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26.9.2011 | Von:
Günther Maihold

Mexiko und die USA: zwischen NAFTA-Partnerschaft und Zweckgemeinschaft

Druck auf die Grenze: Migration und Gewalt

Gewalt ist an der Grenze zwischen Mexiko und den USA zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Dabei variieren die Gewalterfahrungen von Entführungen, Raub, Erpressung und sexueller Gewalt bis zur Ermordung durch Drogenkartelle, Schmuggler oder sogar korrupte Mitglieder der mexikanischen Sicherheitsorgane. Die Entdeckung von Massengräbern mit 72 Ermordeten im August 2010 und 145 Toten im April 2011 im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas hat erneut verdeutlicht, dass der (illegale) Grenzübertritt in die USA nicht nur durch die Umweltbedingungen (Durchquerung von Wüsten und Gewässern) mit dem Tod enden kann, auch die Versuche der Drogenkartelle, die Migranten zu Kurierdiensten zu zwingen und dadurch ihr eigenes Geschäft gewaltsam zu befördern, hat vielen verzweifelten Menschen aus Mexiko und Zentralamerika das Leben gekostet.

Die Daten weisen ein paradoxes Bild aus: Während die Zahl der Aufgriffe illegaler Migranten an der Südgrenze der USA im Zeitraum von 2004 bis 2009 um mehr als 50 Prozent zurückgegangen ist, hat sich die Zahl der Toten an der Grenze im gleichen Zeitraum um 28 Prozent erhöht. Obwohl nach Umfragen 80 bis 95 Prozent der illegalen Einwanderer auf Dienste von Schmugglerorganisationen zurückgreifen, um ihre Zukunft in den USA zu suchen,[11] weist das mexikanische Außenministerium beinahe einen Toten pro Tag an der Grenze aus, trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise in den USA, die zu einem deutlichen Rückgang der Migrantenzahlen geführt hat.[12] Gegenwärtig sind 22.000 Grenzpolizisten entlang der 3.200 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko zur Überwachung eingesetzt, gleichwohl nehmen viele US-Bürger die illegale Migration als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit wahr.[13] Nicht zuletzt ist dies auf die zunehmende Verquickung der illegalen Migration mit dem organisierten Verbrechen zurückzuführen, was in hohem Maße gewaltförmigen Ausdruck gefunden hat.

Neben die traditionellen Menschenschmuggler (coyotes, polleros), die den Migranten für rund 2.500 US-Dollar "sichere" Wege über die Grenze versprechen, sind die Drogenkartelle getreten, denen es vor allem um den Transport ihrer Ware und deren Vermarktung auf dem größten Konsumentenmarkt der Welt geht. Dabei gehen sie gewaltsam gegen jene Migranten vor, die sich weigern, diese Dienste zu übernehmen, wobei sich insbesondere die Gruppe der Zetas als besonders gewalttätig erwiesen und Massenexekutionen vorgenommen hat. Damit vermengen sich die Problemfelder Migration und Drogenökonomie im ohnedies schwierigen Beziehungsfeld zwischen Mexiko und den USA. Die Sicherheitsinteressen beider Nationen werden damit politisch schwer zu managen, und in der politischen Auseinandersetzung gewinnen Vorurteile und Ängste an Präsenz.

Menschenschmuggel und Drogenhandel sind heute die maßgeblichen Kennzeichen des illegalen Grenzverkehrs zwischen Mexiko und den USA, zunehmend gerät auch der intensive grenzüberschreitende Warenaustausch in die Reichweite dieser kriminellen Aktivitäten. Dies ist nicht weiter verwunderlich angesichts einer Grenze, die heute als die meistüberschrittene gilt. Nach Daten der US-Regierung überquerten im Jahr 2010 165,7 Millionen Personen in Autos oder zu Fuß die Grenze nach Mexiko, mehr als 4,5 Millionen Container wurden per LKW ins Nachbarland verbracht.[14] Die Frage der Sicherung und gleichzeitigen Offenheit der Grenze erhält damit zentrale Bedeutung.[15]

Fußnoten

11.
Vgl. Bryan Roberts et al., An Analysis of Migrant Smuggling Costs along the Southwest Border, Washington, DC (U.S. Department of Homeland Security) 2010, S. 4.
12.
Vgl. Direccion General Adjunta de Políticas de Proteccion - DGPME/Secretaría de Relaciones Exteriores, Migrantes mexicanos fallecidos en la frontera sur de EUA en su intento por internarse sin documentos 2004-2010, México, DF 2010.
13.
Vgl. Emma Aguila et al., United States and Mexico. Ties that Bind, Issues that Divide, Santa Monica 2010, S. 141ff.
14.
Vgl. Research and Innovative Technology Administration, Bureau of Transporation Statistics, online: www.bts.gov/programs/international/
transborder/TBDR_BC/TBDR_BCQ.html (22.7.2011).
15.
Vgl. Günther Maihold, Die neue (Ohn-)Macht der Grenze: Mexiko-USA, in: Marianne Braig/Ottmar Ette/Dieter Ingenschay/ders. (Hrsg.), Grenzen der Macht - Macht der Grenzen: Lateinamerika im globalen Kontext, Frankfurt/M. 2005, S. 39-76.

Länderprofil 14

Mexiko

Mexiko ist sowohl von Zuwanderung und Transmigration – vor allem von Mittelamerika ausgehend in die USA – betroffen, als auch von Abwanderung, zumeist in die USA. Während des vergangenen Jahrhunderts war die Abwanderung am stärksten, dennoch haben alle drei Migrationsformen Spuren hinterlassen.

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