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25.6.2010 | Von:
Götz Nordbruch

Islamische Jugendkulturen in Deutschland

Islamische Jugendszenen

In vielen Orten haben sich Vereine wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD), die Lifemakers oder die Lichtjugend für viele junge Muslime inzwischen als Alternativen zu den traditionellen Moscheevereinen und großen Islamverbänden etabliert. Über ihr zivilgesellschaftliches und soziales Engagement in diesen jungen Organisationen - etwa in Projekten zur Unterstützung von Obdachlosen oder zur Gefängnisseelsorge - bringen sich junge Muslime verstärkt in die Gesellschaft ein und zeigen ihren Wunsch, als deutsche Muslime in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Dennoch spielen für Jugendliche auch die traditionellen Verbände wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder die Islamische Gemeinschaft Milli Görü? (IGMG) weiterhin eine wichtige Rolle. Gerade die IGMG, die wegen ihrer islamistischen Ausrichtung von den Verfassungsschutzämtern beobachtet wird, widmet der Arbeit mit Jugendlichen auch aus religionspolitischen Erwägungen besondere Aufmerksamkeit. Die Stärkung der islamischen Identität und die Erziehung zu "guten Muslimen" gelten ihr als Voraussetzung für eine gelungene Integration in Deutschland.[14] Projekte wie die Initiative "Großer Bruder, kleiner Bruder", in der junge Erwachsene eine Mentorenrolle für jüngere Muslime übernehmen, finden unter türkischsprachigen Jugendlichen Zuspruch. Mit Freizeitaktivitäten, Schulaufgabenhilfe und Ferienprogrammen bietet die IGMG Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten, ihre Freizeit entsprechend traditioneller Lebensstile zu gestalten.

Doch auch hier lässt sich in der jüngeren Vergangenheit ein generationeller Wandel beobachten, der sich nicht zuletzt in einer Kritik der etablierten Strukturen und der ideologischen Leitbilder niederschlägt. Sowohl unter lokalen Funktionären als auch unter medial besonders aktiven jüngeren Anhängern der IGMG finden sich Anzeichen einer Neuorientierung, die auf eine Distanzierung von der türkisch dominierten Gründergeneration und eine stärkere Orientierung an der deutschen Gesellschaft hinausläuft.[15]

Darin spiegelt sich eine Parallele zu jener jugendkulturellen Strömung wider, die von Julia Gerlach mit dem Begriff "Pop-Islam" beschrieben wurde. Auch hier kommt dem Wunsch nach einer selbständigen Auseinandersetzung mit der Religion eine zentrale Bedeutung zu. Trotz der Bindungen, die Vereine und Initiativen wie die MJD an etablierte Verbände wie die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) unterhalten, betonen sie ihr Bemühen, eigene Antworten auf religiöse Fragen im Alltag von jungen Muslimen zu finden. Auch sie kommen dabei allerdings nicht um etablierte religiöse Autoritäten herum, die sie heranziehen, wenn es beispielsweise darum geht zu klären, ob Islam und Musik vereinbar sind.

Gleichwohl bedeutet die Übernahme von modernen jugendkulturellen Stilen und Trends auch eine Annäherung an das nicht-islamische Umfeld. Die Popularität von Lifestyle-Labels wie Styleislam, die hippe Streetwear und modische Accessoires mit islamischen Botschaften vertreiben, verweist auf eine zunehmende Orientierung an jugendlichen Lebenswelten, in denen sich auch Nicht-Muslime bewegen. Das Sortiment solcher Modelabels umfasst daher nicht zufällig neben Gebetsteppichen und islamischen Malbüchern für Kinder auch Kapuzenpullover, Mousepads und Kaffeebecher für das Büro. Die Ausstrahlung dieses islamischen Lifestyles wird durch die Nutzung der neuen Medien noch verstärkt. Onlinecommunities wie myumma.de orientieren sich im Auftritt an diesen Trends und ergänzen die Angebote von nicht-religiösen sozialen Netzwerken wie Facebook und StudiVZ. Oft nutzen junge Muslime sowohl religiöse als auch nicht-religiöse Medien.

Die Unschärfe des Begriffes "Pop-Islam" wird gerade an den Rändern dieser Szene deutlich. Insbesondere im amerikanischen und britischen Kontext lassen sich Entwicklungen erkennen, die in Ansätzen auch in Deutschland zu beobachten sind. Zum einen geht es dabei um eine zunehmende Öffnung zum jugendkulturellen Mainstream, für die die Erfolge der amerikanisch-islamischen Punk-Band The Kominas oder der dänischen Hip-Hop-Band Outlandish stehen.[16] Zum anderen deutet die Popularität von Internetseiten wie muslimhiphop.net auf eine Übernahme von popkulturellen Elementen in radikal-islamistischen Strömungen hin. Hier sind es gerade auch Jugendliche aus dem Umfeld der in Deutschland verbotenen Gruppierung Hizb ut-Tahrir (arabisch: "Partei der Befreiung"), die modernen Lifestyle und Musik mit explizit islamistischen Botschaften vermischen.

Im Internet dominiert dagegen eine Strömung, die sich einem offensiven Werben für eine rigide Auslegung des Islam verschrieben hat. Auf Seiten wie einladungzumparadies.de oder diewahrheitimherzen.de bieten Vertreter dieser Strömung Informationen zum Islam und zu einem gottgefälligen Leben. Der Salafismus, dem diese Initiativen zuzuordnen sind, orientiert sich ausdrücklich am Beispiel der Salaf, der ersten Generation der Muslime, und lehnt jegliche "Neuerungen" gegenüber den ursprünglichen Lehren des Koran und der Sunna, den Erzählungen aus dem Leben Muhammads, ab.[17] Sowohl im Erscheinungsbild, das oft von traditioneller arabischer Kleidung, dem Tragen von Bärten und nicht selten auch der Vollverschleierung der Frau geprägt ist, als auch in der Lehre unterscheiden sich die Anhänger dieser Strömung ausdrücklich von Vereinen wie der MJD. Dennoch haben sie durch das offensive Auftreten ihrer oft sehr charismatischen Prediger und die Organisation von öffentlichen Vorträgen und sogenannten Islamseminaren mittlerweile in vielen deutschen Städten eine beachtliche Anhängerschaft.

Auch hier ist das Angebot einer klar definierten Gemeinschaft gerade für Jugendliche attraktiv. Auffallend ist dabei das ambivalente Verhältnis zur nicht-islamischen Umwelt. Zwar betonen die Verfechter dieser Lehre ihre Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft. Zugleich definieren sie sich aber ausdrücklich als Außenseiter, die die richtige Lehre gegenüber einer als ungläubig beschriebenen Umwelt vertreten. Das Leben Muhammads gilt hier als Beispiel für die Muslime in Deutschland. Schließlich sei auch Muhammad zunächst als "Fremder" angefeindet worden, bevor er sich mit seiner Botschaft gegenüber seinen Widersachern habe durchsetzen können. Rassistische Anfeindungen bekräftigen daher den Rückzug auf die Gemeinschaft der Muslime.

Die Attraktivität von eindeutigen Gemeinschaftsangeboten wird zudem in der Popularität von Szenen deutlich, in denen neben dem Islam auch die ethnische Identität herausgestellt wird. So gewann die türkisch-islamische Bewegung der Grauen Wölfe in den vergangenen Jahren mit ihrer sogenannten Idealisten-Jugend (Ülkücü Gençlik) unter türkischsprachigen Jugendlichen an Zulauf. Die Verknüpfung eines rechtsextrem-autoritären türkischen Nationalismus mit islamistischen Gesellschaftsvorstellungen bietet eine Orientierung, in der die ethnische und religiöse Identität gegenüber der Umwelt aufgewertet wird.

Ähnliche Tendenzen einer Selbstethnisierung über die Herkunft der Eltern und Großeltern finden sich unter Jugendlichen mit albanischem, libanesischem oder palästinensischem Familienhintergrund, für die der Rückbezug auf eine vermeintlich authentische ethnische Identität einen Statusgewinn im jugendlichen Alltag bedeutet.[18] Wie in anderen Jugendszenen äußert sich diese Orientierung auch im Auftreten gegenüber der Umwelt. Die Zurschaustellung nationaler Symbole durch Schmuck und Kleidung und das nicht selten aggressive Bekenntnis als "Albaner" oder "Libanese" durch selbstkomponierte Musik und Musikvideos sind Ausdrucksformen dieses Phänomens.

Fußnoten

14.
Vgl. "Großer Bruder, kleiner Bruder": Islamische Identität in der Kinder- und Jugendarbeit von Milli Görü?, in: Newsletter "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen", Nr. 11/April 2009, S. 5-7, online: www.ufuq.de/pdf/Newsletter 11-2009.pdf (3.5.2010).
15.
Zu den Entwicklungen innerhalb der IGMG siehe Werner Schiffauer, Nach dem Islamismus. Eine Ethnografie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görü?, Berlin 2010. Die Bedeutung dieses Generationenwechsels ist unter Beobachtern der IGMG allerdings umstritten. Vgl. Eberhard Seidel, Der Ethnologe und seine Boygroup, in: taz vom 3.4.2010. Auch die Verfassungsschutzämter zweifeln an einer grundsätzlichen Neuorientierung der IGMG.
16.
Vgl. dazu den Roman von Michael Muhammad Knight, The Taqwacores, New York 2004, aber auch Mark LeVine, Heavy Metal Islam. Rock, Resistance, and the Struggle for the Soul of Islam, New York 2008.
17.
Zum Einfluss des Salafismus im Internet, vgl. Ekkehard Rudolph, Salafistische Propaganda im Internet. Eine Analyse von Argumentationsmustern im Spannungsfeld von missionarischem Aktivismus, Islamismus und Gewaltlegitimation, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismus-Forschung 2009/2010, Brühl 2010, S. 486-501.
18.
Vgl. Kemal Bozay, "... ich bin stolz, Türke zu sein!" Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, Schwalbach/Ts. 2005; Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft. Exjugoslawen, Russlanddeutsche, Türken und Polen, Berlin 2010.

Dossier

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