APUZ Dossier Bild

10.6.2010 | Von:
Tobias Winstel

Der Geschichte ins Gesicht sehen

Mehr Biographie wagen

Unter dem Strich ist die Biographie also ein Genre, das wichtige wissenschaftliche Fragen aufwerfen und beantworten kann und sich zugleich beim Publikum größter Beliebtheit erfreut. Natürlich macht sie genau diese Kombination auch für Verlage besonders attraktiv, denn mit ihrer Hilfe können Gräben und Grenzen überwunden werden: Von der Wissenschaft zum sogenannten interessierten Laien, vom Forscher zum Leser, von der Fach- in die Sachbuchabteilung. Auch die Zunft der Historiker erkennt darin für sich zunehmend eine Chance. Nicht zuletzt übrigens, weil sie sich wie andere Disziplinen auch immer mehr zu rüsten hat für die visuelle und multimediale Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse. Bedeutsame Begegnungen, denkwürdige Szenen, existentielle Krisen, fundamentale persönliche Erfolge und Niederlagen, abenteuerliche Begebenheiten, rätselhaftes menschliches Handeln - alles, was das Leben merklicher Gestalten hergibt, lässt sich eben nicht nur gut aufschreiben, sondern auch darstellen.

Das gilt natürlich in besonderem Maße für das (inzwischen nicht mehr ganz so) neue Medium Internet. Wenn ein guter Teil historischer Darstellung einmal nicht mehr über bedrucktes Papier, sondern via Hypertexte, Links und Clips vermittelt wird, dann kann die biographische Darstellung ihren reichen Verweisungscharakter ausspielen.[19] "rowohlts monographien" hat das bereits erkannt und wird künftig mit Filmausschnitten, Textdokumenten und Landkarten angereicherte, multimediale Biographien auf den Markt bringen.[20] Dieser Schritt mag auch eine Reaktion darauf sein, dass die kostenlose Konkurrenz aus dem Internet - namentlich Wikipedia - gerade den kurz gefassten Überblicksbiographien harte Konkurrenz bietet. Aber diese Entwicklung zeigt eben auch, welche Chancen für das Genre Biographie in der digitalen Welt liegen.

Wir sollten daher beherzt den Fuß in die Tür stellen, die sich uns hier öffnet. Wir, das sind nicht nur die Historiker, sondern auch die Verlage, die Ausstellungsmacher, die Fernsehredakteure. Wir sollten uns interessieren für das Leben der Anführer und Revolutionäre, der Unternehmer und Dichter, der Täter und Opfer. Familien, Gruppen oder gar Generationen sollten in den Blick geraten; die politischen Taten oder die intellektuell-künstlerische Einzelleistung; eine bestimmte Lebensphase oder die Zeit von der Geburt bis zum Tod. Und wir sollten nicht nur das Leben der "großen" Männer und Frauen besichtigen, sondern uns auch den Figuren der zweiten Reihe widmen, den vergessenen und aus dem großen historischen Gemälde hinausgedrängten - den Handlangern, den Spionen, den wenig bekannten Widerstandskämpfern, den Abgeordneten, den "Hexen", den Wissenschaftlern, den Berichterstattern, den Staatssekretären, den Stellvertretern.[21] "Biographiert mich!", so meint man es manchmal aus den Tiefen der Geschichte rufen zu hören, und hier stehen wir erst am Anfang. Die Kulturhistorikerin Sabina Loriga bringt es auf den Punkt, wenn sie schreibt: "Il faut repeupler le passé", die Vergangenheit müsse wieder bevölkert werden, so ihre ebenso knappe wie eingängige Formel.[22]

Auch wenn es schwer fällt, die Widersprüchlichkeit und Komplexität des Lebens, die sich in Lebensgeschichten spiegelt, fair zu bewerten; auch wenn Objektivität und Neutralität gegenüber einer Person im Grunde nicht zu erreichen sind: Es tut gut, wenn Geschichte bisweilen auch mit Herzblut und Verve geschrieben wird, wenn gelegentlich Bewunderung oder Abscheu die historischen Darstellungen durchwehen, wenn Dramen als solche ernst genommen und erzählt werden. Das gilt für alle historiographischen Genres, für die Biographie aber in besonderem Maße. Dann fällt es auch leichter, sich gegenüber der Geschichte zu verhalten, ihr ins Gesicht zu sehen.

Fußnoten

19.
Vgl. dazu die Artikel von Christian Klein/Lukas Werner und Britt-Marie Schuster in: Ch. Klein (Anm. 1).
20.
Zuerst mit einer Biographie über Albert Einstein; vgl. Buchreport vom 25.3.2010, S. 11.
21.
Vgl. z.B.T. Bauer et al. (Anm. 7).
22.
Sabina Loriga, Le petit x. De la biographie à l'histoire, Paris 2010.