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25.6.2010 | Von:
Michael Rauhut

Held der Arbeiterklasse: Zur John-Lennon-Rezeption in der DDR

Das John-Lennon-Bild der DDR

Einen festen Platz auf der Agenda der Fanklubs besaß das Gedenken an John Lennon. Der Ex-Beatle war am 8. Dezember 1980 in New York erschossen worden. An diesen Tag erinnerten private Treffen wie etwa das jährliche "In Memoriam John Lennon" in Weimar. Lennons Ermordung löste aber auch ein starkes Medienecho aus. Schon in den 1960er und 1970er Jahren hatte ihn die DDR-Presse zum "Beatles-Chef" und "Einstein vom Dienst" gekrönt, der sich zur Antithese des "Showtalents"[17] Paul McCartney entwickelt und dabei so manchen Irrweg beschritten habe: "Unter dem Einfluss der unkommunikativen Yoko Ono wurde er allerdings auch zu unfruchtbaren kulturavantgardistischen und esoterischen Experimenten getrieben."[18] Lennons Drogentrips und sexuelle Eskapaden, die unkonventionellen bed-ins und provokanten Aktfotos stießen auf Widerspruch. Über ein "recht unappetitliches" Bild, das ihn und Yoko Ono "völlig hüllenlos zeigt", hieß es: "Der Ober-Beatle gab sich also auch bei der Herausstellung des Pornographischen für die von den imperialistischen Meinungsmachern gewünschte ,Enthemmung' der Menschen her."[19]

Nach den tödlichen Schüssen verstummte die Kritik. Die ostdeutschen Medien zeigten sich in gleicher Weise von der schillernden Persönlichkeit fasziniert wie die westlichen Stichwortgeber. John Lennon, der "eigenwilligste, kompromissloseste" und dabei "sensibelste und konsequenteste der Beatles",[20] wurde als "Rock-Rebell" gefeiert, ein Visionär, der "Imagine" und "Power to the People" sang und couragiert die Faust ballte: "Dein Protest gegen den Vietnam-Krieg war unüberhörbar, hat viele erreicht. Du schriebst aus Sehnsucht nach Liebe und Harmonie, was Frieden für dich immer einschloss, aus einem gesunden Gerechtigkeitssinn heraus ,Cold Turkey' oder ,Woman is the Nigger of the World'. Lehntest dich auf gegen Rassenhass, Frauenunterdrückung, Drogenmissbrauch. Suchtest deinen Weg, hin und her gerissen zwischen der korrupten Welt des Geldes und dem Kampf der Arbeiterklasse, der du dich - stammend aus der Industriestadt Liverpool - zugehörig fühltest."[21] Eine 80-seitige Sonderbroschüre rechtfertigte die Auseinandersetzung mit Lennon wie folgt: Der "Friedenskampf als wichtigste Forderung der Gegenwart zwingt uns, nach Verbündeten zu suchen".[22]

Die Propaganda stellte Lennons Tod in den Kontext einer menschenverachtenden Ideologie, die zu steigender "Gewalt und Brutalität" führe. John Lennon sei "nur eines von jährlich 21000 Mordopfern"[23] in den USA. Weil er das System entlarvt habe, wäre der Musiker ins Fadenkreuz "reaktionärer Scharfmacher"[24] geraten, passe die Bluttat "den Herrschenden in der Welt des Kapitals (...) nur zu gut ins Konzept".[25] Ausgiebig wurden Verschwörungstheorien zitiert, die eine Spur zum FBI verfolgten. Der amerikanische Geschichtsprofessor Jon Wiener hatte die jahrelange Bespitzelung Lennons aufgedeckt und später einen Teil des Dossiers präsentiert.[26] Obwohl Wiener von Anbeginn keinen Zweifel daran ließ, dass der Mord das Werk eines Wahnsinnigen war, wucherten Spekulationen. Die Schlagzeilen lauteten "USA: Jagd auf John Lennon" oder "Ermordete die CIA John Lennon?"[27] Weil das Gros der Akten mit der Begründung, ihr Inhalt "gefährde die nationale Sicherheit",[28] weiterhin unter Verschluss blieb, mutmaßte man: "Lennon war politisch unbequem. So waren es John F. Kennedy und Dr. Martin Luther King. Letztere wurden nachweislich Opfer geheimdienstlicher Anschläge. Viele Fakten der Lennon-Affäre erinnern an die beiden anderen Morde."[29] Ein ähnlicher Tenor zog sich durch die Postillen der Fans, die den Todesschützen, "so ein gottverdammtes Schwein",[30] an den Pranger stellten und ihr Idol zum Märtyrer verklärten.

Kritische Stimmen warnten vor der "Euphorie der Leichenfledderer"[31] und meinten damit Lennons politische Kastration in der DDR. Diesen Trend nahm auch der Song "Mit einem Mal" der Ost-Berliner Hansi Biebl Band aufs Korn:

Mit einem Mal
war er so gut
sang er so schön
und intelligent
gegen den Krieg
gab Orden zurück
und denk mal zurück
an die Beatles


Mit einem Mal
war er so groß
war er doch unser Mann
unser Mann


Wisst ihr nicht mehr
wie es mal hieß
da war er nur
der Millionär
mit einem Schloss und Rolls-Royce
japanischer Frau
und viel zu langem Haar
dieser Beatle


Mit einem Mal ...

Jetzt ist er tot
wehrt sich nicht mehr
jetzt ist er tot
war jedermanns Freund
und er bekommt, wenn es geht
einen Orden noch drauf
den er garantiert
nicht mehr zurückgeben kann


Mit einem Mal ...[32]

Das Lied wurde am 4. April 1981 in der Fernsehsendung "Rund" ausgestrahlt; danach landete es auf dem Index. Im Falle der Lennon-Hommage "Junge aus Liverpool" von Katrin Lindner und Schubert-Band waren die Zensoren wachsamer. Sie bremsten den spontan verfassten Text in erster Instanz aus, weil der Refrain in Anlehnung an "All You Need is Love" nach Pazifismus roch: "Liebe - durch dich leben wir."[33] Das Urteil lautete: "Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden, nicht mit Liebe! Abgelehnt!"[34] Nach zähem Ringen wurde das Stück dann doch im Januar 1981 vom Rundfunk produziert. Dort lief es neben anderen Songs für John Lennon, die der Komponistenverband der DDR in Kooperation mit dem Funkhaus in Auftrag gegeben hatte. Parallel zu dieser Kampagne schrieben die Puhdys die Ballade "He, John". Sie wurde ein Hit und von den Lesern der FDJ-Zeitung "Junge Welt" zum "Titel des Jahres 1981" erkoren. Ob der Erfolg auch dem Vers "Lieder schweigen nicht"[35] geschuldet war, den man als Trotz gegen die "Unfreiheit" und "den Wahn- und Schwachsinn der Staatsdiktatur"[36] deuten konnte, bleibt ungewiss.

Unverblümt, weil nicht zwischen den Zeilen versteckt, löckte die Botschaft einer deutschsprachigen Coverversion von "Imagine" wider den Stachel, die Liedermacher Gerhard Gundermann 1985 verfasst hatte und auf Konzerten seiner Brigade Feuerstein vortrug: "Nun stell dir vor, die Völker vertraun sich, grenzenlos. Du kannst nach Westen trampen, kommst wieder heim von Ost." Doch auch in den Songs von John Lennon selbst sahen viele ihre DDR-Erfahrung gespiegelt. "Give Peace a Chance" wurde in zahllosen Diskotheken als Protestritual zelebriert, so wie man es aus dem Film "Blutige Erdbeeren"[37] kannte, der 1973 in die volkseigenen Kinos kam: Jugendliche knieten im Kreis nieder, sangen die Zeilen wie eine Beschwörungsformel und schlugen mit ihren Händen den Rhythmus auf den Boden.

John Lennon avancierte in vielfältiger Weise zum politischen Symbol. Kompetente Pressestimmen, die ihn zuerst als genialen Künstler sahen und auf anbiedernde Rhetorik verzichteten, waren eher selten. Als im Sommer 1989 der Ost-Berliner Verlag Neues Leben den umfänglichen "John-Lennon-Report"[38] auf den Markt brachte, ließ die Fachkritik kein gutes Haar an Buch und Autor. Er kenne Lennons Musik nicht und würde statt seriös zu analysieren die sattsam bekannten Plattitüden auswalzen: "Von Seite zu Seite stolpert er über von ihm nicht durchschaute Zusammenhänge."[39]

Sachkundige Reflexionen, die ohne Klatsch und ideologischen Zierrat auskamen, fand man bei den Bildungssendern und manchmal in den Nischen der Jugendprogramme. Radio DDR II strahlte am 26. Februar 1981 das 85-minütige Feature "Gedankenspiele" aus, das den Musiker als "Avantgardisten" porträtierte und in die Nähe eines Arnold Schönberg rückte: Beide waren Revolutionäre. Die intellektuellen Grübeleien und das hermeneutische Taxieren von "leeren Quinten" und dem "Figurenvokabular der Affektenlehre"[40] mochten vielleicht so manchen Lennon-Liebhaber überfordern - trotzdem ging das Manuskript von Hand zu Hand.

Gleiches geschah dem Mitschnitt eines Experten-Interviews, das am 26. Januar 1987, zwischen 22.00 und 23.00 Uhr, bei DT 64 lief. Unter dem Titel "John Lennon - ein Lyriker?" wurde die unbekanntere Seite des Künstlers vorgestellt. Als besonderen Service bot die Redaktion an: "Wir verschicken an Interessenten eine kleine Auswahl von Lennons Gedichten, Sketchen und Liedtexten."[41] Qualifizierte Kommentare lieferte der Literaturwissenschaftler Roland Berbig. Ihn hatte man als Fachkraft ins Studio gebeten. Berbig verfasste auch für das Beatles-Fanzine "The East Apple Scruffs" einen feinsinnigen Artikel über John Lennon. Er betrachtete das Vexierbild eines Mannes, der mit Erwartungen spielte, zwischen "Engagement und Opportunismus" pendelte: "Man getraut sich kaum, ihn ,beim Wort zu nehmen'. Doch gerade das fordert der Poet."[42] Damals wie heute.

Fußnoten

17.
Die Zitate entstammen der Illustrierten Zeit im Bild, 19 (1964) 28 und Neues Leben, 27 (1979) 7.
18.
Heinz Peter Hofmann, Beat-Lexikon, Berlin (Ost) 1977, S. 124.
19.
Ilona Regner, Der Weg der Beatles, Teil 8: Affären und Meditationen, in: Azet (Abendzeitung, Leipzig) vom 31.7.1969, S. 8.
20.
Zitate: Neues Leben, 29 (1981) 12 und Leipziger Volkszeitung vom 27./28.12.1980.
21.
Waltraud Heinze, Unvergessener Liverpooler Rock-Rebell. Gedanken zum 45. Geburtstag John Lennons, in: Junge Welt vom 9.10.1985, S. 4.
22.
Andreas Peglau, Alles was du brauchst ist Liebe. John Lennon zwischen 1967 und 1980, Extra-Ausgabe der Zeitschrift Profil, 1987, S. 62.
23.
Horst Schäfer, Sänger John Lennon nur eines von jährlich 21000 Mordopfern, in: ND vom 11.12.1980, S. 6.
24.
Roland Radics, Tod eines Beatle, in: Wochenpost, Nr. 51 vom 19.12.1980, S. 7.
25.
Rainer Bratfisch, Feriendisko, in: Die Trommel, 35 (1982) 26, S. 11.
26.
Vgl. Jon Wiener, Come Together. John Lennon in His Time, New York 1984.
27.
Neue Berliner Illustrierte (NBI), 39 (1983) 34 und Berliner Zeitung (BZ) vom 26./27.3.1983.
28.
Jon Wiener, Gimme Some Truth. The John Lennon FBI Files, Berkeley u.a. 1999, S. 1.
29.
Klaus Wilczynski, Ermordete die CIA John Lennon? FBI-Akten führen zu Fragen zum Tode des Ex-Beatles, in: BZ vom 26./27.3.1983, S. 4.
30.
Beatlemania, 3 (1984) 8.
31.
Ingolf Hädicke, John Lennon, in: Unterhaltungskunst, 13 (1981) 2, 3. Umschlagseite.
32.
Text: Thomas Schmitt, Musik: Hansi Biebl.
33.
Text: Ingeburg Branoner, Musik: Sieghart Schubert.
34.
Protokoll des Rundfunk-Lektorats vom 10.12. 1980, Deutsches Rundfunkarchiv, Bestand Hörfunk, HA Musik/Abt. TM 1980.
35.
Text: Burkhard Lasch, Musik: Dieter Birr, Peter Meyer.
36.
Aussage des Texters Burkhard Lasch vom 14.2. 1996, in: Edmund Thielow (Hrsg.), Beatlemania Made in Deutsche Demokratische Republik, Material des Beat Archivs Glauchau.
37.
Originaltitel: "The Strawberry Statement", USA 1970, Regie: Stuart Hagman.
38.
Rudi Benzien, John-Lennon-Report, Berlin (Ost) 1989.
39.
Jörg Utpatel, Trauriger Irrtum. John-Lennon-Report von Rudi Benzien, in: Sonntag, Nr. 47 vom 19.11.1989, S. 5.
40.
Ingolf Hädicke/Hans-Heinrich Raab, Gedankenspiele. John Lennons Weg zum Liederkomponisten, unveröff. Ms.
41.
Jugendradio DT 64, Sendeplatz "Szene", Transkription.
42.
Roland Berling [richtig: Berbig], "... und hätte mich als Poet versucht", in: The East Apple Scruffs, 2 (1987) 8.

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