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10.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Modernisierung der erinnerungskulturellen Praxis

Da sich die Aneignungsformen von Geschichte mit den Generationen und dem Zeitabstand zu den Ereignissen beständig verändern, kann man die bislang erfolgreiche Erinnerungs- und Vermittlungspraxis nicht einfach fortschreiben, sondern muss sie beständig modernisieren. Besonders wichtig ist die zeitnahe Auswertung neuer wissenschaftlicher Fragestellungen und Ergebnisse für pädagogische Handlungsfelder. So können neuere Erkenntnisse zur breiten Zustimmung der Bevölkerung zur nationalsozialistischen Politik oder zur Tötungsbereitschaft "ganz normaler Menschen" einleuchtende Gegenwartsbezüge und Anschlüsse an die Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern herstellen. Auch hier erwachsen aus der multikulturellen Zusammensetzung der Schulklassen neue Anforderungen an Geschichtspädagogik und Gedenkstättenarbeit.

In diesem Zusammenhang fällt schmerzlich auf, dass es trotz der breiten öffentlichen Verankerung des Erinnerns und Gedenkens und der Etablierung entsprechender Orte und Anlässe bisher nicht gelungen ist, Vermittlungen zwischen der Holocaust- und Völkermordforschung und den Praxisfeldern Schule, politische Bildung, Stiftungen und Gedenkstätten systematisch zu verankern. Vieles hängt von individuellen Initiativen und Programmen ab, und wissenschaftliche Befunde, die für pädagogische Handlungsfelder wichtig sind, werden nicht systematisch an Anwender gebracht, sondern, falls überhaupt, durch engagierte Pädagogen abgerufen und in die pädagogische Arbeit zu implementieren versucht. Das hat häufig nicht nur die Vermittlung veralteten Wissens zur Folge, sondern auch eine generationsfixierte Ritualisierung, ja Versteinerung der pädagogischen Angebote, welche die emotionale Dimension des Geschichtsbewusstseins heutiger Rezipienten völlig vernachlässigen.

Zusammengefasst ergibt sich im europäischen Vergleich ein erheblicher Bedarf nach verbesserten Schnittstellen zwischen Wissenschaft und politischer Bildung, in denen Vermittlungsangebote auf dem Niveau des aktuellen Forschungsstands für unterschiedliche Abnehmergruppen entwickelt, koordiniert und angeregt werden. Während in vielen anderen europäischen Ländern in den vergangenen Jahren Zentren und Institute für Holocaust- und Genozidforschung (z.B. Kopenhagen Peace Research Institute; Holocaust Senteret Oslo) eingerichtet wurden, gibt es eine solche Einrichtung, die Forschung und Vermittlung integriert, ausgerechnet in Deutschland bislang nicht. Obwohl sich die deutsche Geschichtswissenschaft sehr intensiv mit Fragen der Holocaust- und Völkermordforschung befasst hat, ist die Vermittlungslandschaft weitgehend unkoordiniert geblieben.

Die Entwicklung modernisierter Konzepte der erinnerungskulturellen Arbeit leidet unter einem weiteren zentralen Defizit: Bislang ist die Wirkungs- und Rezeptionsforschung systematisch vernachlässigt worden. Das eklatante Defizit zeigt sich insbesondere im Vergleich zu Museen und speziell zu Geschichtsmuseen, die schon lange systematisch zu diesen Fragen forschen oder, wie etwa das Jüdische Museum Berlin, eigene Abteilungen für Besucherforschung unterhalten. Seit vielen Jahren wird über eine bundesweite Evaluation zumindest der großen Gedenkstätten gestritten. Dabei werden die Besonderheit der Gedenkstätten und ihre Vergleichbarkeit mit Museen ins Feld geführt. Ebenso herrscht Uneinigkeit, ob der Messung von Besucherströmen größere Aufmerksamkeit zuteil werden soll oder ob man sich vorrangig mit qualitativen Methoden der pädagogischen Arbeit annähern sollte.[13] Dass es dennoch Studien zu Gedenkstättenbesuchen gibt, ist einer großen Zahl von Einzelpersonen zu verdanken, die sich in der Regel im Rahmen von Qualifikationsarbeiten mit dieser Problematik beschäftigt haben. Hinzu kommen wenige von Gedenkstätten oder Landeszentralen für politische Bildung selbst initiierten Studien.[14]

Beide Desiderate hängen eng miteinander zusammen. Die Programmatik der erinnerungskulturellen Institutionen ist nach wie vor stark von ihrer eigenen Durchsetzungsgeschichte geprägt und betont die Notwendigkeit erstens der historischen Aufklärung und zweitens emphatisch eine Politik des Nicht-Vergessens. Beides ist durch die erfolgreiche Erinnerungspolitik der Bundesrepublik und nicht zuletzt durch die engagierte Arbeit vieler Gedenkstättenakteure heute erinnerungskultureller Standard, so dass insbesondere jüngere Besucherinnen und Besucher mit Vorwissen und Erinnerungsbereitschaft den erinnerungskulturellen Angeboten gegenübertreten und durch die Emphase der Vermittlungsrhetorik eher irritiert, wenn nicht abgeschreckt werden. Wer unablässig gesagt bekommt, er dürfe nicht vergessen, obwohl er nie die Absicht zu vergessen hatte, wird sich irgendwann genervt anderen Dingen zuwenden. Der Geschichtsdidaktiker und langjährige Leiter der Gedenkstätte Villa ten Hompel, Alfons Kenkmann, hat pointiert formuliert, dass die "junge Generation auf eine Generation von Gedenkstättenpädagogen [trifft], die mit ihren Einrichtungen alt geworden sind und sich nun der Entwicklung von den Gedenk- zu Lernorten zu stellen haben. Diese Befunde verlangen eine Offenheit für neue museumsdidaktische Konzeptionen und damit eine Überarbeitung der vor bis zu drei Dekaden entstandenen musealen und geschichtsdidaktischen Angebote."[15]

Fußnoten

13.
Teilweise dokumentiert ist die Diskussion in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Gedenkstätten und Besucherforschung, Bonn 2004.
14.
Einen Überblick zur Besucherforschung in Gedenkstätten und historischen Ausstellungen liefert Bert Pampel, Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist. Zur Wirkung von Gedenkstättenbesuchen auf ihre Besucher, Frankfurt/M. 2007.
15.
Alfons Kenkmann, Fokussierung oder Vielfalt? Aktuelle Diskussionen um die Struktur der NS-Gedenkstätten - Berlin und Nordrhein-Westfalen im Vergleich, in: Katrin Hammerstein et al. (Hrsg.), Aufarbeitung der Diktatur - Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 59-69, hier S. 68f.