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4.3.2010 | Von:
Wilfried Rott

Abschied von West-Berlin

Wechsel und Wandel im Selbstverständnis

Im Laufe der Jahre veränderte sich das Selbstverständnis West-Berlins; zudem variierte es zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen erheblich. Die erfolgreich überstandene Blockade von 1948/49 stärkte das Selbstbewusstsein dieser Generation, die sich internationaler Anerkennung, vor allem in den USA, erfreuen durfte. West-Berlin konnte sich als "Leuchtfeuer der Freiheit" betrachten und mit der sich erholenden Wirtschaft auch als ein "Schaufenster des Westens". Inbegriff dessen wurde der Kurfürstendamm: Der Boulevard hatte, wie schon Siegfried Kracauer vor dem Krieg schrieb, keine Wahrzeichen vorzuzeigen, sondern war "Warenzeichen".[2] Nun wurde er selbst zum Wahrzeichen und mehr denn je zur Meile von Konsum und Vergnügen.

Gespeist wurde das West-Berliner Selbstbewusstsein jener Jahre durch das Unvermögen der DDR, einen Sozialismus mit ansehnlichem Gesicht zu entwickeln. Besucher- und Flüchtlingszahlen bewiesen die Attraktivität West-Berlins. Nikita Chruschtschow tröstete sich und Walter Ulbricht mit dem Hinweis, dass es spätestens 1961 so weit sei, dass die DDR den Lebensstandard der Bundesrepublik überholen werde: "Das wird wie eine Bombe einschlagen. Deshalb müssen wir Zeit gewinnen."[3]

Doch 1961 ließ Chruschtschow in Berlin eine ganz andere Bombe platzen. Auf Betreiben Ulbrichts wurde die Berliner Mauer errichtet, die West-Berlin zutiefst erschütterte und verunsicherte. Die Welt war für die West-Berliner nach dem 13. August 1961 nicht mehr dieselbe. Nicht länger konnten sie in den Ostteil der Stadt fahren, waren von Freunden und Verwandten abgeschnitten. Erst der Besuch von US-Präsident John F. Kennedy 1963 gab West-Berlin die Sicherheit zurück und stärkte das Bewusstsein, Vorposten der freien Welt zu sein, auch wenn die Kuba-Krise die Halbstadt aus dem Fokus des Kalten Krieges rückte, was zugleich einen Zugewinn an Sicherheit, aber auch einen Bedeutungsverlust bescherte. Für die Bewohner Ost-Berlins wurde die abgeriegelte West-Hälfte der Stadt zu einer fast mythischen Größe, zum "Verbotenen Zimmer" (Helga Schubert),[4] das die wenigsten von ihnen je betreten durften, an dem aber doch alle durch Fernsehen und Rundfunk aus West-Berlin Anteil hatten.

Eine Erschütterung der wiedergewonnenen Selbstgewissheit der "Blockade-" und "Mauerbau-Berliner" bedeutete die Studentenrevolte von 1967/68. Der Protest gegen die USA wegen deren Vietnam-Krieg war vielen West-Berlinern unverständlich, erlebten sie doch die USA überzeugt und selbstverständlich als ihre Schutzmacht, welche die Existenz West-Berlins inmitten der DDR sicherte. Es wurde evident, dass sich eine neue, meist nicht aus West-Berlin stammende Generation in der Stadt deutlich bemerkbar machte, der die alte West-Berliner Mentalität herzlich fremd war. Studentenführer Rudi Dutschke etwa demonstrierte in einem Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger das totale Unverständnis gegenüber dem überkommenen West-Berlin,[5] wenn er forderte, dass die "radikale Intelligenz" die Universität auflösen müsse, denn ganz Berlin sollte seiner Meinung nach zur Universität, zu einer lernenden Gesellschaft werden. Die Arbeiter seien zur Übernahme der Industrie zu erziehen, die Bürokratie und die Polizei müssten zerstört werden. Da er die "Bürokraten" als für in der Produktion nicht "verwertbar" betrachtete, hielt er es für unausweichlich, dass der Großteil des Verwaltungspersonals nach Westdeutschland emigrieren müsse.[6] Wer zur "Umerziehung" nicht tauge, dem sollte die Möglichkeit gegeben werden, auszuwandern.

Die jungen Menschen aus dem Bundesgebiet, die nach West-Berlin strömten, verfolgten nicht mehr derart radikale Vorstellungen, wollten hier aber jenes freiere, auch vom Wehrdienst befreite Leben führen, das sie aus der Enge der bundesrepublikanischen Provinz hierher geführt hatte. Eine vielfältige Alternativkultur entwickelte sich, die ihrerseits wiederum höchst disparat war und politisch engagierte Gruppen ebenso umfasste wie allein an der Entfaltung ihres ökologisch-alternativen Lebensstils interessierte Milieus.

Die bis zur Polarisierung reichende Pluralität der West-Berliner Gesellschaft wurde anlässlich der 750-Jahr-Feiern von 1987 deutlich. Die DDR hatte sich an die schon 1983 intern festgelegte Devise gehalten, West-Berliner "Versuche, innerstädtische Kontakte zu entwickeln (...) und Absprachen, die auf eine abgestimmte Vorbereitung der 750-Jahr-Feier" zielten, zurückzuweisen.[7] So geriet West-Berlin wieder in seine angestammte Rolle, als politischer Solitär eine Vorzeigeposition einzunehmen, wie es seit den Anfängen 1948 der Fall war, wobei Glanz und Opulenz der Jubiläumsfeierlichkeiten weitgehend geliehen waren. Betrug ohnedies schon der Bundeszuschuss 50 Prozent des Landeshaushalts, so wurden nun zusätzliche Mittel bereitgestellt. "Geld gab es aus dem Gartenschlauch", lautete eine spöttische Formulierung jener Zeit.

Die Idee, West-Berlin als Beispiel einer urban-metropolitanen Gesellschaft der Vielfalt darzustellen, scheiterte allerdings, weil sich die inzwischen etablierte Alternativszene nicht integrieren wollte. Die offiziöse Beschreibung West-Berlins als "junger, unruhiger, rebellischer Stadt, einer Stadt des politischen und sozialen Aufbegehrens"[8] fand mit nahezu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Kreuzberg eine ungewollt radikale Entsprechung. Die regierende CDU versuchte die Spannungen in der Stadt einerseits durch Ausgrenzung der nicht mehr ins herkömmliche Bild West-Berlins passenden Gruppen als "Antiberliner" zu bewältigen. Andererseits wurde an der Schraube einer möglichst glänzenden Selbstdarstellung der Stadt gedreht, bis sie 1988 mit einem Veranstaltungsmarathon überdreht wurde, als die Stadt Kulturhauptstadt Europas war.

Fußnoten

2.
Siegfried Kracauer, Straßen in Berlin und anderswo (1964), Berlin 2008, S. 126.
3.
Zit. nach: Hope M. Harrison, Driving the Soviets up the Wall. Soviet-East German Relations 1953 - 1961, Princeton 2003, S. 124.
4.
Helga Schubert, Das verbotene Zimmer, Darmstadt 1984.
5.
Vgl. Kursbuch, Nr. 14 (1968), S. 146ff.
6.
Vgl. ebd., S. 166.
7.
Vgl. Steffen M. Alisch, "Die Insel sollte sich das Meer nicht zum Feind machen!" Die Berlin-Politik der SED zwischen Bau und Fall der Mauer, Stamsried 2004, S. 351ff.
8.
Berlin, Berlin. Die Ausstellung zur Geschichte der Stadt, Berlin 1987, S. 54

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