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27.9.2010 | Von:
Hauke Brunkhorst

Die Macht der Intellektuellen

Intellektuelle haben keine Macht, wenn damit bindendes Entscheiden gemeint ist. Was sie haben, ist mehr oder minder großer Einfluss, der sich auf Reputation, rhetorisches Geschick und Argumente stützt.

Einleitung

Intellektuelle haben keine Macht, wenn damit die Kompetenz bindenden Entscheidens gemeint ist. Was sie haben, ist mehr oder minder großer Einfluss, der sich nicht nur auf - wie Jean-Paul Sartre sagte - "missbrauchte" Berühmtheit oder Reputation und rhetorisches Geschick stützen kann, sondern auch auf die rationale Bindungskraft von Argumenten als Deckungsreserve zurückgreifen muss.

Manchmal haben sie auch Einfluss auf politische Führer, manchmal können sie sogar breite Volksstimmungen herumreißen, wenn diese nur ambivalent genug sind. Dafür ist die französische Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts ein ebenso gutes Beispiel wie der deutsche Historikerstreit der 1980er Jahre. In beiden Fällen ist das Pendel zugunsten der Linken ausgeschlagen, aber das muss es natürlich keineswegs.

Man denke nur an die neokonservative "Tendenzwende" Ende der 1970er Jahre in der Bundesrepublik, die freilich von Intellektuellen ausgerufen wurde, die sich selbst als "Gegenintellektuelle" verstanden, oder die fast zeitgleiche, scharfe Wende der britischen und US-amerikanischen Politik nach rechts unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher, die von neokonservativen Intellektuellen und neoliberalen Ökonomen stark beeinflusst wurde und die ohnehin nie gebrochene, nach 1968 aber stark angeschlagene kulturelle Hegemonie der Konservativen mit frischem Blut versorgt und für eine bis dahin beispiellose Globalisierung fit gemacht hat. Das hat sogar zu dem bizarren Vorschlag geführt, die Tätigkeit der Intellektuellen, die immer - auch noch von den amerikanischen Neokonservativen - als Kritik verstanden wurde, völlig ins Affirmative zu wenden und durch "Preisen" (Hans Ulrich Gumbrecht) zu ersetzen.

Revolution

Nur in den "Drang- und Sturmperioden" (Karl Marx) der großen Revolutionen vermischen sich die Rollen von Intellektuellen und Machthabern zur Ununterscheidbarkeit, und Intellektuelle, die es bleiben, stürzen Ständeversammlungen (Abbé Sieyes), führen Armeen in Bürgerkriege (Leo Trotzki), verfassen Unabhängigkeits- und Rechteerklärungen und beschaffen ihnen die nötigen Mehrheiten (Abbé Sieyes, Thomas Jefferson). Sie wüten im Wohlfahrtsausschuss (Maximilien Robespierre), ohne aufzuhören, die Welt immer wieder neu zu interpretieren und ihnen ihre bessere Moral vorzuhalten oder die Verfassungstheorie weiterzuentwickeln (Abbé Sieyes). Wo sich die "dramatischen Effekte" "überbieten", "Menschen und Dinge in Feuerbrillanten gefasst" scheinen und "die Ekstase der Geist jedes Tages" ist, kommt sogar die Kunst für Augenblicke an die Macht, etwa der Schriftsteller Kurt Eisner in der Münchener Räterepublik 1918/19. "Aber sie (ist) kurzlebig" und hat, wie Marx wusste, "bald (...) ihren Höhepunkt erreicht". Dann ist es mit der allzu scheinhaften Herrschaft der Intellektuellen auch schon wieder vorbei, und "ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt."[1]

Auf Thomas Jefferson und James Madison folgte Andrew Jackson, auf Lenin Stalin, auf Robespierre und Napoleon I dessen Neffe Louis Bonaparte, auf die große Tragödie die Farce. Nur zu Beginn begünstigt die Revolution die Macht der Intellektuellen, und wenn sie auf Dauer Machthaber werden, müssen sie bei Strafe ihres Untergangs das Spiel der Macht betreiben und die intellektuelle Rolle vergessen. Statt intervenierend auf entzweiende Polemik müssen sie sich auf den Gebrauch schneidender Instrumente und aufs Memoirenschreiben verlegen, dem postintellektuellen Genre schlechthin; auch wenn sich gelegentlich jemand findet, der es für intellektuelle Zwecke missbraucht und die Erinnerung einen neuen Konflikt um öffentliche Angelegenheiten auslöst.

Die plötzliche Verwirrung der Rollen des Intellektuellen und des Machthabers in den großen Revolutionen hängt eng mit der Differenz der revolutionären zur alltäglichen Politik eng zusammen. In den Revolutionen sind es nämlich die neuen Ideen, die Weichen künftiger Entwicklung stellen (Max Weber) und vor allem Möglichkeiten versperren, die zuvor problemlos verfügbar waren. In den wenigen Augenblicken der Geschichte, in denen grundlegende Legitimationsverhältnisse umgewälzt werden, wird Intellektualismus zur politischen Option und die gewaltlose Idee zur materiellen Gewalt. Die Revolution ist die Stunde des allgemeinen Intellektuellen (Jean-Paul Sartre) - und danach regrediert er nicht selten zum Nostalgiker der Revolution oder verschreibt sich, besonders nach scheiternden Revolutionen, als dienstbarer Geist der Realpolitik und stellt das Programm von Revolution auf Imperialismus um, ein häufiges Schicksal von Achtzehnhundertachtundvierzigern und Neunzehnhundertachtundsechzigern.

Kommunikative Macht

Intellektueller Einfluss und politische Macht sind trotz sporadischer Rendezvous grundsätzlich verschiedene Größen. Es kommt hier natürlich darauf an, was man unter Macht versteht: konventionell das, was aus den Gewehrläufen kommt und in der Verfügungsgewalt über Zwangsmittel besteht, also administrative Macht - oder unkonventionell die kommunikative Macht der Straße, auf der sich die Leute versammeln, um miteinander zu reden und gemeinsam zu handeln. Intellektuelle haben sich seit je zu beiden Formen der Macht verhalten, aber das moderne Verständnis des Intellektuellen, dessen Begriff sich erst Ende des 19. Jahrhunderts in der Dreyfus-Affäre - als positiv gewendetes Negativstigma - durchsetzte, ist der, zumindest indirekte, Bezug auf kommunikative Macht konstitutiv.

Intellektuelle üben als Intellektuelle keine Macht aus, aber sie üben auch nicht einfach ihren gewöhnlichen Beruf als Rechtsanwalt, Schriftsteller, Musiker, Lehrer oder Wissenschaftler aus. Sie verhalten sich vielmehr als machtlose Akteure zur Macht, aber so, dass sie von den Kompetenzen, die sie in ihrer Berufspraxis erworben haben, öffentlichen Gebrauch machen. Das macht zum Beispiel ein Banker oder ein Autoschlosser, ein Industriearbeiter oder ein Kellner in der Regel nicht.

Der öffentliche Gebrauch akademischer oder schriftstellerischer Kompetenzen war dem Philosophen eines revolutionären Zeitalters, Immanuel Kant, noch das ganze öffentliche Leben. Für ihn gab es nur eine intellektuelle Öffentlichkeit, die er sich, wie die meisten seiner Zeitgenossen, die wie er mit den Jakobinern sympathisierten, nur als exklusiven Meinungsstreit des gebildeten Publikums vorstellen konnte, als Freiheit der Feder und nicht des vorlaut dummen Mundwerks. Aber die Massendemokratie hat die bürgerliche aufgehoben, auf die Kant und die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts sie noch - durchaus das eigene materielle Klasseninteresse im Blick - beschränkt wissen wollten.

Die Massendemokratie des 20. Jahrhunderts hat die republikanische Freiheit des öffentlichen Lebens egalisiert, die verspäteten Privilegien der Bildung und der Profession (in Deutschland erst seit Beginn der jüngsten Globalisierung) beseitigt und die Elite in eine schäbige Pension verwandelt, die jedem offensteht. Das Bürgertum taugt seitdem nur noch für intellektuelle Nostalgien, und beim Stichwort Elite streitet sich die hoch bezahlte Elite der Talkshows, Journalisten mit ihrem handverlesenen Publikum, darüber, ob die weniger verdienenden Spitzenpolitiker oder die Spitzenbanker, die von allen am meisten verdienen, die neue Elite darstellen sollten, ohne dass noch jemand daran dächte, das selbstreferentiell geschlossene, elektronische System der Darstellung des Darstellens zu verlassen.

Das alles befestigt die scheinbar unverbrüchliche kulturelle Hegemonie der Neokonservativen, ändert aber nichts daran, dass die Stimme des oder der Intellektuellen zu einer von vielen im undurchdringlichen Gewirr der Stimmen geworden ist. Auch wenn der öffentliche Gebrauch von Fachkompetenz, und sei es nur der, besser schreiben zu können als die meisten, ihr besonderes Merkmal ist: Die Intellektuellen haben mit den Resten des untergegangenen Paternalismus früherer Zeiten (Konrad Adenauer) jedes Privileg des Besserwissenden verloren.

Öffentlichen Gebrauch oder "Missbrauch" (Jean-Paul Sartre) von ihrer Fachkompetenz machen die Intellektuellen, wenn sie die Macht adressieren, sei es die kommunikative der Straße, sei es die administrative des Büros. Als Gutachter, Experte und Berater vor Parlamentsausschüssen, in Regierungskommissionen oder vor Gericht haben Intellektuelle bisweilen einen direkten (aber meist überschätzten) Einfluss auf Leute, die Macht ausüben, indem sie bindend entscheiden. Hier ist ihre spezielle Fachkompetenz, mehr noch, ein der jeweiligen Macht brauchbares Ergebnis gefragt, auch wenn es nicht immer geliefert wird.

Spätestens aber, wenn sie vor die laufenden Kameras treten oder, wie heute üblich, öffentlich angegriffen werden oder mit Gegengutachten konfrontiert sind, die andere Konjunkturdaten präsentieren oder längere Laufzeiten berechnen, machen sie den Schritt von der administrativ institutionalisierten Öffentlichkeit, die aufs bindende Entscheiden spezialisiert ist, zur diffusen, allgemeinen und verallgemeinernden Öffentlichkeit, in der kommunikative Macht spontan entsteht und wieder vergeht. Erst wenn ihre institutionelle Abschirmung zur allgemeinen Öffentlichkeit durchbrochen wird, wenn der Vortrag des Gerichtsgutachters oder das Papier des Bevölkerungsstatistikers öffentlich attackiert und zerrissen wird oder wenn andere Experten den institutionell geschützten Rollenspieler öffentlich herausfordern, werden Berater, Gutachter, Experten zu Intellektuellen.

Fußnoten

1.
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Kommentar von Hauke Brunkhorst, Frankfurt/M. 2007, S. 13.

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