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26.9.2011 | Von:
Karl-Dieter Hoffmann

Calderons gescheiterter Feldzug gegen die Drogenkartelle

Expansion und Korruption

Das mit Abstand wichtigste Funktionselement im Distributionsnetz der Drogenkartelle stellen die stark frequentierten Grenzübergänge zu den USA dar. In Tijuana oder Ciudad Juárez konnten nur deshalb mächtige Drogenbanden entstehen, weil die nahegelegenen ports of entry in die USA optimale Schmuggelmöglichkeiten offerieren. Eine enorme Wertsteigerung im Geschäftskalkül der Kartelle erfuhren die Handelsplätze (plazas) in unmittelbarer Nähe von wichtigen Grenzübergängen nach dem Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) 1994. Seither hat sich der Warenaustausch zwischen den USA und Mexiko vervielfacht. Der tägliche Grenzverkehr in die USA ist so groß, dass sich die Kontrollen auf US-Seite auf Stichproben beschränken. Die Bedeutung der ports of entry bei Tijuana und Ciudad Juárez wird nur noch vom Grenzübergang zwischen Nuevo Laredo und Laredo (Texas) übertroffen, wo mehr mexikanische Waren die Grenze passieren als an jedem anderen der insgesamt 25 Kontrollpunkte. Die plaza Nuevo Laredo bildete lange Zeit die strategische Relaisstation im Einflussgebiet des Golf-Kartells.

Mittlerweile ist es den mexikanischen Kartellen gelungen, ihren Einfluss weit über das nationale Territorium hinaus auszuweiten. Den US-Justizbehörden zufolge kontrollieren mexikanische Organisationen seit etwa 2008 den Großhandel mit Kokain und anderen Suchtmitteln in nahezu allen Großstädten der Vereinigten Staaten.[5] Die in den USA operierenden gangs sind zwar keine direkten Ableger der in Mexiko aktiven Kartelle, unterhalten aber enge Verbindungen zu diesen. Ihre Mitglieder rekrutieren sich in der Regel aus in den USA lebenden Mexikanern. Außerdem haben mexikanische Drogenbanden ihre Präsenz in den Staaten des zentralamerikanischen Isthmus verstärkt, über den die wichtigsten Lieferrouten für Kokain verlaufen.

Einen Teil der großen Gewinne nutzen die Kartelle zur Korrumpierung staatlicher Stellen und Funktionsträger. Besonders zweckmäßig ist die Bestechung von Mitgliedern oder auch ganzen Einheiten der Munizipalpolizei, weil sich die konkreten Aktivitäten der Drogenbanden stets im lokalen Rahmen abspielen. Begünstigend wirkt dabei zum einen die dezentrale Organisationsstruktur der mexikanischen Polizei, zum anderen der Umstand, dass das Delikt "illegaler Drogenhandel" in die Kompetenz der Bundespolizei fällt. Auch der Ruf der Polizeibehörden auf der Ebene der Gliedstaaten und des Bundes hat infolge zahlreicher Korruptionsskandale arg gelitten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere ranghohe Polizisten als Kollaborateure des einen oder anderen Drogenkartells enttarnt.[6] Zahlreiche fehlgeschlagene Polizeiaktionen gegen Drogenbosse sind darauf zurückzuführen, dass die Einsatzpläne von Informanten aus den eigenen Reihen verraten wurden. Eine Serie von Säuberungsaktionen auf allen drei Ebenen der Polizeibehörden und mehrere organisatorische Reformen bei der Bundespolizei zeitigten allenfalls kurzfristige Erfolge. Auch die 2001 von Präsident Vicente Fox (2000-2006) nach dem Vorbild des FBI geschaffene und mittlerweile schon wieder aufgelöste Bundespolizeibehörde AFI erwies sich keineswegs als korruptionsresistent. Sichtbare Erfolge der von Calderon initiierten Polizeireformen beschränken sich bislang auf die Bundesebene, während insbesondere im Munizipalbereich kaum Verbesserungen erzielt werden konnten.[7] Nach wie vor kommt es häufig vor, dass lokale Polizeieinheiten wegen Kollaboration mit dem organisierten Verbrechen kollektiv vom Dienst suspendiert werden; in Hunderten von Fällen übernahmen Militäroffiziere die Führung von städtischen Polizeibehörden. Ein Teil der entlassenen Polizisten heuert mangels Alternativen bei den Drogenbanden an. Schon einige der bekanntesten Drogenbosse der ersten Generation taten früher bei der Polizei Dienst.

Die in starkem Maße durch die notorische Korruption bedingte mangelnde Effizienz der Polizeibehörden gilt als einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Präsident Calderon die Bekämpfung der Drogenkartelle dem Militär übertrug. Nun lässt sich kaum bestreiten, dass die Streitkräfte bei weitem nicht so korruptionsanfällig sind wie die Polizei. Das Risiko steigt allerdings in dem Maße an, wie das Militär in die Bekämpfung der Drogenkriminalität einbezogen wird. Seit einigen Jahren bemühen sich die Kartelle auch verstärkt um die Bestechung von Zollbeamten und Sicherheitspersonal auf US-Seite. Die erfolgreiche Rekrutierung eines solchen Kollaborateurs hat für die Kartelle einen Nutzwert, der auf heimischem Gebiet allenfalls von Informanten und Protektoren in der Führungsebene staatlicher Einrichtungen übertroffen wird. Infolge der Eskalation der blutigen Fehde zwischen den verfeindeten Drogenbanden haben sich die Voraussetzungen für die Rekrutierung von Kollaborateuren und Informanten innerhalb staatlicher Einrichtungen eher verbessert. Die ausufernde Gewalt hat eine allgemeine Atmosphäre der Bedrohung geschaffen, die der makaber-zynischen Alternative plata o plomo (Geld oder Blei) traurige Relevanz verleiht.

Fußnoten

5.
Vgl. U.S. Department of Justice, National Drug Threat Assessment, Washington, DC 2010.
6.
Siehe Anabel Hernández, Los señores del narco, México, DF 2010.
7.
Siehe Daniel Sabet, Police Reform in Mexico: Advances and Persistent Obstacles, in: Eric L. Olson et al. (eds.), Shared Responsibility: U.S.-Mexico Policy Options for Confronting Organized Crime, San Diego 2010, S. 247-270.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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