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16.2.2010 | Von:
Josef Klein

Sprache und Macht

Sprache der Machtunterworfenen: Protest und Partizipation

Protestsprache ist vor allem dann eine Machtressource, wenn sie in Demonstrationen und Großkundgebungen kollektiv artikuliert wird. Ihre Medien sind Transparente, Sprechchöre und Lautsprecher. Dazu kommt, wenn möglich, Berichterstattung in den Massenmedien. Der persuasive Sprachmodus des Protests hat eine spezifische Ausprägung: kritisierend und nachdrücklich fordernd. Protest ist der Ort des kraftvollen, gegebenenfalls provokativen Kurzsatzes, der im Gedächtnis haften bleibt: als Parole auf Transparenten und Buttons ("Atomkraft? Nein danke"), als Sprechchor ("Wir sind das Volk!") oder als Kernsatz des Hauptredners ("I have a dream").

Die Sprache des Protestes pflegt den Kontrast zur Sprache der politischen Institutionen. Stets findet man die Sprache der Lebenswelt der Protestierer. Sprachroutinen der "politischen Klasse" werden gern in witzig-sarkastischen Sprachspielen aufgespießt. Demonstrationen, Kundgebungen, Besetzungen, Blockaden, Lichterketten etc. sind vielfach Teil von Kampagnen, in denen die zentralen Parolen als verknüpfende Slogans und Erkennungsmarken fungieren. Flankierende Textsorten sind Leserbriefe und Testimonial-Anzeigen in der Presse, neuerdings Weblogs: In Italien hat eine Gemeinschaft von Bloggern im Dezember 2009 mehrere hunderttausend Menschen in Rom zur Demonstration gegen Ministerpräsident Silvio Berlusconi zusammengebracht.

Wahlen und Volksentscheide sind Formen institutioneller Partizipation. Wenn Volksabstimmungen aus der Zivilgesellschaft heraus initiiert werden, haben die Machtunterworfenen "selbst das Wort". Solche Kampagnen gleichen in Vielem den Wahlkampagnen von Politkern. Wo direktdemokratische Verfahren noch nicht selbstverständlich sind, weisen Texte der Initiatoren gern Stilelemente des vorpartizipatorischen Protests oder des demokratietheoretischen Diskurses auf. So lautete der Slogan der Initiative gegen die Schließung des Berliner Flughafens Tempelhof 2008: "Alle Macht geht vom Volke aus". Zu den institutionellen Partizipationsmöglichkeiten zählt die Bürgerbeteiligung bei kommunalen Planungsmaßnahmen. Dort überwiegt unverblümte Alltagssprache und Emotionsrhetorik.

In funktionierenden Demokratien muss zivilgesellschaftlicher Protest die Chance haben, sich politisch durchzusetzen, gegebenenfalls als eine Art informelle Partizipation. Am spektakulärsten war in Deutschland der Weg des Umweltdiskurses von der zivilgesellschaftlichen Protestbewegung über die Gründung und Etablierung der Partei Die Grünen bis zur Integration des Themas in die Politik aller Parteien und zur vielfältigen Manifestation in Gesetzgebung und allgemeinem Bewusstsein. Im deutschen Wortschatz hat sich das breit durchgesetzt: Zum einen fachsprachlich in umweltwissenschaftlichen, umwelttechnischen und umweltrechtlichen Fachterminologien, zum anderen politiksprachlich in Streitvokabeln um AKWs und CO2-Schleudern und schließlich alltagssprachlich in einem ausgedehntem Vokabular von Müll trennen bis Klimakatastrophe und zahllosen Fügungen, die mit bio-, öko- oder umwelt- beginnen.


Joachim Scharloth

Revolution der Sprache?

"Unordentliche" Kleidung, lange Haare und offene Verstöße gegen Benimmformen: Die 68er-Bewegung war eine Rebellion gegen die herrschende Ordnung. Auch in der Sprache und Kommunikationsritualen sorgten die 68er für reichlich Unordnung.

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