritätsarbeit Hoffnungen auf einen anderen Sozialismus.

Unabhängig davon bestanden Gemeinsamkeiten, die sich nach 1989/90 gehalten haben:

  • Lateinamerika erweist sich als mythenfähiger als Asien, Afrika oder der arabische Raum. Die Solidarisierung mit Vietnam oder China gehört der Vergangenheit an. China gilt in der Presse als Konkurrent, Afrika erscheint als "Problemgebiet", dem mit Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit oder aber Pop-Konzerten geholfen werden soll. Der Nahost-Konflikt wird nach dem Ende des Kalten Krieges im vereinigten Deutschland anders beurteilt als vor 1989.
  • Als Mythenträger erweisen sich einzelne Revolutionäre, die wie Che Guevara den Status von Pop-Ikonen erlangten, aber auch (politische) Kunst in Musik, Literatur und den Wandmalereien/Muralismus.
  • Besonders aus der Außenperspektive sind Revolutionen nicht nur reale, sondern auch imaginierte Ereignisse. Externen Beobachtern mag dies stärker auffallen: "Kulturgeschichte einer Verblendung" lautet der Untertitel einer in den USA verfassten Dissertation über Kuba und die Deutschen.[41] Die Autorin beschreibt darin eine zunehmend kulturalistische Sicht auf Kuba, die in den 1990er Jahren sogar zugenommen hat; dagegen standen bei Argentinien die Menschenrechte im Vordergrund.
  • Jugendorganisationen, kirchliche bzw. christliche Gruppen wurden in der Solidaritätsarbeit besonders aktiv. Von einem "Kontinent der Hoffnung" und einer "Option für die Armen" war nach der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellín/Kolumbien 1968 die Rede. Exponenten der Theologie der Befreiung wie Camilo Torres, Dom Helder Camara, Oscar Romero und andere spielten eine wichtige Rolle. Sie gewannen partiell einen Märtyrerstatus, der im bundesdeutschen Kontext sonst fehlt. Aufgrund der geringeren Bedeutung von Religion in Ostdeutschland war dieser Aspekt dort schwächer ausgeprägt.
  • Revolutionsmythen führten zur Aufwertung (kleinerer) Länder, die sonst in der Öffentlichkeit keine größere Wahrnehmung erlangt hätten. Kuba, Chile und Nicaragua erlangten nicht nur einen hohen Stellenwert, die politische Entwicklung dort wurde sogar auf den gesamten Halbkontinent übertragen. Brasilien, Mexiko oder Kolumbien schienen weniger wichtig zu sein.
  • Revolutionsmythen sind langlebig, weil sie mit Hoffnungen von Menschen zu tun haben. Im Falle Lateinamerikas spielt auch der Anti(nord)amerikanismus eine Rolle. Pedro Henriquez Ureña hatte schon 1925 geschrieben: "Wenn die Utopien in Amerika keine Früchte tragen, wo sollten sie dann Asyl finden?"[42]


Fußnoten

41.
Vgl. Jennifer Ruth Hosek, Cuba and the Germans: A Cultural History of an Infatuation, Berkeley 2004.
42.
Pedro Henriquez Ureña, Patria de la justicia, in: ders., La utopia de América, Caracas 1978, S. 10.

Dossier

Lateinamerika

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