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4.3.2010 | Von:
Wilfried Rott

Abschied von West-Berlin

Sinnkrise vor dem Mauerfall

Immer unsicherer wurde das Selbstverständnis West-Berlins. Die schon seit den Anfängen die Stadt begleitende Hölderlin-Frage "Wohin denn ich?" war immer schwerer zu beantworten, je "normaler" die Lebensverhältnisse in West-Berlin vor allem durch den 1972 geschlossenen Grundlagenvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR wurden. Es galt noch immer und verstärkt, was der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz 1964 in seinem Tagebuch notiert hatte: "Berlin wirkt wie jemand, der geradewegs und sicher voranschreitet, nur daß man nicht weiß wohin."[9]

1989 verlor die als sicherer Sieger erwartete CDU überraschend die Abgeordnetenhauswahl, und SPD und AL bildeten eine Koalition. Beide Parteien hatten kein taugliches Verhältnis zu den sich vor ihrer Haustür in Ost-Berlin und der DDR vollziehenden Veränderungen. Die SPD verfolgte konsequent die Kooperation mit der Staats- und Parteiführung in Ost-Berlin. Über Jahre hatte sie Kontakte zur SED unterhalten und war, DDR-Protokollen zufolge, dabei zu weitreichenden Zugeständnissen bereit.[10] Kontakte mit den Bürgerrechtsgruppen wurden dagegen vermieden, weil in ihnen vor allem destabilisierende Elemente gesehen wurden. Dementsprechend reagierte Walter Momper, seit April 1989 Regierender Bürgermeister, nicht auf ein Schreiben der "Umweltbibliothek" in Ost-Berlin.

Gleich doppelt belastet wurde das Verhältnis zu den Bürgerrechtsgruppen durch die AL. Deren Umweltsenatorin Michaele Schreyer regelte das Müllproblem West-Berlins durch ein Abkommen mit der DDR, das umweltschädliche Deponien im Umland Berlins zur Folge hatte, gegen die Bürgerrechtsgruppen vergeblich protestierten. Die AL, an deutschland- und berlinpolitischen Fragen nur marginal interessiert, war 1989 bereits auf den Kurs eingeschwenkt, den ihr Pressesprecher Dirk Schneider (für die DDR-Staatssicherheit als IM "Ludwig" tätig) betrieben hatte und der bis hin zur Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft mit den Forderungen der SED übereinstimmte. AL-Mitglieder, die Kontakte zu Bürgerrechtlern im Osten pflegten, wurden als "Pickelhauben-Fraktion" denunziert und ihre Versuche, mit in die DDR geschmuggelten Druckern, Computern oder Fotokopierern die Bürgerrechtler zu unterstützen, diskreditiert. Die Solidarität mit den DDR-Bürgerrechtlern sei von Schneider und Konsorten verhindert worden, urteilte später ein AL-Mitglied der Vorwendezeit.[11]

Schon einen Tag nach dem Mauerfall wurde deutlich, dass das regierende SPD-AL-Bündnis kein überzeugtes Verhältnis zur neuen Situation gegenüber Ost-Berlin entwickelte. In einer Sondersitzung des Abgeordnetenhauses sträubte sich die AL gegen eine gemeinsame Erklärung, weil in ihr von der deutschen Einheit die Rede war. Eine Wiedervereinigung galt als "reaktionäres Projekt", und auf den Fall der Mauer war man "gedanklich überhaupt nicht vorbereitet", wie der AL-Politiker Wolfgang Wieland nachträglich selbstkritisch anmerkte.[12] SPD und AL einigten sich schließlich auf einen Resolutionstext von eiertänzerischer Vagheit und sprachlicher Unübersichtlichkeit, der vor allem vom Unvermögen kündete, auf einen weltpolitischen Vorgang angemessen zu reagieren. Vor dem Schöneberger Rathaus, wo einst John F. Kennedy sein "Ich bin ein Berliner" gesprochen hatte, fand sich statt der üblichen Jubel-Berliner aus kleinbürgerlichem Milieu ein links-alternatives Publikum ein, das die Politiker, vor allem Bundeskanzler Helmut Kohl, am 10. November 1989 mit einem Pfeifkonzert bedachte. Momper, der beharrlich vom "Volk der DDR" und einem "Wiedersehen, nicht einer Wiedervereinigung" sprach, erntete nicht viel Beifall, aber die wütende Reaktion des Bundeskanzlers: "Lenin spricht!"

Die Stärke West-Berlins lag nach dem Mauerfall gewiss nicht im Politischen, sondern im Materiellen und Menschlichen. In der Nacht vom 9. zum 10. November schlug den Ost-Berlinern eine Woge der Sympathie entgegen, die nur langsam verebbte, auch wenn die West-Berliner manche Unannehmlichkeiten und Fremdheiten erlebten. Die großen Einkaufsstraßen waren plötzlich von Menschen überschwemmt, die in ihrer Kleidung, den Kindern an der einen und den Dederonbeutel in der anderen Hand reichlich fremd waren. Zugleich aber bewies der nur durch den Devisenmangel gehemmte Kaufwille der Ost-Berliner eine Qualität der Stadt, die nun nicht mehr nur Schaufenster, sondern Warenhaus des Westens war, das massiv gestürmt wurde. Nur eine U- oder S-Bahnfahrt benötigte es, um vom tristen sozialistischen Ambiente in die bunte Welt von West-Berlin einzutauchen. Diese Nähe war es auch, die alle Pläne, weiter zwei nicht mehr durch eine Mauer getrennte Gesellschaftssysteme nebeneinander bestehen zu lassen, zu Makulatur werden ließen. "Demokratischer Sozialismus am einen Ende der Friedrichstraße und Sozialdemokratie am anderen?", fragte der britische Historiker Timothy Garton Ash - eine Unmöglichkeit, und West-Berlin war gewiss nicht gewillt, diesen "Dritten Weg" zu gehen.[13]

Fußnoten

9.
Witold Gombrowicz, Tagebuch 1953 - 1969, Frankfurt/M. 2004, S. 859.
10.
Vgl. zu den auf mehreren Ebenen geführten Gesprächen der West-Berliner SPD mit der SED S. Alisch (Anm. 7), S. 351ff.
11.
Vgl. zur AL und ihrem Verhältnis zur DDR u.a. Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik, Berlin 1999, sowie Welt online vom 26. 11. 1999 und Die Zeit, Nr. 11 (1992).
12.
Zit. nach: Stachelige Argumente, 4 (2003).
13.
Vgl. Timothy Garton Ash, Im Namen Europas, München 1993, S. 306.

Dossier

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