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26.9.2011 | Von:
Franz Smets

Schlaglichter aus einem Land ohne klare Richtung - Essay

Hinter der Fassade des aufstrebenden Schwellenlandes verbergen sich schwer­wiegende Probleme: Armut, Korruption und ein "Drogenkrieg", der zunehmend auch die Menschenrechtslage verschlechtert.

Einleitung

Die Avenida Paseo de la Reforma ist die historische Prachtstraße im Herzen von Mexiko-Stadt. Mit insgesamt 14 Spuren zieht sich der Boulevard von West nach Ost durch das Stadtzentrum. Unter den Glasfassaden der Hotels, Banken und Versicherungen, die inzwischen fast alle zweistöckigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert verdrängt haben, und Tausenden von scheinbar stets grünen Bäumen stehen Dutzende Statuen und zahlreiche Denkmäler, die an historische Persönlichkeiten erinnern sollen: Ixtacalli, Kolumbus, Moctezuma, Cuauthémoc. Daneben gibt es eine Menge moderner Kunst. So sieht sich Mexiko, so zeigt sich Mexiko: Verliebt in seine Geschichte, aber modern und offen für Neues, gastfreundlich und unvoreingenommen gegenüber Fremden. Doch ist dies nur die Oberfläche. Hinter der glitzernden Fassade tut sich ein anderes Mexiko auf: Gebäude, die nur von der Farbe zusammengehalten zu sein scheinen, Baulücken aus der Zeit des Erdbebens von 1985, Bettler, Prostitution. In Stadtteilen weiter östlich, wie die Delegacion Iztapalapa, fehlt es häufig an grundlegenden kommunalen Dienstleistungen wie fließendem Wasser oder einer Müllabfuhr. Und die zur Hauptstadtregion zählende Stadt Chalco wird regelmäßig von den Abwassern von Millionen Menschen überflutet.

Das alles gehört zur Hauptstadt mit seinen über 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, aber auch zu ganz Mexiko, von dem niemand so recht weiß, wie es regiert wird, wie es funktioniert. Dass es überhaupt funktioniert, ist zumindest erstaunlich. "Die Nation ist gefangen in einem Circulus vitiosus. Es ist nicht gelungen, ihn zu durchbrechen, weil das Land fast wie durch ein Wunder überlebt, und zwar trotz der vertanen Chancen", hieß es jüngst in einer Studie von Wissenschaftlern der Autonomen Nationaluniversität (UNAM) über die Befindlichkeit Mexikos.[1] Für die beiden Autoren ist die Geschichte ihres Landes ein Roman, der, wenn er tatsächlich so geschrieben würde, ein Bestseller wäre. Es ist alles vorhanden: finstere Personen, Grenzsituationen, Heroisches, Machtkämpfe, Blut, Opfer, Intrigen und Hoffnungen. Nur das glückliche Ende wird stets auf den Sanktnimmerleinstag verschoben.

Die mexikanische Bevölkerung ist von 40 Millionen Einwohnern im Jahr 1970 auf rund 112 Millionen Einwohner heute angewachsen, dazu leben über 10 Millionen Mexikaner in den USA. Das Land ist über fünfmal so groß wie Deutschland und besteht aus 31 Staaten und einem Bundesdistrikt. Sein wirtschaftliches Kapital sind vor allem Öl und Gas sowie Metalle wie Gold, Silber, Zinn und Kupfer. Es gibt alle Klimazonen, Wüsten, tropische Wälder und Gletscher in über 5.000 Meter Höhe. Zudem verfügt Mexiko über mindestens 10.000 Kilometer Küste mit den schönsten Stränden an beiden großen Ozeanen. An der engsten Stelle, dem Isthmus von Tehuantepec, sind Atlantik und Pazifik lediglich zwei Autostunden voneinander entfernt. Hier unter anderem hat das Schwellenland damit begonnen, modern zu werden und mit Wind Strom zu erzeugen.

Mexiko ist ein Land der Gegensätze. Regelmäßig kommt es zu Naturkatastrophen, weil es im Sommer zu heiß ist und die Wälder und Ackerflächen niederbrennen. Danach bringt die Regenzeit mit ihren Wirbelstürmen hundertfachen Tod. Die Menschen ertrinken in reißenden Flüssen und kommen in Erdlawinen um, die von den Regenmassen ausgelöst werden. Und in den Wintermonaten erfrieren im Norden die Menschen, während die wohlhabenderen Mexikaner im karibischen Cancún oder in Acapulco im Pazifik baden. Es gibt sowohl unermesslichen Reichtum wie in Nordamerika als auch so große Armut wie in Haiti, dem ärmsten Land in Amerika.

Fußnoten

1.
Alejandro Rosas/Ricardo Cayuela, El Mexico que nos duele. Cronica de un pais sin Rumbo, Mexiko-Stadt 2011.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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