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27.9.2010 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Zwar stießen von den 1960er Jahren an Intellektuelle auf erhebliche öffentliche Resonanz. Doch nach dem Ende der Blockkonfrontation schien die Suche nach Alternativen zum Gegenwärtigen müßig.

Intellektuelle hatten in Deutschland selten einen guten Ruf - im Gegensatz etwa zu Frankreich. Die Nationalsozialisten verbrannten "undeutsche" Bücher und etikettierten zahlreiche echte oder vermeintliche Gegner ihrer Gewaltherrschaft als "Intellektuelle". Diese geistigen Verwüstungen wirkten lange nach. In der jungen Bundesrepublik war der Anti-Intellektuellenaffekt weit verbreitet. Wortmeldungen zum politischen und gesellschaftlichen Neuanfang fanden wenig Widerhall, der schnelle Wiederaufbau hatte Vorrang. In der frühen DDR gehörten "Kosmopolitismus" und "bürgerlicher Intellektualismus" zu den schwersten Vorwürfen gegen Oppositionelle innerhalb und auch außerhalb der Staatspartei.

Zwar stießen von den 1960er Jahren an Intellektuelle, die sich wortmächtig einmischen und mit moralischer Autorität die Angelegenheiten der res publica diskutieren, auch in Deutschland auf erhebliche Resonanz. Doch nach dem Ende der Blockkonfrontation schien die Suche nach Alternativen zum Gegenwärtigen müßig. Die philosophische Postmoderne hatte gar ein "Grabmal" für den Großintellektuellen angelegt.

Im globalen, entfesselten Kapitalismus gelten Intellektuelle bisweilen als dauerpräsente mediale Hofnarren. Immer kleinteiligeres Fachwissen ist gefragt. Wem sollte heute ein J'accuse gelten? Oder erleben wir trotz der scheinbaren Alternativlosigkeit des existierenden Wirtschafts- und Vergesellschaftungsmodells angesichts der jüngsten Krisen nun die "Rückkehr des politischen Intellektuellen"? Der im August 2010 gestorbene Historiker Tony Judt hat sie in seinem letzten großen Buch ausgerufen. Wir können ihn nicht mehr fragen: Sein plötzlicher Tod hat verhindert, dass dieses Heft mit einem Originalbeitrag von ihm erscheinen kann, wie es vereinbart worden war.


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